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Liebe Leser,
Geht es ihnen nicht auch so bei solchen Bibelworten. Wir hören sie und wir
tun uns so unendlich schwer, sie zu glauben. Wir möchten nicht sagen,
dass die Bibel lügt, aber im Lauf der Jahre sind wir kleinlaut und
kleingläubig geworden. Es funktioniert so selten, dass wir beten und dem
Kranken ist geholfen. Natürlich haben wir ganz
vielfältige Erklärungen dafür, warum das so ist: Vielleicht wirkt Gott
erst an späterer Stelle
oder er hilft erst in der Seele und nicht gleich körperlich – wie
in der Evangeliumslesung
oder weil es vielleicht doch kein Gebet des Glaubens war
oder wir kein Gebet des Gerechten gesprochen haben
oder was auch immer.
Unser Gebet hilft jedenfalls nicht so, wie wir es uns von Herzen
wünschen würden oder es tut sich gar nichts.
Und genau an dieser Stelle kehren viele Gott den Rücken. Enttäuscht und
frustriert. Andere gehen nicht so weit, aber sie
hören zumindest mit dem Beten auf und stürzen sich auf die realen,
sozialen Aufgaben. Zumindest kann man dann direkt helfen. Ich, als
Mensch springe ein, wenn Gott schon nicht hilft.
Wie sagte v. Bodelschwingh: Über Gottes Hartherzigkeit bin ich
barmherzig geworden. Und trotzdem steht es da so
absolut, provozierend und direkt:
"Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken
helfen, und der Herr wird ihn aufrichten; und wenn er Sünden getan hat,
wird ihm vergeben werden. Bekennt also einander eure Sünden und betet
füreinander, dass ihr gesund werdet. Des Gerechten Gebet vermag viel,
wenn es ernstlich ist."
Ja, viele tun sich schwer, diese Worte zu glauben. Zumindest nicht so.
Und wir fangen an zu rechten und kasuistisch auszulegen. Und manche
verteidigen dann Gott und erzählen von ihren Erfolgen und wir sind
kleinlauter und wollen nicht so vollmundig sein und sind vorsichtig,
denn vielleicht hat es an einer Stelle schon einmal geklappt, dafür aber
an so vielen anderen Stellen nicht.Irgendwie ist das Gebet nicht
verlässlich. Und dann halten wir lieber den Mund und besinne uns aufs
Reale und gehen zum Arzt. Und es hilft oder auch nicht.
Vorsicht. Meine ich. Hören wir auf in falschen Alternativen zu denken
oder fangen wir erst gar nicht damit an. Unser Bibelwort will kein
entweder – oder sein. Er will kein Gebet contra Medizin oder Glaube
versus Vernunft sein. Immer wieder die falschen
Alternativen, als ob unser Leben nur aus Schwarz oder Weiß bestünde.
Wir haben es ja die ganze Woche über in der Life-Woche gemerkt,
diese falsche Alternativen und wohin sie führt: Entweder jung oder alt.
Und alt heißt dann nur alt und gebrechlich sein
und ins Pflegeheim müssen. Und weil wir davor
Angst haben, verschließen wir die Augen und unternehmen nichts und wir
bereiten uns nicht vor, bis es zu spät ist. Als ob wir der Schöpfung
entfliehen könnten. Leben wir doch mit dem Leben und nicht dagegen.
Und darum meine ich auch: Lasst uns doch dieses Bibelwort ernst nehmen,
wie wir überhaupt Gott ernster nehmen sollten in seinem Wort und nicht
schon immer alles besser wissen und Gott vor unseren hohen Gerichtshof
zerren, wo wir auf ihn herabsehen und herabplärren: Da hast du versagt.
Und hier hat dein Wort nicht gestimmt. Und dort ....
Der Mensch kann auch ohne Gott leben. Durchaus. Aber lebt er
schlechter, da werde ich mir zunehmend sicherer.
Ja, wir sollten dieses Bibelwort ernst nehmen, weil es eine gute
Botschaft ist. Ein gutes Wort: Heilung für Leib und Seele – so wie das
Thema für diesen Sonntag lautet. Und hier steht: "Leidet
jemand unter euch, der bete; ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen."
Das ist doch die Chance des Glaubens. Das ist doch der große Gewinn, den
wir in Christus haben. Der kostbare Schatz, für den wir alles andere
verkaufen. Dass wir nämlich unser ganzes Leben in
Gottes Hand geben dürfen. Deshalb werden wir dann auch ewig leben, weil
wir bereits hier spüren, dass es über diesem Leben noch eine ganz andere
Dimension gibt, eine Größe, die unsere irdisches Leben umfasst und noch
weit darüber hinaus reicht, nämlich ins ewige Leben.
Die große Chance des Glaubens ist doch gerade, dass wir unser
ganzes Leben ansehen dürfen. Und in diesem Leben ist eben Leid und
Freude.
"Leidet jemand unter euch, der bete; ist jemand
guten Mutes, der singe Psalmen." Das wussten die
Christen damals und das wissen wir hoffentlich auch heute noch. Welches
entsetzliche Erschrecken immer, wenn einen eine Krankheit ereilt. Und
dann fliehen die Freunde und die Spreu trennt sich vom Weizen, weil sie
es nicht mit ansehen können, wenn einer leidet oder zittert oder riecht
oder in seiner Altersverwirrung zum Klein-Kind wird.
Einige Tapfere haben in den vergangenen Tagen den Blick ins
Alt-Werden gewagt und wir sind klug daran geworden. "Leidet
jemand unter euch, der bete." Steht hier. Aber
sollten wir etwa dafür beten, dass es keine Alten mehr gibt?
Wäre es nicht besser, wir würden dafür beten, dass wir das Altern
ertragen und den alten Menschen ertragen und den Anblick des Verfalls
aushalten und darüber weise werden, weil wir in unserem Gegenüber immer
noch das Geschöpf Gottes sehen? Wäre das nicht viel besser. Und die
Liebe würde zurückkehren und die Nähe und mein hilfloses Gegenüber
bleibt mein Vater oder meine Mutter oder mein Partner, aber ich bin über
meinem Beten über diesem Leid stark geworden und meine Trugbilder haben
mich losgelassen und meine Allmachtsphantasien und ich habe mir meine
Hilflosigkeit eingestanden und vielleicht auch mein Erschrecken und mein
Entsetzen und meine Wut. Ja, ich habe daran
gelitten und gebetet und nochmals gebetet und nochmals gebetet und der
Mut kehrte zurück, doch es war ein neuer Mut, ein anderer Mut, weil es
ein anderer Blick wurde. Mühsam erbeten, so wie
Israel Jahrzehnte gebetet hat, bis es aus der Sklaverei befreit wurde.
Vielleicht sollten wir dafür beten, dass sich unser Blick verändert. Nur
weil wir den Kranken nicht aushalten und der Behinderte unseren Blick
beleidigt und der alte Mensch uns erschaudern lässt vor der eigenen
Endlichkeit soll Gott das alles wegmachen. In
welchem Wahn leben wir eigentlich? Alles sauber
und ordentlich. Und zynisch halten wir uns das
alles vom Leib und auf Distanz in der Hoffnung, dass es uns ja nicht
einholt oder ereilt. Wie oft, ja wie oft behindert der Gesunde den
Kranken, weil wir, die Gesunden, nicht unsere Hausaufgaben machen
wollen.
"Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich
die Ältesten der Gemeinde, dass sie über ihm beten und ihn salben mit Öl
in dem Namen des Herrn." Und die Ältesten der
Gemeinde sind hingegangen und haben ihn nicht ausgegrenzt, sondern ihn
hineingenommen in ihre Gemeinschaft, sichtbar und unsichtbar im Gebet.
Wie gut tut es allein schon zu wissen, ich stehe nicht alleine. Da fühlt
einer mit mir und empfindet mit mir und betet mit mir und spricht mit
mir. Die Last kann er mir nicht abnehmen, aber
ich vergesse meine Last, wenn er da ist. Die Hand an meiner Hand. Die
Hand auf meiner Stirn. Das Gebet an meinem Ohr. Wie Balsam umhüllt es
meine weinende Seele. "Und das Gebet des Glaubens
wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten; und wenn er
Sünden getan hat, wird ihm vergeben werden."
Das ist der Weg des Gebets. Und wir haben ihn vergessen über aller
Diagnostik und Chirurgie und Therapeutik. Auch hier geben sich Segen und
Fluch die Hand, wenn wir nicht weise werden wollen und klug.
Wissen wir darüber oder darunter noch, dass wir nicht aus Gottes
Hand fallen werden – egal, was passiert. Auch an diesen Stellen bleibt
ER die zuständige Größe für uns und wir dürfen ihn inständig bitten, mit
und in unserer veränderten Situation das Leben neu zu lernen. Kranke und
Gesunde und die ganze Gemeinde. Warum haben denn
die Klöster mit der Kranken- und Armenfürsorge begonnen und nicht länger
weggesehen? Warum haben denn solche Männer und Frauen wie Löhe,
Bodelschwingh, Elisabeth von Thüringen oder Mutter Theresa sich dem
Elend von uns Menschen widmen können und sich nicht ängstlich oder
ekelnd oder hilflos abgewendet?
Weil sie gebetet haben und aus dem Gebet gelebt haben und im Gebet einen
neuen Blick auf die Welt empfangen haben. Und die Angst und die
Sprachlosigkeit und die Zertrennung in Gesunde und Kranke müssen
zurückweichen. Diese Menschen haben Gott ernst genommen in seinem Wort
und haben sich im Gebet von ihm anrühren lassen und wurden dabei bereit,
sich verändern zu lassen. Ja, sie haben Gott in
ihr Innerstes, in ihr Herz sprechen lassen und ihm geglaubt, dass sein
Wort gilt. Natürlich haben sie auch gehadert und geklagt und sind
geflohen und sind manchmal darüber verzweifelt. Aber in alle dem haben
sie Gott ernst genommen und beim Wort, dass er einen Weg heraus weiß
oder zurück zu den Menschen. Paulus hat nach seiner Bekehrung noch
einmal 15 Jahre gebraucht, bis er zu dem Mann geworden ist, den wir
heute im Neuen Testament begegnen. Da sollten wir nicht schon nach einem
Versuch oder nach einem halben Jahr die Flinte ins Korn werfen.
Und beten wir nicht immer nur eintönig, dass ich wieder gesund werde
oder dass der andere wieder gesund wird oder dass alles wie früher wird.
Sondern lassen wir Gott eine Chance in unseren Gebeten, dass er uns noch
einen ganz anderen Weg zeigt. Schreiben wir ihm nicht vor, wie alles zu
sein hat, sondern lassen wir uns darauf ein, was er mit uns vor hat.
Und aus den Kranken wurden Gesunde, obwohl viele krank geblieben
sind. Sie waren Gesunde, weil sie sich durch die Gesunden nicht länger
behindern ließen oder sich schämten, dass sie so sind, wie sie sind,
oder eine Qual oder eine Belastung. Sie wurden im Gebet wieder zu
liebenswerten und lebenswerten Geschöpfen Gottes.
Das ist ja auch die Grundbewegung Jesu, dem Sohn Gottes, warum wir sagen
können, dass das, was hier vorne auf dem Kanzelparament steht, stimmt:
Gott ist Liebe. Weil er sich dem Menschen, jedem Menschen zuwendet und
nicht ausgrenzt oder abgrenzt, sondern uns wieder zurückholt und mit
hinein nimmt in seine Gemeinschaft. Den Gesunden und den Kranken.
Natürlich können wir das alles bestreiten und müssen dann allein mit
unserer Welt zurechtkommen, wie so viele. Aber es
gibt dazu auch eine Alternative. Wir können diesen Worten nachglauben
und nachbeten und dabei loslassen von unserem Wahn, zu wissen, wie alles
zu gehen und zu funktionieren hat und im Loslassen gewinnen wir einen
neuen Blick, wie es auch anders geht. Paulus schreibt: Ist somit jemand
in Christus, so ist er eine neue Kreatur. Das Alte ist vergangen, siehe,
es ist neu geworden. (2 Kor 5,17) Irgendwo muss
es sich doch zeigen, dass wir Christen sind und dass wir uns von ihm
bestimmen lassen wollen. Und so können wir gemeinsam schließen mit dem
letzten Vers unseres Predigttextes: "Bekennt also
einander eure Sünden und betet füreinander, dass ihr gesund werdet. Des
Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist."
Pfarrer
Martin Adel
(Dreieinigkeitskirche
Hof)
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Text:
13 Leidet jemand unter euch, der bete; ist
jemand guten Mutes, der singe Psalmen.
14 Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältesten der
Gemeinde, dass sie über ihm beten und ihn salben mit Öl in dem Namen
des Herrn.
15 Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr
wird ihn aufrichten; und wenn er Sünden getan hat, wird ihm vergeben
werden.
16 Bekennt also einander eure Sünden und betet füreinander, dass ihr
gesund werdet. Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich
ist. |