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Liebe Angehörige, liebe Trauergemeinde,
was ist uns vor Augen, wenn wir uns an das kurze Leben von Klaus
erinnern? Nein, es lässt sich nicht leugnen. Was wir gesehen und
miterlebt haben, war eine Geschichte des Untergangs. Er hat es sicher
immer wieder versucht. Er hat immer wieder versucht, Boden unter die
Füße zu bekommen; in seinem Verhältnis zum anderen Geschlecht, in seinem
Verhältnis zur Arbeit, in seinem Umgang mit Alkohol. Er ist immer wieder
untergegangen.
Ich lebe noch, hat er einer Bekannten einmal auf einen Zettel
geschrieben und das „noch“ hat er dick unterstrichen. War das sein
Lebensgefühl? Ich lebe noch, aber wer weiß, schon bald ...? Lebte er
immer am Rand des Abgrunds und des Untergangs? Und ist sein Tod, als er
am vergangenen Samstag im See auf den letzten Metern vor dem Ufer
unterging, nicht ein Sinnbild für sein Leben geworden? Einmal kam er
nach einem Gottesdienst ziemlich angetrunken zu mir und zeigte mir
seinen abgegriffenen, arg ramponierten Taufschein. Hier bin ich getauft,
sagte er stolz, und konfirmiert worden; hier wollte ich heiraten, aber
dann ist mir die Frau ab …
Wir sind traurig darüber. Sicher, es mag Menschen geben, die ihn gekannt
haben, die weder über sein Leben, noch über seinen Tod traurig sind. Die
das Leben von Klaus mit kalten Augen und kaltem Herzen betrachten. Von
außen, nur von außen. Für die Klaus ein Fall war, aktenkundig im
Arbeitsamt und im Sozialamt. Menschen, die sagen: Das musste ja so
enden, früher oder später. Menschen, die auf ihn herabgeschaut haben,
ihn wie den letzten Dreck behandelt haben. Menschen, die Klaus lange und
gut gekannt haben und heute trotzdem nicht hier sind und ihm die letzte
Solidarität verweigern, zu der jeder Mensch fähig sein sollte: Die
letzte Solidarität im Angesicht des Todes.
Wir sind auch darüber traurig. Traurig über eine Gesellschaft, die kalt
und grausam sein kann. Traurig darüber, dass auch wir Christenmenschen
vielleicht manchmal so gedacht und gehandelt haben. Heute können wir
Klaus dafür nicht mehr um Verzeihung bitten.
Wir können nur Gott um Verzeihung bitten, für uns und stellvertretend
für die, die nicht den Mut fanden, Klaus wenigstens das letzte Geleit zu
geben. Wir bitten den Gott der Bibel um Vergebung. Den Gott, der
Geschichten des Untergangs nicht nur von außen, sonder auch von innen
kennt, weil er ein Mensch wurde, der Jesus von Nazareth hieß. Seine
Geschichte war auch eine Geschichte des Untergangs. Er kannte die Angst
vor dem Abgrund und vor der letzten Verlassenheit. Er wurde ans Kreuz
geschlagen und starb elend im Alter von 33 Jahren. In dieser Geschichte
lässt sich Gott ins Herz schauen.
Hat sich dieser Jesus nicht vor allem um solche Menschen gekümmert? Um
Menschen die eine Lebensgeschichte hatte, die der von Klaus vergleichbar
war? Hat Jesus nicht gesagt, er sei auf die Welt gekommen, um das zu
suchen, was verloren ist? Hat er die Armen nicht selig gepriesen?
Und deshalb glaube ich ganz fest, dass dieser Gott Klaus, trotz all dem
Mist, den er in seinem Leben gebaut hat und den wir nicht verschweigen
wollen, die letzte Solidarität im Angesicht des Todes nicht verweigert
hat. Deshalb glaube ich ganz fest, dass Gott noch einen ganz anderen
Blick in das Innere der Lebensgeschichte von Klaus getan hat, als wir
das konnten. Deshalb glaube ich fest, dass Klaus bei Gott noch einmal
ein ganz anderes Ansehen, ein ganz anders Verständnis und einen ganz
anderen Frieden finden wird, als bei uns. In Gottes Hand kann auch eine
solche Geschichte des Untergangs heil werden.
Denn Gott sieht nicht auf das, worauf ein Mensch sieht. Ein Mensch
sieht, was vor Augen ist. Gott aber sieht das Herz an (1. Samuel 16/7).
In seinen Augen hat auch das Leben und der Tod von Klaus seine eigene
Würde und sein eigenes Gewicht. Und wenn wir das Leben von Klaus noch
einmal wie Gott, mit den Augen des Herzens sehen, dann werden uns Dinge
einfallen, die wir an ihm gemocht haben und die uns nun fehlen werden.
Und dabei wird uns immer, wenn wir an ihn denken, auch belasten, dass
wir seine Geschichte des Untergangs nicht aufhalten konnten. Vielleicht
konnten wir es wirklich nicht. Nein, es bringt nichts, wenn wir uns dann
mit Vorwürfen zerfleischen. Klaus ist tot! Wir können für ihn nichts
mehr gut oder besser machen.
Aber es gibt noch genug andere in unserem Freundeskreis, in unserer
Nachbarschaft, in unserer eigenen Verwandtschaft, die am Rand des
Untergangs und in elender Armut leben. Wir wollen im Gedenken an Klaus
lernen, sie besser wahrzunehmen, so wie Gott das tut, mit den Augen des
Herzens. Vielleicht können wir dann den ein oder anderen Untergang
aufhalten.
Ja, mit dem Ansehen der Person hat das eine Menge zu tun. Klaus hatte so
gar kein Ansehen der Person. Und das liegt auch daran, dass wir immer
nur auf die schauen, die davon jede Menge haben. „Wer tagtäglich in den
vorabendlichen Soap-Operas nach dem Muster „Verbotene Liebe“ und „Gute
Zeiten, schlechte Zeiten“ junge Kids in Designerklamotten erlebt, die in
gestylten Wohnungen und bei popfarbigen Cocktails in
Schickimicki-Bistros ihre Scheinprobleme lösen, der verliert den Blick
für die Wirklichkeit des eigenen Lebens. ... Alle sind irgendwie klug
und flexibel, haben immer Geld in der Tasche und lösen ihre
Schwierigkeiten durch Gelaber. Wer tagtäglich diese anstrengungslose
Leichtlebigkeit der hübschen Lifestyle-Vorbilder sieht, dazu die
Show-Castings künstlerischer Nichtskönner, die zu Kurzzeit- „Superstars“
hochgepusht werden, dem erscheint das eigene Leben langweilig und trist,
der Gang zur Schule, der „Zwang“, etwas zu leisten und zu lernen, was
auf den ersten Blick nicht reich und berühmt macht, als Qual.“ (Joachim
Kutschke, Unbehauste Kinder, Spiegel, Nr. 17, 2006, S. 56f.)
Und so schwirren wir, die wir längst in einer Telekratie, in einer
Herrschaft der Medien leben, lieber um die dort präsentierten Stars und
Promis, wie die Motten ums Licht. Und werden nicht nur blind für uns
selbst, sondern auch für die Menschen, die mit und um uns herum leben.
Die verlieren auch so unser Ansehen. Und da wundert es nicht, dass auch
unter Christenmenschen und in der Kirche dieses pseudoenglische,
neoliberale und pseudospirituelle Protz-Geschwafel ebenso gang und gäbe
ist, wie im Fernsehen und in weiten Teilen unserer Gesellschaft. Dieses
Protz-Geschwafel ist vor allem eins: Unbarmherzig mit allen, die nicht
mithalten und mitreden können. Und so einer war Klaus.
Für Klaus können wir nichts mehr tun. Das kann allein Gott und der wird
Klaus heil machen und für ihn sorgen. Wir bitten Gott für uns, dass er
uns tröstet, weil der Abschied von Klaus uns traurig macht; dass er uns
Kraft schenkt zum Weiterleben, und dass er uns unsere Schuld, unser
eitles Ansehen der Person, unsere Blindheit füreinander und unsere
elende Großfressigkeit vergibt, wie auch wir vergeben unseren
Schuldigern.
Pfarrer Johannes Taig
(Hospitalkirche Hof)
(weitere Predigten von Pfarrer Taig finden Sie
exklusiv unter
www.kanzelgruss.de )
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Text:
1 Liebe Brüder, haltet den Glauben an Jesus
Christus, unsern Herrn der Herrlichkeit, frei von allem Ansehen der
Person.
2 Denn wenn in eure Versammlung ein Mann käme mit einem goldenen
Ring und in herrlicher Kleidung, es käme aber auch ein Armer in
unsauberer Kleidung,
3 und ihr sähet auf den, der herrlich gekleidet ist, und sprächet zu
ihm: Setze du dich hierher auf den guten Platz!, und sprächet zu dem
Armen: Stell du dich dorthin!, oder: Setze dich unten zu meinen
Füßen!,
4 ist's recht, dass ihr solche Unterschiede bei euch macht und
urteilt mit bösen Gedanken?
5 Hört zu, meine lieben Brüder! Hat nicht Gott erwählt die Armen in
der Welt, die im Glauben reich sind und Erben des Reichs, das er
verheißen hat denen, die ihn lieb haben?
6 Ihr aber habt dem Armen Unehre angetan. Sind es nicht die Reichen,
die Gewalt gegen euch üben und euch vor Gericht ziehen?
7 Verlästern sie nicht den guten Namen, der über euch genannt ist?
8 Wenn ihr das königliche Gesetz erfüllt nach der Schrift (3.Mose
19,18): »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst«, so tut ihr recht;
9 wenn ihr aber die Person anseht, tut ihr Sünde und werdet
überführt vom Gesetz als Übertreter.
10 Denn wenn jemand das ganze Gesetz hält und sündigt gegen ein
einziges Gebot, der ist am ganzen Gesetz schuldig.
11 Denn der gesagt hat (2.Mose 20,13-14): »Du sollst nicht
ehebrechen«, der hat auch gesagt: »Du sollst nicht töten.« Wenn du
nun nicht die Ehe brichst, tötest aber, bist du ein Übertreter des
Gesetzes.
12 Redet so und handelt so wie Leute, die durchs Gesetz der Freiheit
gerichtet werden sollen.
13 Denn es wird ein unbarmherziges Gericht über den ergehen, der
nicht Barmherzigkeit getan hat; Barmherzigkeit aber triumphiert über
das Gericht. |