Predigt    Jesaja 1/10-17  Buß- und Bettag   20.11.02

"Gottes Dienst für uns"
(von Pfr. Martin Adel, Dreieinigkeit)

Liebe Leser,

nützt der Gottesdienst etwas? Nützt das Gebet, die Beichte, das Abendmahl – nützen die etwas? Helfen sie mir? Helfen sie dem anderen? Und zwar nicht erst im ewigen Leben, sondern schon hier und jetzt?

Wir kennen ja alle die Vorwürfe, die immer wieder an die Gemeinde erhoben werden: Da rennen sie am Sonntag in die Kirche und kaum sind sie zu Hause, wieder der alte Streit, der alte Zank; sie tragen die Leute aus, sind boshaft, hinterhältig und gemein. Die Christen, die Frommen sind keinen deut besser als die anderen. Genau genommen sind sie noch schlechter, weil sie es besser wissen müssten. Die reden von Nächstenliebe und tun nichts. Einem Amtsbruder von mir ist die Hand ausgerutscht, weil die Provokation im Raum stand: Als Pfarrer dürfen sie mir gar nichts machen.

Nützt der Gottesdienst etwas? Ist der einzige Maßstab der, ob wir das Gute tun? Oder umgekehrt: Wird man dadurch, dass man sich zum christlichen Glauben bekennt ein schlechterer Mensch? Tun wir mehr Böses, weil wir glauben?

Als christliche Kirche stehen wir für eine ideale Gesellschaft, für Normen und Werte, die wir fordern, die wir aber nie selbst erfüllen werden. Wir wissen, dass wir das Ideal eines christlichen Lebens nie erreichen werden und machen hoffentlich nie den Fehler zu behaupten oder innerlich zu meinen, dass wir es hier und dort schon erreicht hätten. Wenn etwas gelingt, dürfen wir uns freuen, wenn etwas misslingt, sollen wir bereuen – und darin Gott die Ehre geben.

Unser heutiger Predigttext schüttelt uns wieder einmal richtig durch, damit wir uns besinnen, warum der Gottesdienst, das Gebet, das Abendmahl etwas nützt und wann und in welcher Weise. Ich lese aus dem Propheten Jesaja im 1 Kapitel:

Text

Man kann es richtig vor sich sehen, wie sich Gott ekelt vor den Gottesdiensten. Es widert ihn an, wie sie den Vorhof des Tempels zertreten – könnten doch sonst zumindest die Blumen und das Gras ungehindert wachsen; etwas Schönes an diesem arg missbrauchten Ort. Aber warum mag Gott das nicht mehr? Was will Gott denn? Will er, dass wir am besten überhaupt keine Gottesdienste mehr feiern. So wie es uns unsere Kritiker und Spötter immer vorhalten: Wenn ihr die Zeit, die ihr für die Kirche und für euer Beten verbraucht gleich für gute Taten verwenden würdet, dann hätte sie zumindest einen Sinn.

Will das Gott? Oder sollen wir erst einmal aufhören mit unseren Gottesdiensten, uns waschen und reinigen von unseren bösen Taten und Ablassen vom Bösen. Wir lernen Gutes tun, trachten nach Recht, helfen den Unterdrückten, schaffen den Hilflosen Recht und helfen den Armen. Und dann, wenn wir das alles fertig haben – wann wird das sein? - dann kehren wir zu Gott zurück und sagen: Sieh her, Herr, das habe ich alles gemacht. Ich habe alles erfüllt, was du von mir forderst. Jetzt fehlt mir nichts mehr? Jetzt nimmst du mich in Gnaden an.

Warum ist Gott denn so wütend auf seine Gemeinde? Warum findet er so harte Worte, wie: „Meine Seele ist feind euren Neumonden und Jahresfesten; sie sind mir eine Last, ich bin's müde, sie zu tragen. Und wenn ihr auch eure Hände ausbreitet, verberge ich doch meine Augen vor euch; und wenn ihr auch viel betet, höre ich euch doch nicht“

Ich glaube, Gott ist wütend, weil nichts passiert. Nichts verändert sich. Und wenn der Gottesdienst mich nicht verändert, dann brauchen wir ihn auch gar nicht zu halten. Gott braucht von uns keine Gottesdienste. Wir brauchen sie von ihm. Das ist wichtig.
Ein Gottesdienst ist keine Veranstaltung, aus der ich heimgehe: Ach, war heute wieder ganz schön. Dann kann ich auch Fernsehen und etwas über Blumen und Tiere ansehen. Das beruhigt zumindest oder macht das Herz froh. Ein Gottesdienst, bei dem ich mich nicht Gott ausliefere: Herr, hier bin ich. Sieh mich an. Nimm das, was ich geschafft habe und gib mir neue Kraft – ein Gottesdienst, ein Gebet, dass das nicht leistet, hat keinen Sinn.

Wenn ich mich nicht ansprechen, mich betören, mich durcheinander bringen lasse – wenn ich nur Zuschauer bleiben will, bestätigt in dem, was ich eh schon immer wusste und weiß, dann ist all mein Hier sein umsonst. Hier ist kein Kultbetrieb – einmal fünf Euro in die Kollekte, vier Lieder gesungen, ein Vaterunser, ein Glaubensbekenntnis und dann ist alles gut. Nichts ist gut.

Herr, ich bin hier. Mit meiner Geschichte und manchmal ist sie so verkorkst. Wo ist denn der Ort, wo ich beten kann: Gott, ich habe mein Kind geschlagen und es war falsch – und aus der Vergebung Gottes kann ich hingehen und um Verzeihung bitten. Im Gebet kann ich bekennen, dass ich aus der Arbeit völlig geladen heimgekommen bin und wie ein Wahnsinniger herumgebrüllt habe. Und es wächst in mir, bis ich es aussprechen kann; vor den anderen, ein: Entschuldigung.

Wo kann ich denn, wo darf ich denn bekennen, dass ich falsch gehandelt, Böses getan und Gutes unterlassen habe; nicht, weil dann alles vergessen ist, sondern um daraus zu lernen „Gutes zu tun.“ Vergeuden wir nicht Gottes Angebot. Lassen wir es in uns wachsen, seine Vergebung, die uns zum Vergeben befähigt, bis es zart und ehrlich aus uns heraus sprechen kann. „Vergib mir. Ich habe falsch gehandelt.“ Und ich halte es sogar aus, wenn der andere mir nicht vergeben kann.

Was tun wir uns oft weh, gerade weil wir meinen, fromm zu sein und damit falsch handeln. Das Problem ist doch meistens nicht, dass wir nicht wüsten, was gut und richtig ist. Sondern wir schaffen es nicht, das Wollen in die Tat umzusetzen – zu träge, zu ängstlich, zu bequem, zu seicht. Und wenn ich dann noch den Gottesdienst zum billigen Seelentröster verwandle: So, jetzt war ich in der Kirche, habe fromm gebetet. Das reicht. Ich habe Gott genüge getan – das reicht wieder für ne Woche oder so. Dann hat Gott Recht: " Bringt nicht mehr dar so vergebliche Speisopfer! Das Räucherwerk ist mir ein Greuel! Neumonde und Sabbate, wenn ihr zusammenkommt, Frevel und Festversammlung mag ich nicht! Meine Seele ist feind euren Neumonden und Jahresfesten; sie sind mir eine Last, ich bin's müde, sie zu tragen. Und wenn ihr auch eure Hände ausbreitet, verberge ich doch meine Augen vor euch; und wenn ihr auch viel betet, höre ich euch doch nicht; denn eure Hände sind voll Blut.Wascht euch, reinigt euch, tut eure bösen Taten aus meinen Augen, lasst ab vom Bösen! Lernet Gutes tun, trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten, schaffet den Waisen Recht, führet der Witwen Sache!"

Nützt der Gottesdienst etwas? Ja, er nützt etwas. Er bringt mich wieder in Kontakt mit meinem Gott. Er befriedet meine Seele und hebt mich über mich selbst hinaus, damit ich weiter lerne, Gutes zu tun.Gerade aus dem Wissen heraus, dass ich falsch gehandelt habe.


Pfarrer Martin Adel   (Dreieinigkeitskirche Hof)

Text: 

Paulus schreibt:

(10)Höret des HERRN Wort, ihr Herren von Sodom! Nimm zu Ohren die Weisung unsres Gottes, du Volk von Gomorra!
(11)Was soll mir die Menge eurer Opfer? spricht der HERR. Ich bin satt der Brandopfer von Widdern und des Fettes von Mastkälbern und habe kein Gefallen am Blut der Stiere, der Lämmer und Böcke.
(12)Wenn ihr kommt, zu erscheinen vor mir - wer fordert denn von euch, dass ihr meinen Vorhof zertretet?
(13)Bringt nicht mehr dar so vergebliche Speisopfer! Das Räucherwerk ist mir ein Gräuel! Neumonde und Sabbate, wenn ihr zusammenkommt, Frevel und Festversammlung mag ich nicht!
(14)Meine Seele ist feind euren Neumonden und Jahresfesten; sie sind mir eine Last, ich bin's müde, sie zu tragen.
(15)Und wenn ihr auch eure Hände ausbreitet, verberge ich doch meine Augen vor euch; und wenn ihr auch viel betet, höre ich euch doch nicht; denn eure Hände sind voll Blut.
(16)Wascht euch, reinigt euch, tut eure bösen Taten aus meinen Augen, lasst ab vom Bösen!
(17)Lernet Gutes tun, trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten, schaffet den Waisen Recht, führet der Witwen Sache!


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