Predigt    Jesaja 62/6-12    10. Sonntag nach Trinitatis (Israelsonntag)    20.08.06

"Innerlich verbunden"
(Von Pfarrer Martin Adel, Dreieinigkeit Hof)

Liebe Leser,

ich werde in meiner Predigt trotz des heutigen Israelsonntag nicht auf den aktuellen Nahostkonflikt eingehen. Ich habe zwar dazu eine Meinung, aber ich bin kein Politiker und überschau die Situation nur partikulär. Aber eines wird mir im Lauf der Jahre immer klarer: wer das Land Israel einmal besucht hat, der weiß, dass es wie ein Fremdkörper in dieser arabischen Umwelt erscheint. Man könnte es vielleicht damit vergleich, als ob Deutschland mitten in Afrika läge umgeben von Ländern, die an vielen Stellen anders denken, anders fühlen, anders leben. Wir wüssten dann wahrscheinlich auch nicht, wie wir uns unserer Haut erwehren sollten. Ich werden nicht auf den nun hoffentlich für längere Zeit befriedeten Krieg in Nahost eingehen, und doch will ich auf die Beziehung von Christen und Juden eingehen, ja überhaupt unsere Beziehung zum Anderen und Fremden. Denn dazu fordert der heutige Sonntag auf. Er bietet dazu auch eine Chance.

Gestörte Beziehung

Und ich beginne, wie so oft, mit einer Frage. Kennen sie einen Juden oder eine Jüdin? Nicht irgendwie aus dem Fernsehen, sondern ganz direkt, also persönlich, vielleicht sogar privat? Ich selber kann mich noch ganz genau daran erinnern, als ich damals im Zivildienst meinem ersten Juden begegnet bin. Wir hatten eine Krankenschwester auf Station, die mit einem Israeli verheiratet war. Sieglinde hieß sie. Und dann wurde ich bei ihnen zu Hause eingeladen. Meine Vorstellung von den Juden war bis dato ziemlich einseitig geprägt. Es beschränkte sich auf die Reichspogromnacht, auf den Holocaust, auf den Nahostkonflikt und auf die ehemalige, große Synagoge in unserem Dorf, die damals noch als Fußballhalle, als Gemeindegefriere und als Abstellraum für den gemeindlichen Schneepflug benutzt wurde.  

Befangenheit machte sich bei mir breit und Scham und die Unsicherheit, wie man sich nach einer solchen Geschichte überhaupt begegnen kann. Und dann stand ich vor ihrer Tür im zweiten Stock mit feuchten Händen, schnaufte zweimal kräftig durch und klingelte. Die Tür ging auf und in leicht gebrochenem Deutsch hörte ich einen jungen Mann sagen: „Hallo, komm rein. Ich bin der Ronny.“ Es wurde ein unverkrampfter Abend. Wir sahen uns noch öfter und später habe ich ihnen beim Umzug geholfen. Danach hat sich der Kontakt verlaufen. Kennen sie einen Juden oder eine Jüdin?

Deutsche und Juden haben eine gestörte Beziehung. Viele schon vor dem Holocaust und alle danach. Das drückt dieses Bild klar und deutlich aus. Wir sehen den siebenarmigen Leuchter der Juden, die Menora. Er stand im Tempel von Jerusalem. Ein Symbol für die Gegenwart Gottes, für sein Licht, für den Lebensbaum und ewiges Leben. Die Kerzen sind erloschen. Eine Kerze ist herunter gestoßen. Man kann die gestürzte Kerze nicht einfach wieder auf den Leuchter stellen und darauf hoffen, dass alles vergessen ist.

So wie die Alten den Krieg nicht loswerden und so viele sich immer noch ihrer Jugend beraubt fühlen, so werden die jüdischen Familien die großen Lücken in ihren Stammbäumen nicht los. Und viele sind sogar ganz ausgelöscht worden. Deutsche und Juden haben eine gestörte Beziehung. Aber das wird nicht dadurch besser, dass wir immer nur über die schreckliche Vergangenheit in unserer jüngsten deutschen Geschichte und in Europa reden, sondern erst, wenn wir die Befangenheit überwinden und natürlich und normal miteinander umgehen. Wir müssen uns begegnen und uns wieder kennen lernen, so wie wir es mit unseren Partnerstädten in Frankreich tun oder mit Plauen oder mit unseren tschechischen Nachbarn über die Landesgartenschau in Marktredwitz und Eger.

Keiner verliert seine Identität, wenn er dem anderen, dem Fremden offen begegnet. Ganz im Gegenteil: Wir werden bereichert, unser Horizont wird vergrößert und oftmals werden wir in unserer eigenen Identität sogar klarer. Es ist eben ein Gott. Eine Schöpfung. Eine Menschheit – alle sind wir Geschöpfe, Geschöpfe Gottes. Was fällt uns ein, dass wir den anderen degradieren. Als Untermenschen haben wir es uns weiß machen lassen. Brauchen wir das, damit wir uns daran aufgeilen und selber in einem besseren Licht dastehen.
Wissen wir noch, was wir am anderen haben?
Das Porzellan: Es wurde in China erfunden.
Unsere lateinische Schrift: Sie stammt aus Italien.
Unsere Zahlen: Sie stammen aus Arabien.
Wissenschaft. Kultur. Fortschritt. Sie sind international und bereichert uns alle.
Und dann kommen die Kritiker von unserem Weihnachtsstern und meinen: Ihr habt ja einen Judenstern auf den Kirchturm gehängt. Ja! Und? Was spricht dagegen? Es ist ein Davidstern. Der Stern, der über Bethlehem erschienen ist. Und die Menschen, die die Geburt Jesu deuten konnten, weil sie das Alte Testament, die Bibel der Juden ganz genau studiert und gekannt hatten, die haben den Weg zum Sohn Gottes als Erste gefunden.

Bereicherung

Und wir schämen uns nicht, sondern wir sind stolz darauf, dass die Geschichten von Christen und Juden in ihren Wurzeln so eng miteinander verbunden sind. Was würde uns Christen fehlen, wenn wir nicht das Alte Testament hätten? Am Israelsonntag dürfen wir uns noch einmal ausdrücklich daran erinnern, wie wir miteinander verbunden sind, auch wenn die Juden das durchaus anders sehen würden. Israel bleibt das „auserwählte Volk“ Gottes, auch wenn wir glauben, dass wir in Christus bereits den Messias gesehen haben und die Schrift erfüllt ist und an die Stelle des Gesetzes das Evangelium getreten ist.

Wir bleiben in den Wurzeln unseres Glaubens Geschwister. Und so wie Jesus nur auf dem Hintergrund des jüdischen Glaubens als der Messias, als der Sohn Gottes verstanden werden konnte, so bleiben auch wir aneinander gewiesen. Das ist wie bei einem veredelten Apfelbaum. Ohne den ursprünglichen Stamm würden oben keine leckeren Äpfel wachsen können. Und so ist das mit uns, wenn wir uns unserer jüdischen Wurzeln entledigen wollten. Das geht nämlich gar nicht. Selbst Jesus sagte, dass kein Jota verloren gehen soll, sondern dass es in ihm erfüllt ist. Und wenn er, der Sohn Gottes, das so sieht, was fällt uns ein, dass wir Späteren es besser wissen wollten. Das meiste, das uns trennt, ist dann doch meistens nur Neid oder Angst oder Habgier oder Minderwertigkeitsgefühle. Jedes Pogrom ein willkommener Anlass, gesteuert von wenigen, um der Masse „Brot und Spiele“ zu bieten und sich gleichzeitig am Verfolgten schamlos zu bereichern.

Hatten sie schon einmal die Möglichkeit, das jüdische Museum in Berlin zu besuchen. Nicht nur ein imposantes Gebäude, sondern es ist angefüllt mit der Vielfalt jüdischen Lebens mitten unter uns in Deutschland – Leben, das fast vollständig ausgelöscht wurde in dem Wahn von nur 12 Jahren. Jahrhunderte lange Geschichte. Und wir sind an manchen Stellen auf dem besten Weg dabei, wieder ähnliche Fehler zu begehen. Für den 16.September plant die NPD eine Kundgebung in Hof. Die Wunsiedler sind sie Gott-sei-Dank los geworden, weil sie nicht locker gelassen haben. Wir müssen wachsam sein und aufpassen.

In Sachsen lies vor zwei Jahren die evang. Landeskirche zur Landtagswahl in allen Gottesdiensten verlesen: Christen gehen zur Wahl! Und sie wählen demokratisch. Das ist ein Bekenntnis! Das Leben ist nicht einfach. Vor allem nicht, wenn wir ernsthaft dem Wort Gottes nachfolgen wollen. Aber genau dazu fordert uns so ein Israelsonntag heraus. Dass wir uns wieder klar werden, wie unser Verhältnis zum Anderen ist. Nicht nur zum Juden. Sondern auch zum Fremden. Zum Fremdgewordenen? Begegnen wir einander? Wollen wir einander begegnen? Wer streckt die Hand aus und nicht hoch?

Oder haben wir nur Angst vor Überfremdung – was für ein hässliches Wort. Da bewahrten sich Deutsche in der Fremde, in Russland und anderswo über Jahrhunderte ihre Kultur, ihre Sprache und ihre Identität, gegen alle Repressalien und Unterdrückung und wir haben im eigenen Land Angst vor Überfremdung. Wenn wir den anderen ausschließen, dann bleibt er der Fremde. Laden wir ihn ein, dann können wir das andere entdecken, um dabei vielleicht sogar festzustellen, dass das eigene gar nicht so schlecht ist und sich auch sehen lassen kann.

Stellen sie sich eine moderne Küche vor ohne Spaghetti, ohne Pizza, ohne Basilikum, ohne Balsamico-Essig. Keinen Rotwein aus Frankreich. Keine Ouzo aus Griechenland. Keinen Tee aus Ceylon und keinen Kaffee aus Mexiko. Keinen Computerchip aus Indonesien. Und dann wird man angegangen, ob man denn seinen Kindern unbedingt solche jüdischen Namen geben muss, wie: Jakob oder Rebekka oder Mirjam oder Sarah oder Daniel oder David oder ...
Gott-sei-Dank sind wir Jungen trotz unserer Belastungen doch unbelasteter. Und Gott-sei-Dank haben wir den braunen Sumpf im Großen überwunden und sind von Herzen Demokraten geworden.
Ein Reporter des bayerischen Fernsehens hat bei einem Straßenfest aus Anlass der Weltmeisterschaft in Bayreuth gesagt, dass er sich über das bunte Fahnenmehr sehr freue, da jetzt den Neonazis auch noch die Farben geklaut worden seien. Ein starkes Bild.

Das Verhältnis zwischen Christen und Juden in unserem Land wird wieder unverkrampfter und natürlicher. Es ist nicht mehr nur auf den Holocaust fixiert, sondern wir sehen, was wir uns selbst angetan haben und entdecken den anderen neu. So ein gemeinsamer Gottesdienst von Juden und Christen, wie er im Frühjahr diesen Jahres in Moschendorf gefeiert wurde ist dabei ein hoffnungsvolles Zeichen. Und wir erinnern uns wieder unserer gemeinsamen Wurzeln, angefangen mit der Schöpfungsgeschichte, mit Abraham, Isaak und Jakob, mit Mose und der Wüstenwanderung, mit den Psalmen: Der Herr ist mein Hirte oder Lobet den Herren und alles was in mir ist seinen heiligen Namen. Denken wir nur an die Propheten, den gemalten Jona-Zyklus in unserem Kirchenraum, die zehn Gebote oder die große Zusammenfassung durch das Doppelgebot der Liebe, wie wir sie heute aus dem Markusevangelium gehört haben: „Du sollst den Herrn, deine Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüte und von allen deinen Kräften.“ Und „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“
Alles Worte aus dem Alten Testament, den gemeinsamen heiligen Schriften von Juden und Christen.

Wir dürfen nicht aufgeben, den anderen zu suchen, weil er ein Teil von uns selbst ist. Fleisch von meinem Fleische. Ein Mensch. Dafür stehen die Wächter auf den Mauern und Zinnen und rufen und ermahnen, wie es in unserem Jesaja-Wort aus dem AT heißt:
O Jerusalem, ich habe Wächter über deine Mauern bestellt, die den ganzen Tag und die ganze Nacht nicht mehr schweigen sollen. Die ihr den HERRN erinnern sollt, ohne euch Ruhe zu gönnen, lasst ihm keine Ruhe, bis er Jerusalem wieder aufrichte und es setze zum Lobpreis auf Erden!

Wir sind auf dem Weg, wieder eine normale Beziehung aufzubauen zu unseren jüdischen Geschwistern. Hoffentlich. Und hoffentlich können wir es als Bereicherung sehen, das Andere, das Fremde. Verwundert vielleicht oder nur staunend. Und die Kerzen auf der Menora werden auch bei uns wieder angezündet. Wie heißt es in unserem Predigttext:
Machet Bahn, machet Bahn, räumt die Steine hinweg! Richtet ein Zeichen auf für die Völker!
Ja, das wäre schön. Wenn wir unter den Völkern ein Zeichen aufrichten könnten, ein Zeichen für Verständigung und Versöhnung, über alle Grenzen hinweg. In der Welt haben wir uns an vielen Stellen bereits einen solchen Ruf erarbeitet und die WM hat das ihre dazu beigetragen. Sollen sie doch auch an uns sehen, was Jesaja meint, wenn es heißt: Man wird sie nennen »Heiliges Volk«, »Erlöste des HERRN«, und dich wird man nennen »Gesuchte« und »Nicht mehr verlassene Stadt«.

Pfarrer Martin Adel   (Dreieinigkeitskirche Hof)

Text: 

6 O Jerusalem, ich habe Wächter über deine Mauern bestellt, die den ganzen Tag und die ganze Nacht nicht mehr schweigen sollen. Die ihr den HERRN erinnern sollt, ohne euch Ruhe zu gönnen,
7 lasst ihm keine Ruhe, bis er Jerusalem wieder aufrichte und es setze zum Lobpreis auf Erden!
8 Der HERR hat geschworen bei seiner Rechten und bei seinem starken Arm: Ich will dein Getreide nicht mehr deinen Feinden zu essen geben noch deinen Wein, mit dem du so viel Arbeit hattest, die Fremden trinken lassen,
9 sondern die es einsammeln, sollen's auch essen und den HERRN rühmen, und die ihn einbringen, sollen ihn trinken in den Vorhöfen meines Heiligtums.
10 Gehet ein, gehet ein durch die Tore! Bereitet dem Volk den Weg! Machet Bahn, machet Bahn, räumt die Steine hinweg! Richtet ein Zeichen auf für die Völker!
11 Siehe, der HERR lässt es hören bis an die Enden der Erde: Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt! Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her!
12 Man wird sie nennen »Heiliges Volk«, »Erlöste des HERRN«, und dich wird man nennen »Gesuchte« und »Nicht mehr verlassene Stadt«.


Archiv
Zurück zur: Homepage Dekanat Hof     Homepage Hospitalkirche