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Liebe Kandidatinnen und Kandidaten für Gemeinderat, Stadtrat, Kreistag
sowie für das Amt des Landrats! Liebe Gemeinde!
In drei Wochen ist Wahltag. Am Sonntag, 2.März wird darüber abgestimmt,
wer künftig den Entscheidungsgremien auf Gemeinde- und Kreisebene
angehört. Und auch darüber, wer für die nächsten sechs Jahre an der
Spitze des Landkreis Hof steht. Wahrscheinlich ist für alle, die sich um
ein Mandat oder ein Amt bewerben, der Terminkalender in den nächsten 21
Tagen voll mit Wahlveranstaltungen, Bürgergesprächen und anderen
Verpflichtungen. Geht es doch darum, sich gut zu präsentieren und auf
seine Ziele und Vorstellungen aufmerksam zu machen. Nicht nur für die
Zeitungsleserinnen und - leser ist in der heißen Phase vor der Wahl
interessant, wer, wie oft und mit welchen Themen und Bilder in der
Tageszeitung vorkommt.
Drei Wochen vor der Wahl nun ein Novum hier in der Pfarrkirche St. Jobst
in Rehau. Warum dieser Gottesdienst im Vorfeld der Kommunal- und
Landratswahl? Weil er im Wahlkampf noch eine andere Dimension aufzeigt
als die oft genannten – sowohl für die Kandidatinnen und Kandidaten als
auch für alle Wahlberechtigten. Deshalb steht dieser Gottesdienst unter
dem biblischen Motto „Suchet der Stadt Bestes“. Diese vier Worte aus dem
Buch des Propheten Jeremia sind eine Kurzfassung. Der Prophet Jeremia
hat vor rund 2.500 Jahre Folgendes an seine Landsleute in der Verbannung
in Babylon geschrieben: „Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum
Herrn; denn wenn’s ihr wohl ergeht, geht es auch euch wohl.“
Die Israeliten lebten nun schon seit vielen Jahren in der Fremde in
Babylon – weit weg von der Heimat. Deportiert in ein Land mit anderen
Göttern und Gesetzen. Ein Land, wo ihr Glaube als Juden in der
Bedeutungslosigkeit zu versinken droht. In dieser Situation macht der
Prophet Jeremia seinen Landsleuten Mut, sich auf das Leben in der Fremde
einzulassen. Jeremia ruft die Israeliten in Babylon dazu auf, sich nicht
von der feindlichen Außenwelt abzugrenzen, sondern sich konsequent auf
sie einzulassen. Denn das Wohlergehen der kleinen jüdischen
Glaubensgemeinde hängt untrennbar mit dem Wohlergehen der heidnischen
Umwelt zusammen. „Denn wenn es der Stadt wohl geht, geht es auch euch
wohl“, schreibt er. Nicht die innere oder äußere Emigration aus der
Stadt sind gefragt, sondern der Dienst am Gemeinwohl. Statt sich vornehm
oder verbittert zurückzuhalten, fordert Jeremia seine Landsleute auf,
das Wohl der Stadt zu suchen: Konkret sich für ein Klima in der Stadt
einzusetzen, in dem es menschlich und gerecht zugeht.
Was diese Botschaft des Propheten Jeremia für uns heute bedeutet, möchte
ich in zweifacher Weise entfalten. Zunächst für Sie, die zur Wahl stehen
und dann für alle Wahlberechtigten. Ein herzlicher Dank als erstes an
alle, die sich haben aufstellen lassen und - erneut oder erstmals - um
einen Sitz auf Gemeindeebene oder Landkreisebene kandidieren. Denn Sie
signalisieren damit: Ich bin bereit, Verantwortung zu übernehmen. Ich
möchte mich für das Gemeinwohl einsetzen. Denn Politik ist nichts
anderes als Dienst am Nächsten. Immer weniger Menschen in unserem Land
sind jedoch bereit, einen solchen Dienst wahrzunehmen. In einigen
Regionen zum Beispiel in Brandenburg sind verfassungsgemäße
Kommunalwahlen gefährdet, weil sich nicht genug Kandidatinnen und
Kandidaten finden. Eine Demokratie indes lebt vom Engagement Vieler.
Doch sie entwickelt sich in der Bundesrepublik leider zunehmend zu einer
Zuschauerdemokratie: Immer mehr Menschen ziehen sich auf die Tribüne
zurück und beobachten aus der wohligen Distanz ihres Logenplatzes die
wenigen, die sich noch auf dem Spielfeld abrackern. Danke, dass Sie sich
nicht für einen Logenplatz entschieden haben, sondern bereit sind, aufs
Spielfeld zu gehen.
Was heißt das aber nun, der Stadt bzw. der Region Bestes zu suchen.
Sicher ist es wichtig, vor der Wahl herauszuarbeiten, wer wofür steht
und so Unterschiede deutlich zu machen. Denn wir Wählerinnen und Wähler
müssen wissen, der steht für das, die für jenes. Aber nach dem Urnengang
am 2. März geht es nicht mehr um die gegenseitige
Profilierung, sondern darum, das Beste für die Stadt, für die Region und
ihre Menschen zu wollen. Dabei ist in Sachfragen um den richtigen Weg zu
ringen. Parteipolitisches Gezänk aber hilft letztlich nicht weiter.
Sondern gemeinsam soll für die Menschen in den einzelnen Gemeinden, im
Landkreis und darüber hinaus etwas erreicht werden. Das Bibelwort aus
dem Buch des Propheten Jeremia gibt dabei die Richtung vor: Das
Gemeinwohl über das Interesse der eigenen Partei oder Gruppierung zu
stellen. Dafür zu sorgen, dass es über politische Lager hinweg gerecht
und menschlich zugeht. Konkret geht es etwa darum, die Familie zu
stärken sowie die Gemeinden und den Landkreis noch mehr als
familienfreundliche Region zu profilieren. Der langjährige
baden-württembergische Ministerpräsident Erwin Teufel hat es so auf den
Punkt gebracht: „Wer mehr Mitmenschlichkeit und humanere Werte in
unserer Gesellschaft will, der muss die Familien stärken. Familien sind
nicht nur für Kinder da, sondern sie sind auch solidarisch zur älter
werdenden Generation der Großeltern.“
Gut, wenn politisch Verantwortliche dabei nicht allein auf sich, ihre
Kraft und ihre Ideen bauen, sondern auf die Kraft und Hilfe von oben.
Kurzum: auf Gottes Segen vertrauen. Der verstorbene Bundespräsident
Johannes Rau, hat dies so ausgedrückt: „Gerade Menschen, denen große
Verantwortung übertragen ist, …, tun gut daran, sich immer wieder darauf
zu besinnen und dran zu erinnern: Was ich geleistet habe, das habe ich
nicht selber vermocht. Bei allem Erfolg, allem Ansehen: Nicht ich bin
vollkommen. Nur dank des Segens, den Gott mir gewährt, habe ich ein Ziel
erreichen können.“
Nun zu uns allen, den Wahlberechtigten. Was heißt für uns das
Prophetenwort aus dem Jeremiabuch „Suchet der Stadt Bestes und betet für
sie zum Herrn; denn wenn’s ihr wohl ergeht, geht es auch euch wohl“? Es
meint zunächst, vom Wahlrecht Gebrauch zu machen. Eine Demokratie lebt
davon, dass Viele ihre Entscheidungsmöglichkeiten nutzen. Leider ist bei
den letzten Kommunalwahl im Jahr 2002 auch in unserer Region die Zahl
derjenigen zurückgegangen, die ihre Stimme abgegeben haben: So sank die
Wahlbeteiligung im Landkreis Hof im Schnitt von knapp 74 Prozent im Jahr
1996 auf rund 69 Prozent im Jahr 2002, also um fast fünf Prozent. In
einzelnen Gemeinden wie in Naila gingen fast 13 Prozent weniger
Wahlberechtigte zur Urne. „Suchet der Stadt Bestes“ heißt, zur Wahl zu
gehen und seine Stimme denjenigen zu geben, von denen man meint, dass
sich am Besten für das Wohl der Stadt oder der Region einsetzen.
Manchmal ist zu hören: Viele in der Kommunalpolitik machen doch sowieso,
was sie wollen. Die Meinung von uns Bürgern ist da nicht gefragt. Leider
gibt es immer wieder Beispiele, die diesen Eindruck verstärken. Egal wie
berechtigt die Klagen im Einzelnen sind oder nicht: Wer nicht zur Wahl
geht, braucht sich nicht zu wundern, wenn alles beim Alten bleibt. Und
er darf sich letztlich auch nicht mehr darüber beschweren, dass es so
ist und sich nichts ändert. Auch dort, wo es keine signifikanten
Unterscheide zwischen einzelnen Gruppierungen gibt oder wo das Rennen
schon längst gelaufen scheint, ist es wichtig, seine Stimme abzugeben.
Eine hohe Wahlbeteiligung ist der beste Vertrauensbeweis für eine
gelebte Demokratie. Um es zugespitzt zu sagen: Der Urnengang ist
Christenpflicht. Stellt er doch eine ganz wesentliche Möglichkeit dar,
der Stadt bzw. der Region Bestes zu suchen.
Doch mit dem Urnengang allein ist es noch nicht getan. „Betet für die
Stadt“ fordert Jeremia seine Landsleute in der Fremde auf. Wohlgemerkt:
Er sagt nicht, betet für euere baldige Rückkehr von Babylon nach
Jerusalem. Oder betet dafür, dass euch die fremden Götter nichts
ausmachen und ihr nicht vom Glauben abfallt. Nein! Der Prophet ruft zur
Fürbitte für die heidnische Stadt und ihre Verantwortlichen auf. Das
heißt, gerade auch für die Menschen in politischer Verantwortung zu
beten, die ich nicht gewählt habe und nicht wählen werde und nicht will.
Übrigens: Die Aufforderung zum Gebet für die politisch Verantwortlichen
ist keine Anpassung. Das Gebet für die politische und gesellschaftliche
Situation zur Zeit des Propheten Jeremia zeigt vielmehr, dass selbst der
babylonische Herrscher das Gebet nötig hatte. Beten macht Ernst damit,
dass politisch Verantwortliche nicht aus sich selbst heraus die Weisheit
haben – ob es ihnen bewusst ist oder nicht. Denn oft haben sie eine
große Last zu tragen, die fast kein Mensch alleine tragen kann.
Das Gebet für die Verantwortlichen einer Stadt und einer Region ist
neben dem Gebet für die Entscheidungsträger eines Landes der wichtigste
unverzichtbare politische Auftrag von Christen. Etwa dafür die Hände zu
falten, dass die Taten der politisch Verantwortlichen mit ihren Worten
übereinstimmen. Dass sie den Mut finden, auch unbequeme Wahrheiten zu
sagen und sich den Zukunftsfragen wirklich zu stellen. Um es salopp
auszudrücken: Gestalten gibt es in unserem Land genug. Was wir brauchen,
sind Gestalter – auch und gerade in unserer Region. Deshalb auch die
Fürbitte für die Kommunalpolitikerinnen und - politiker, dass sie sich
für das Wohl der Menschen einsetzen, für die sie Verantwortung tragen.
Dass sie alles dafür tun, dass es menschlich und gerecht zugeht. Und
dass Erfolge in der Gegenwart nicht zu Lasten von Erfolgen in der
Zukunft erkauft werden.
Es gibt genug Grund zur Fürbitte – nicht nur vor einer Wahl oder kurz
danach. Wie das Gebet richtig zu verstehen ist, hat der frühere
württembergische Landesbischof Hans von Keler einmal so ausgedrückt:
„Das Gebet ersetzt keine Tat; aber das Gebet ist eine Tat, die durch
nichts ersetzt werden kann.“
„Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn; denn wenn’s ihr
wohl ergeht, geht es auch euch wohl.“ Vor rund 2.500 Jahren hat der
Prophet Jeremia diese Worte seinen Landsleuten in Babylon ins Stammbuch
geschrieben. Auch für die anstehende Kommunal- und Landratswahl können
sie wegweisend sein. Als eine Art Selbstverpflichtung für Sie, die
Bewerberinnen und Bewerber, der Stadt bzw. der Region Bestes zu suchen.
Und als Auftrag an die Wahlberechtigten, die Stimme abzugeben und für
die künftigen politischen Mandatsträgerinnen- und träger sowie für eine
verantwortliche Politik die Hände zu falten. Oder um es in Anlehnung an
eine benediktinische Ordensregel zu formulieren: „Bete und gehe wählen!“
Dekan Günter Saalfrank
(St.
Michaelis Hof)
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Text:
7 Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch
habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn's ihr
wohlgeht, so geht's auch euch wohl. |