Predigt    Jeremia 29/7   Invokavit   10.02.08

"Suchet der Stadt Bestes"
Predigt im Vorfeld der Kommunal- und Landratswahl
(Von Dekan Günter Saalfrank, St. Michaelis Hof)

Liebe Kandidatinnen und Kandidaten für Gemeinderat, Stadtrat, Kreistag sowie für das Amt des Landrats! Liebe Gemeinde!

In drei Wochen ist Wahltag. Am Sonntag, 2.März wird darüber abgestimmt, wer künftig den Entscheidungsgremien auf Gemeinde- und Kreisebene angehört. Und auch darüber, wer für die nächsten sechs Jahre an der Spitze des Landkreis Hof steht. Wahrscheinlich ist für alle, die sich um ein Mandat oder ein Amt bewerben, der Terminkalender in den nächsten 21 Tagen voll mit Wahlveranstaltungen, Bürgergesprächen und anderen Verpflichtungen. Geht es doch darum, sich gut zu präsentieren und auf seine Ziele und Vorstellungen aufmerksam zu machen. Nicht nur für die Zeitungsleserinnen und - leser ist in der heißen Phase vor der Wahl interessant, wer, wie oft und mit welchen Themen und Bilder in der Tageszeitung vorkommt.

Drei Wochen vor der Wahl nun ein Novum hier in der Pfarrkirche St. Jobst in Rehau. Warum dieser Gottesdienst im Vorfeld der Kommunal- und Landratswahl? Weil er im Wahlkampf noch eine andere Dimension aufzeigt als die oft genannten – sowohl für die Kandidatinnen und Kandidaten als auch für alle Wahlberechtigten. Deshalb steht dieser Gottesdienst unter dem biblischen Motto „Suchet der Stadt Bestes“. Diese vier Worte aus dem Buch des Propheten Jeremia sind eine Kurzfassung. Der Prophet Jeremia hat vor rund 2.500 Jahre Folgendes an seine Landsleute in der Verbannung in Babylon geschrieben: „Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn; denn wenn’s ihr wohl ergeht, geht es auch euch wohl.“

Die Israeliten lebten nun schon seit vielen Jahren in der Fremde in Babylon – weit weg von der Heimat. Deportiert in ein Land mit anderen Göttern und Gesetzen. Ein Land, wo ihr Glaube als Juden in der Bedeutungslosigkeit zu versinken droht. In dieser Situation macht der Prophet Jeremia seinen Landsleuten Mut, sich auf das Leben in der Fremde einzulassen. Jeremia ruft die Israeliten in Babylon dazu auf, sich nicht von der feindlichen Außenwelt abzugrenzen, sondern sich konsequent auf sie einzulassen. Denn das Wohlergehen der kleinen jüdischen Glaubensgemeinde hängt untrennbar mit dem Wohlergehen der heidnischen Umwelt zusammen. „Denn wenn es der Stadt wohl geht, geht es auch euch wohl“, schreibt er. Nicht die innere oder äußere Emigration aus der Stadt sind gefragt, sondern der Dienst am Gemeinwohl. Statt sich vornehm oder verbittert zurückzuhalten, fordert Jeremia seine Landsleute auf, das Wohl der Stadt zu suchen: Konkret sich für ein Klima in der Stadt einzusetzen, in dem es menschlich und gerecht zugeht.

Was diese Botschaft des Propheten Jeremia für uns heute bedeutet, möchte ich in zweifacher Weise entfalten. Zunächst für Sie, die zur Wahl stehen und dann für alle Wahlberechtigten. Ein herzlicher Dank als erstes an alle, die sich haben aufstellen lassen und - erneut oder erstmals - um einen Sitz auf Gemeindeebene oder Landkreisebene kandidieren. Denn Sie signalisieren damit: Ich bin bereit, Verantwortung zu übernehmen. Ich möchte mich für das Gemeinwohl einsetzen. Denn Politik ist nichts anderes als Dienst am Nächsten. Immer weniger Menschen in unserem Land sind jedoch bereit, einen solchen Dienst wahrzunehmen. In einigen Regionen zum Beispiel in Brandenburg sind verfassungsgemäße Kommunalwahlen gefährdet, weil sich nicht genug Kandidatinnen und Kandidaten finden. Eine Demokratie indes lebt vom Engagement Vieler. Doch sie entwickelt sich in der Bundesrepublik leider zunehmend zu einer Zuschauerdemokratie: Immer mehr Menschen ziehen sich auf die Tribüne zurück und beobachten aus der wohligen Distanz ihres Logenplatzes die wenigen, die sich noch auf dem Spielfeld abrackern. Danke, dass Sie sich nicht für einen Logenplatz entschieden haben, sondern bereit sind, aufs Spielfeld zu gehen.

Was heißt das aber nun, der Stadt bzw. der Region Bestes zu suchen. Sicher ist es wichtig, vor der Wahl herauszuarbeiten, wer wofür steht und so Unterschiede deutlich zu machen. Denn wir Wählerinnen und Wähler müssen wissen, der steht für das, die für jenes. Aber nach dem Urnengang am 2. März geht es nicht mehr um die gegenseitige Profilierung, sondern darum, das Beste für die Stadt, für die Region und ihre Menschen zu wollen. Dabei ist in Sachfragen um den richtigen Weg zu ringen. Parteipolitisches Gezänk aber hilft letztlich nicht weiter. Sondern gemeinsam soll für die Menschen in den einzelnen Gemeinden, im Landkreis und darüber hinaus etwas erreicht werden. Das Bibelwort aus dem Buch des Propheten Jeremia gibt dabei die Richtung vor: Das Gemeinwohl über das Interesse der eigenen Partei oder Gruppierung zu stellen. Dafür zu sorgen, dass es über politische Lager hinweg gerecht und menschlich zugeht. Konkret geht es etwa darum, die Familie zu stärken sowie die Gemeinden und den Landkreis noch mehr als familienfreundliche Region zu profilieren. Der langjährige baden-württembergische Ministerpräsident Erwin Teufel hat es so auf den Punkt gebracht: „Wer mehr Mitmenschlichkeit und humanere Werte in unserer Gesellschaft will, der muss die Familien stärken. Familien sind nicht nur für Kinder da, sondern sie sind auch solidarisch zur älter werdenden Generation der Großeltern.“

Gut, wenn politisch Verantwortliche dabei nicht allein auf sich, ihre Kraft und ihre Ideen bauen, sondern auf die Kraft und Hilfe von oben. Kurzum: auf Gottes Segen vertrauen. Der verstorbene Bundespräsident Johannes Rau, hat dies so ausgedrückt: „Gerade Menschen, denen große Verantwortung übertragen ist, …, tun gut daran, sich immer wieder darauf zu besinnen und dran zu erinnern: Was ich geleistet habe, das habe ich nicht selber vermocht. Bei allem Erfolg, allem Ansehen: Nicht ich bin vollkommen. Nur dank des Segens, den Gott mir gewährt, habe ich ein Ziel erreichen können.“

Nun zu uns allen, den Wahlberechtigten. Was heißt für uns das Prophetenwort aus dem Jeremiabuch „Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn; denn wenn’s ihr wohl ergeht, geht es auch euch wohl“? Es meint zunächst, vom Wahlrecht Gebrauch zu machen. Eine Demokratie lebt davon, dass Viele ihre Entscheidungsmöglichkeiten nutzen. Leider ist bei den letzten Kommunalwahl im Jahr 2002 auch in unserer Region die Zahl derjenigen zurückgegangen, die ihre Stimme abgegeben haben: So sank die Wahlbeteiligung im Landkreis Hof im Schnitt von knapp 74 Prozent im Jahr 1996 auf rund 69 Prozent im Jahr 2002, also um fast fünf Prozent. In einzelnen Gemeinden wie in Naila gingen fast 13 Prozent weniger Wahlberechtigte zur Urne. „Suchet der Stadt Bestes“ heißt, zur Wahl zu gehen und seine Stimme denjenigen zu geben, von denen man meint, dass sich am Besten für das Wohl der Stadt oder der Region einsetzen. Manchmal ist zu hören: Viele in der Kommunalpolitik machen doch sowieso, was sie wollen. Die Meinung von uns Bürgern ist da nicht gefragt. Leider gibt es immer wieder Beispiele, die diesen Eindruck verstärken. Egal wie berechtigt die Klagen im Einzelnen sind oder nicht: Wer nicht zur Wahl geht, braucht sich nicht zu wundern, wenn alles beim Alten bleibt. Und er darf sich letztlich auch nicht mehr darüber beschweren, dass es so ist und sich nichts ändert. Auch dort, wo es keine signifikanten Unterscheide zwischen einzelnen Gruppierungen gibt oder wo das Rennen schon längst gelaufen scheint, ist es wichtig, seine Stimme abzugeben. Eine hohe Wahlbeteiligung ist der beste Vertrauensbeweis für eine gelebte Demokratie. Um es zugespitzt zu sagen: Der Urnengang ist Christenpflicht. Stellt er doch eine ganz wesentliche Möglichkeit dar, der Stadt bzw. der Region Bestes zu suchen.

Doch mit dem Urnengang allein ist es noch nicht getan. „Betet für die Stadt“ fordert Jeremia seine Landsleute in der Fremde auf. Wohlgemerkt: Er sagt nicht, betet für euere baldige Rückkehr von Babylon nach Jerusalem. Oder betet dafür, dass euch die fremden Götter nichts ausmachen und ihr nicht vom Glauben abfallt. Nein! Der Prophet ruft zur Fürbitte für die heidnische Stadt und ihre Verantwortlichen auf. Das heißt, gerade auch für die Menschen in politischer Verantwortung zu beten, die ich nicht gewählt habe und nicht wählen werde und nicht will. Übrigens: Die Aufforderung zum Gebet für die politisch Verantwortlichen ist keine Anpassung. Das Gebet für die politische und gesellschaftliche Situation zur Zeit des Propheten Jeremia zeigt vielmehr, dass selbst der babylonische Herrscher das Gebet nötig hatte. Beten macht Ernst damit, dass politisch Verantwortliche nicht aus sich selbst heraus die Weisheit haben – ob es ihnen bewusst ist oder nicht. Denn oft haben sie eine große Last zu tragen, die fast kein Mensch alleine tragen kann.

Das Gebet für die Verantwortlichen einer Stadt und einer Region ist neben dem Gebet für die Entscheidungsträger eines Landes der wichtigste unverzichtbare politische Auftrag von Christen. Etwa dafür die Hände zu falten, dass die Taten der politisch Verantwortlichen mit ihren Worten übereinstimmen. Dass sie den Mut finden, auch unbequeme Wahrheiten zu sagen und sich den Zukunftsfragen wirklich zu stellen. Um es salopp auszudrücken: Gestalten gibt es in unserem Land genug. Was wir brauchen, sind Gestalter – auch und gerade in unserer Region. Deshalb auch die Fürbitte für die Kommunalpolitikerinnen und - politiker, dass sie sich für das Wohl der Menschen einsetzen, für die sie Verantwortung tragen. Dass sie alles dafür tun, dass es menschlich und gerecht zugeht. Und dass Erfolge in der Gegenwart nicht zu Lasten von Erfolgen in der Zukunft erkauft werden.

Es gibt genug Grund zur Fürbitte – nicht nur vor einer Wahl oder kurz danach. Wie das Gebet richtig zu verstehen ist, hat der frühere württembergische Landesbischof Hans von Keler einmal so ausgedrückt: „Das Gebet ersetzt keine Tat; aber das Gebet ist eine Tat, die durch nichts ersetzt werden kann.“

„Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn; denn wenn’s ihr wohl ergeht, geht es auch euch wohl.“ Vor rund 2.500 Jahren hat der Prophet Jeremia diese Worte seinen Landsleuten in Babylon ins Stammbuch geschrieben. Auch für die anstehende Kommunal- und Landratswahl können sie wegweisend sein. Als eine Art Selbstverpflichtung für Sie, die Bewerberinnen und Bewerber, der Stadt bzw. der Region Bestes zu suchen. Und als Auftrag an die Wahlberechtigten, die Stimme abzugeben und für die künftigen politischen Mandatsträgerinnen- und träger sowie für eine verantwortliche Politik die Hände zu falten. Oder um es in Anlehnung an eine benediktinische Ordensregel zu formulieren: „Bete und gehe wählen!“

Dekan Günter Saalfrank      (St. Michaelis Hof)

Text: 

7 Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn's ihr wohlgeht, so geht's auch euch wohl.


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