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Predigt Jesaja 30/15-17 Altjahresabend 31.12.04 "In der Ruhe liegt
die Kraft" |
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Liebe Leser, 1. Gedankenfetzen Wenn wir gleich etwas von Ruhe, von Stillehalten hören werden, dann ist das nicht das Gegenprogramm zum baldigen Abschießen großartiger Feuerwerke, wobei man sich zwischendurch schon fragt, was das soll, dass heuer wieder zweihundert neue Feuerwerkskörper für den Markt zugelassen wurden. Es ist auch nicht die Aktion „Brot statt Böller“ gemeint von Brot für die Welt oder die Unterstützungsbitte unseres Außenministers Joschka Fischer auf den Kauf von Böllern zu verzichten und den Geldbetrag für die Seebebenopfer zu spenden. Wenn wir gleich hören, dass Tausende fliehen werden, sind hier nicht die Migrations- und Flüchtlingsströme in Afrika oder in Europa gemeint, auch nicht die Kriegsflüchtlinge in Afghanistan oder im Irak. Und mit dem Heer, von dem nur eine leere Fahnenstange auf dem kahlen Hügel übrigbleibt, ist weder die Amerikanische Armee noch die Russische noch die Chinesische gemeint, die die Welt auf ihre Weise befrieden wollen. Und dennoch kommt das alles irgendwie doch vor. Das Wort Jesajas aus der alten Vergangenheit ist gleichzeitig ein Wort für die Gegenwart. Glaube lebt immer im Jetzt und ist nicht verstaubte Historie, weil Gott ein Gott der Lebenden und nicht der Toten ist. Wenn wir glauben, dann glauben und handeln wir für die Welt mit. Wenn wir beten, betet in uns die Welt mit. Wer von uns kann dieser Tage in seinem Denken und Danken vor Gott die Zigtausenden von Opfer verdrängen, die immer noch aus dem Meer gefischt werden. 2. Haben wir ein Recht auf Ruhe? Manchmal ist es eine große Last, verantwortlich leben zu wollen und verantwortlich leben zu sollen. Wie gut wäre es, wenn man besser verdrängen könnte. Nur noch sich und seine Welt sehen, keine Krankheiten, keine Not, kein Elend. Oder mit dem abgeklärten, stoischen Blick der „Mehlprimeln“ singen: Zeiten kommen, Zeiten vergehen – Hirschlederne Reithosen bleiben bestehn. Am letzten Tag des ausgehenden Jahres kommen wir zusammen und wollen zur Ruhe kommen, weil wir verantwortliche Menschen sind, angerührt von der Welt um uns herum, drinnen und draußen – keine Ignoranten, sondern fühlende Menschen mit einem fleischernen Herz. Am Ende des Jahres kommen wir zusammen um Rückblick zu halten über das Vergangene und Ausblick zu Halten auf das Kommende. Haben wir ein Recht auf diese Ruhe? Keine Flucht aus dem Alltag. Sondern einen Augenblick Ruhe. „Wellness“ heißt es als Trendwort. Sich selber wieder spüren und fühlen. Auszeit. Keine Betäubung der Sinne durch Betäubungsmittel – immer noch das Mittel der Wahl um unsere Sehnsucht nach Ruhe künstlich herzustellen. Haben wir ein Recht auf diese Ruhe inmitten der Geschäftigkeit und Hektik der Welt, die uns keinen Augenblick verschnaufen lässt. Zum Christfest keine heilvollen Bilder, sondern Katastrophenmeldungen ungeheuerlichen Ausmaßes. Und das alles in dem Wissen, dass, wenn diese Bilder sich gelegt haben, wir wieder die Kriege dort und die Not hier vor Ort vor Augen geführt bekommen. Haben wir ein Recht auf Ruhe? 3. Predigttext (siehe rechts oben) 4. Kraft aus der Stille Hat hier jemand etwas von „Hände in den Schoß legen“ gehört? Ich nicht. Wenn ihr zu mir umkehrt und stillhaltet, dann werdet ihr gerettet. Wenn ihr gelassen abwartet und mir vertraut, dann seid ihr stark. Das ist kein: Hände in den Schoß legen. Ich höre hier eine Kraft zur Entscheidung, die aus der Stille kommt. Ein Handeln, das getragen wird aus der Ruhe. Eben kein blinder und übereilter Aktionismus, sondern das beständige und nachhaltige Handeln. Wie vieles wird heute kaputt gemacht, weil es immer „schnell, schnell“ gehen muss. Noch funktioniert es, das andauernde mobil sein, flexibel, beweglich. Lieber heute gefeiert – vielleicht haben wir morgen schon verloren. Schön ausgedachte Hochglanzbroschüren umfliegen uns Tag für Tag und dann heißt es: Nein, auf Pferden wollen wir dahinfliegen!« Aber ihr werdet nicht fliegen, sondern fliehen. Ihr sagt: »Auf schnellen Rennern wollen wir reiten! Aber eure Verfolger werden schneller rennen als ihr. Dag Hammarskjöld, langjähriger Generalsekretär der Vereinten Nationen schrieb einmal: Verstehen – durch Stille. Wirken – aus Stille. Gewinnen – in Stille. Das höre ich aus unserem Predigttext heraus. Doch wer kann sich das schon noch leisten – aus der Stille leben und handeln. Wer bei Banken und Versicherungen arbeitet, wer selbständig ist, wer in der Industrie seine Brötchen verdient und, und, und. Die meisten von euch werden uns auslachen: Wenn ihr zu mir umkehrt und stillhaltet, dann werdet ihr gerettet. Wenn ihr gelassen abwartet und mir vertraut, dann seid ihr stark. Wenn du nicht vorne dran bis, bis du morgen weg vom Fenster. Und so kämpfen wir uns durchs Leben, beginnend beim morgendlich Kampf um den Sitzplatz im Bus und danach an der Kasse und beim Essen sind wir gereizt, weil nicht alle pünktlich am Tisch sitzen. Wir wollen die Stille nicht. Die Stille macht uns krank. Vielleicht haben sie es ja auch gelesen, letzthin die Notiz in der Zeitung: Der Stressfaktor im Stau auf dem Weg zur Arbeit ist höher als der eines Bereitschaftspolizisten oder eines Kampfpiloten im Einsatz. Begründung: Weil man im Stau nichts tun kann – man ist der Situation ausgeliefert. Der Polizist oder Kampfpilot kann etwas tun und kann seine angestaute Energie ausagieren. Geschenkte Zeit ist uns verlorene Zeit. Wo leben wir. Wann haben sie sie das letzte Mal ausprobiert, die Stille? Die Stille vor Gott? Und dieser Weg in die Stille ist tatsächlich eine Umkehr, weil sie uns nötigt von unseren sonstigen Wegen umzukehren. Und wieder ist es nicht die nächtliche Unruhe und die Gedankenfetzen, die uns dann durch den Kopf rasen, sondern das still werden. Das Aufhören mit dem Sprechen. Das Auslaufen der Bilder. Das Ablegen der Sorgen. Das Nicht-sprechen. Das Hören. D U ! Wer macht unsere müde Seele gesund? D U ! Wer weiß schon, was wir wirklich brauchen? D U ! Und aus diesem DU kehrt sie zurück, die Dankbarkeit für das Erreichte und die Trauer über das Verlorene und die Sehnsucht nach dem Neuem und die Tiefe und Breite des Lebens. Wir vergessen so vieles und gleichzeitig sind wir ewig nachtragend. Der ehemalige Bischof Berlin-Brandburg Otto Dibelius schreibt: Ein Konzertpianist sagte: „Wenn ich einen Tag nicht übe, merke ich es. Wenn ich zwei Tage nicht übe, merken es meine Freunde. Wenn ich drei Tage nicht übe, merkt es das Publikum.“ Mir geht es ähnlich mit dem Beten: Wenn ich einen Tag nicht bete, merkt es Gott. Wenn ich zwei Tage nicht bete, spüre ich es selber. Wenn ich drei Tage nicht bete, spürt es meine Umgebung. Es ist eben doch ein Trugschluss, dass der Mensch aus sich heraus schon gut ist und weiß, was ihm gut tut. Gerade weil die „fetten Jahre vorbei sind“ werden wir deutlicher merken, woraus wir gelebt haben und was unsere Werte sind, was unser Halt und unser Fundament. Ein Schüler der 8ten Klasse sagte mir letzthin: „Wenn ich nicht wäre, dann könnte sich meine Mutter einen Ferrari leisten.“ Ist es schon so weit gekommen? Solche Sätze motivieren nicht. Solche Haltungen lähmen. Alles. Und noch einmal auf ganz andere Weise wird uns der Satz Jesaja deutlich, wenn er sagt: Tausend von euch werden fliehen, wenn sie einen einzigen Feind sehen; und wenn fünf euch bedrohen, werdet ihr alle davonlaufen. Von eurem stolzen Heer wird nichts übrig bleiben als eine leere Fahnenstange auf einem kahlen Hügel. Gerade weil die fetten Jahre vorbei sind, brauchen wir keine Schnellschüsse, sondern beständige und langfristige Veränderungen und einmütiges und geschlossenes Handeln in unserem Land und in Europa. Das wünsche ich mir für das Jahr 2005. Tun wir das unsere dazu. Den Weg dorthin haben wir ja beschrieben bekommen: Wenn ihr zu mir umkehrt und stillhaltet, dann werdet ihr gerettet. Wenn ihr gelassen abwartet und mir vertraut, dann seid ihr stark. Pfarrer Martin Adel (Dreieinigkeitskirche Hof) |
Text:
15 Denn so spricht Gott der HERR, der Heilige
Israels: Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen;
durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein. Aber ihr wollt nicht |
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