|
Predigt Johannes 1/1-5,14 20.Sonntag nach Trinitatis 02.11.03 "Thema: Die Bibel ist
fleischliches Wort Gottes" |
|
Liebe Leser, bitte machen sie es sich gemütlich. Das heißt nicht, dass die Präparanden oder Konfirmanden quatschen sollen. Das macht ihr bei einem Actionfilm ja auch nicht. Setzen sie sich bequem hin, heute ist die Predigt etwas länger geraten. 1. Meinungen zur Bibel Die Bibel. Das Wort Gottes. Das „meist verkaufte und am weitesten verbreitete Buch der Welt. Übersetzt in 2233 Sprachen. Ein Superlativ jagt den anderen. Das alles nützt nichts, wenn es ein Buch im Schrank ist, unverstandene Seiten im Regal und kein Buchstabe in meinem Herzen. Entscheidend ist die Frage: „Lebd´s“ noch – das Wort Gottes in mir? Spricht es mich noch an? Regt es mich noch auf? Der Zukunftsforscher Robert Jungk (Ausstellung) spricht davon, dass sich in jeder Zeit die Bibel neu verlebendigen muss. “Dann wird sie nie Opium sein, sondern ein Licht, das immer wieder in eine dunkle Welt hineinleuchtet und sie zu erhellen versucht.“ Einige Jugendliche meinten, ich sollte mal fragen, wer von ihnen in der Bibel liest? Wer macht es denn? Die Jugend liest nicht in der Bibel. „Die Bibel ist langweilig“ kommt als erstes. „Die Bibel ist etwas für Alte. Die beschäftigen sich doch mit dem Tod und dem Sinn des Lebens.“ „Die Bibel ist zu schwer zum Lesen.“ „Und wen interessiert schon die Bibel?“ sagte die eine und ein anderer viel ein: „Die Bibel ist etwas für Kinder. Da gibt es viele spannende Geschichten. Die hat mir meine Mama früher immer vorgelesen.“ Und ein Erwachsener bestätigt: Mein biblisches Grundwissen habe ich aus dem Kindergottesdienst. „Manchmal wird die Bibel zu eng gesehen“ meinte einer – wie ein Joch, an dem man schwer trägt. Andererseits sagt er: „In der Bibel stehen viele Wahrheiten drin. “Und dann die überaus spannende Frage: „Was hat die Bibel eigentlich mit meinem Leben zu tun? Ich weiß am besten, was für mich gut ist. Wie kann so etwas Altes überhaupt heute noch passen.“ Ganz unterschiedliche Aussagen und Meinungen. Was ist die Bibel für sie? Die wichtigste Frage, die es immer wieder neu zu beantworten gilt, ist meines Erachtens: „Lebd´s“ noch – das Wort Gottes in mir? Spricht es mich noch an? Regt es mich noch auf? Der schönste Bibelaltar nützt uns nichts, wenn er nur Schmuck bleibt. Und gleichzeitig dürfen wir uns selbst auch ernst nehmen: Warum schmücken wir denn die Bibel? Warum liegt sie auf dem Vertico aufgeschlagen? Kostbar verziert, in Leder gebunden, übersetzt in alle Sprachen der Welt. Warum so schön coloriert? (Ausmalmöglichkeit in der Ausstellung) Warum tun wir das? Weil hier etwas von dem sichtbar wird, was Heinrich Heine schon wusste, wenn er schreibt: Lebt das Wort, so wird es von Zwergen getragen; ist das Wort tot, so können es keine Riesen aufrecht erhalten. Die Bibel hat etwas grundlegendes mit mir zu tun. Das wissen alle Christen auf der ganzen Welt. Sie ist für Milliarden von Menschen Evangelium – Gute Nachricht. 2. Auf die Suche gehen Und gleichzeitig können wir dieses Gefühl nicht erzeugen – dass dem so ist. Wir können nur dafür werben und locken und erzählen und immer wieder danach suchen. So wie wir Pilze suchen oder Gold oder ein geeignetes Mountenbike-Gelände mit Sprungschanze. Die Jugend muss nicht automatisch in der Bibel lesen. Es würde reichen, wenn die Eltern davor mit ihnen in der Bibel oder in der Kinderbibel gelesen haben oder im Gottesdienst waren. Es würde reichen, wenn in den Schulen zwischendurch manche biblische Erzählung so erzählt würde, dass das lebendige Feuer zumindest an einem Punkt überspringen könnte. Die Jugend braucht da unser Vorbild – auch wenn es jetzt vielleicht nichts austrägt, kann es dann später tragfähig werden. Es würde reichen, wenn ihr älteren Jugendlichen euch nach allen Umbrüchen wieder erinnern würdet, dass es neben allem Lifestyle und hip-sein und zu wissen, was gerade angesagt ist, wenn ihr euch da zwischendurch erinnern würdet, dass es noch mehr zwischen Himmel und Erde gibt als einen tollen Busen, ein affenscharfes Board, geile Klamotten oder jedes Wochenende Party – so wichtig diese Dinge auch alle sind. Und eigentlich wisst ihr das schon längst und das schlechte Vorbild sind wir, die Erwachsenen. Abgeschaut habt ihr euch das alles von uns. Frei ist hier keiner mehr. Denken wir nur an Halloween. Das Reformationsfest hat seine Kraft verloren – das ist die eine Sache; das ist unsere Sache. Doch wer steuert denn die ganzen Werbekampagnen und platziert mit aller Macht ein neues Verkaufsereignis, ein neues Event, ein neues Happening? Sind das die Kinder oder die Jugendlichen? Die sind dabei die Opfer, so wie die Jugend schon immer geopfert wurde auf dem Altar des Kommerz und des Missbrauchs für die eigenen Zweck, ob kommunistisch, kapitalistisch, fundamentalistisch oder faschistisch. Wer von uns Erwachsenen will denn schon Vorbild sein, auch wenn wir nicht gleich als Vorbilder akzeptiert werden. Und wir lassen sie alleine durch „nichterziehen“ oder „übererziehen“ oder „umerziehen“ oder „verziehen“. Was sagte Renate Schmidt letzthin auf der Kanzel in Thiersheim: „Ich halte es für Körperverletzung, wenn man einem dreijährigen Kind einen Fernseher ins Kinderzimmer stellt.“ Das hat auch etwas mit dem Evangelium zu tun. Nicht mit Indoktrination, sondern mit der ehrlichen Frage: „Lebd´s“ noch, mein Evangelium. „Lebd´s“ noch oder ist es zu schwach oder zu seicht, verschüttet oder zum Gesetz verkommen, hart, trocken, ungenießbar für alle Beteiligten. 3. Predigttext Joh 1,1-5.14 Warum die Bibel so wichtig ist, möchte ich euch, liebe Gemeinde an einem der schönsten Texte im Neuen Testament vorlesen. Ich lese es aus der ältesten Bibel in unserer Bibelausstellung vor. Sie stammt aus dem Jahre 1729. Das ist auf den ersten Blick kein Text für normale Menschen. Das ist so geistig, so fremd, so trocken. Ein Bibeltext, der ein Geheimnis bleibt und ein Geheimnis bleiben muss, ein Leben lang, weil Gott ein Geheimnis bleibt, mein Leben lang. 4. Wer ist dieser Gott? - Der Schöpfer. Wer ist dieser Gott, der uns hier begegnet? Wer ist dieses Wesen, das wir Gott nennen? Hier steht: „Alle Dinge sind durch dasselbige gemacht – nämlich das Wort Gottes - und ohne dasselbige ist nichts gemacht, was gemacht ist.“ Wenn Gott spricht, dann wird die Welt. Hört er auf zu sprechen, dann vergeht sie. Das müssen wir uns einmal auf der Zunge zergehen lassen. Stellt euch Bill Gates vor, Anastacia, oder die Popstars, Albert Einstein, Martin Luther, den Papst, Alice Schwarzer, Margot Käsmann, unseren Bundeskanzler, die Queen, Mutter Theresa, die Anja, die Frau Kilian oder wen auch immer wir uns vorstellen wollen. Nehmt euer Meerschweinchen oder euer Pferd, den Schrebergarten der Großeltern, den Kaktus am Fenster. Alles Wissen der Welt, alles Können der Menschen. Die Erde, der Mond, unser Sonnensystem, der Andromedanebel und alle Galaxien des Universums. Einfach alles. Und dann heißt es: „Alle Dinge sind durch das Wort Gottes gemacht und ohne das Wort Gottes ist nichts gemacht, was gemacht ist.“ Auch du bist ein Wort Gottes. Weil er dich will, bist du da. Frag nicht gleich nach Lösungen. Lass es so stehen. Das ist dein Gott. „Alle Dinge sind durch dasselbige gemacht und ohne dasselbige ist nichts gemacht, was gemacht ist.“ Und er kommt zu dir und sucht dich und bringt dir die Fülle des Lebens, das ganze Leben, nicht nur einen Teil. In ihm und mit ihm und durch ihn kannst du dein Leben betrachten, die finstersten Ecken und die hellichsten Höhen und in der Zwiesprache mit Gott dein Leben gestalten. 5. Dieser Gott ist das wahre Leben Darum heißt es ja: „In ihm war das Leben – nicht irgendein Leben, sondern das Leben - und das Leben war das Licht – nicht irgendein Licht, das das Licht - der Menschen.“ Doch die Tragödie bleibt die gleiche, wie schon damals im Paradies: „Und das Licht scheint in der Finsternis und die Finsternis haben's nicht begriffen.“ Wisst ihr: ein Adolf Hitler hätte kein Adolf Hitler werden müssen, wenn er sich aus seiner finsteren Eck in dieses Licht gestellt hätte und wenn wir Gott mehr vertraut hätten als diesem Tyrannen und Verführer, den wir uns zum Gott gemacht haben. Die Selbstvergottung des Menschen nennen wir das in der Theologie. Immer da, wo wir alleine wissen, wo unser Heil liegt und wie wir zu unserem Heil kommen, immer dann, wenn wir Gott soufflieren, wie er uns gefälligst heil zu machen hat, immer dann vergessen wir, wer denn am Anfang war und wir vertauschen die Plätze mit Gott. Doch schlussendlich werden wir nie darum herumkommen, weil es wahr ist: Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort. 6. Wie können wir von Gott wissen? Und fangen wir nicht gleich wieder an: Wie können wir denn das von Gott wissen, wie er ist und dass er so ist und dass er überhaupt ist? Wie erfahren wir denn sonst von Dingen, die vor unserer Zeit waren oder die wir nicht selbst erlebt haben? Frage in die Gemeinde: - Bilder - Erzählungen - Bücher - Filme, Spielfilme Und woher sind wir uns so sicher, dass das auch so stimmt, wie es uns erzählt wurde oder gezeigt wurde etc.? - ich kann nachfragen und mich vergewissern - ich vertraue denen, die es mir erzählen - ich sammle Fakten Und das gleiche gilt für die Bibel. Vor zweitausend Jahren erlebten und erfuhren die Jünger das, was Johannes dann niederschreibt: Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingebornen Sohns vom Vater voller Gnade und Wahrheit. Und das geht vielen Menschen heute noch so. Ich bin einer davon und hier sitzen noch viele, denen es auch so geht. Wir müssen das nicht glauben. So wie wir nicht glauben müssen, dass es vor 500 Jahren einen Martin Luther gab, der die katholische Kirche nur Reformieren wollte und daraus eine evangelische Kirche entstand mit heute weltweit 540 Millionen Protestanten. Wir müssen es nicht glauben und dennoch sehen wir die Wirkungen: Hier sind Christen, da sind Evangelische, das ist die Bibel. 7. Gott ist die Liebe. Doch die Zahlen machen es nicht. Das entscheidende ist: Lebd´s – diese Wahrheit Gottes, dass Gottes Wort Fleisch wurde, Fleisch wurde in Jesus Christus und wir in ihm sehen, wie Gott in seinem Wesen ist und was er für uns bereit hält voller Gnade und Wahrheit. Und was über allen Erzählungen von diesem Jesus von Nazareth, dem Sohn Gottes aufleuchtet ist die „Liebe“. So ist Gott. Gott ist die Liebe zu uns Menschen, zu jedem von uns, den er sucht wie ein verlorenes Schaf, den er verbindet wie der barmherzige Samariter, den er umarmt, wie der Vater den wieder heimkehrenden Sohn, der mit einem streitet, wie ein Rabbi, der einen zurechtweist, wie verantwortliche Eltern, der einen in die Freiheit des Evangeliums entlässt, wie der Auferstandene seine Gemeinde. Und die Summe alles dessen lautet: „Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ Das ist das letztgültige Wort Gottes zu uns Menschen, das wir gesehen haben und immer wieder sehen können in Jesus Christus, aufgeschrieben, bezeugt und weitererzählt in dem Buch, das wir die Bibel nennen, das fleischgewordene Wort Gottes: Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingebornen Sohns vom Vater voller Gnade und Wahrheit. In unserer Ausstellung haben wir u.a. ein Andachtsbuch, in dem ein Vater im 18. Jahrhundert die wesentlichen Ereignisse seines Lebens eingetragen hat. Und es gibt viele alte Bibeln, in denen man die wesentlichen Punkte der Familienchronik eingeschrieben hat – das eigene Leben sozusagen im Buch des Lebens oder eine Bibelstelle versehen mit dem Datum, an dem man in der Neuen Heimat angekommen ist. Das war ein geistlicher Akt. Heute stehen unsere lebenswichtigen Daten in irgendwelchen Stammbüchern oder auf irgendwelchen Magnetbändern. Das ist ein weltlicher Akt. Hartes Brot in einer harten Welt. Da ist irgendwie nicht viel geblieben. Und unsere Seele verhungert. Machen wir uns keine Sorgen. Entscheidend wird nicht sein, ob wir genug gestöhnt haben über den schwindenden Einfluss der Kirche oder Angst haben vor dem Untergang des Christentums. Es reicht, wenn jeder für sich die Frage beantworten kann, ob das Evangelium in mir noch lebt und ich darin lese und ich darüber bete und denke und ich davon spreche und wieder lese und bete und denke und spreche. Schild aufhängen: Lebd´s „Lebd´s“ noch – das Wort Gottes in mir? Pfarrer Martin Adel (Dreieinigkeitskirche Hof) |
Text:
(1)Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei
Gott, und Gott war das Wort.
|
|
Archiv |