Predigt    Jesaja 62/6-12    19. Sonntag nach Trinitatis    22.10.06

"Heilung an Leib und Seele"
(Von Pfarrer Martin Adel, Dreieinigkeit Hof)

Liebe Leser,

Geht es ihnen nicht auch so bei solchen Bibelworten. Wir hören sie und wir tun uns so unendlich schwer, sie zu glauben. Wir möchten nicht sagen, dass die Bibel lügt, aber im Lauf der Jahre sind wir kleinlaut und kleingläubig geworden. Es funktioniert so selten, dass wir beten und dem Kranken ist geholfen. Natürlich haben wir ganz vielfältige Erklärungen dafür, warum das so ist: Vielleicht wirkt Gott erst an späterer Stelle
oder er hilft erst in der Seele und nicht gleich körperlich – wie in der Evangeliumslesung
oder weil es vielleicht doch kein Gebet des Glaubens war
oder wir kein Gebet des Gerechten gesprochen haben
oder was auch immer.
Unser Gebet hilft jedenfalls nicht so, wie wir es uns von Herzen wünschen würden oder es tut sich gar nichts.

Und genau an dieser Stelle kehren viele Gott den Rücken. Enttäuscht und frustriert. Andere gehen nicht so weit, aber sie hören zumindest mit dem Beten auf und stürzen sich auf die realen, sozialen Aufgaben. Zumindest kann man dann direkt helfen. Ich, als Mensch springe ein, wenn Gott schon nicht hilft. Wie sagte v. Bodelschwingh: Über Gottes Hartherzigkeit bin ich barmherzig geworden. Und trotzdem steht es da so absolut, provozierend und direkt:
"Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten; und wenn er Sünden getan hat, wird ihm vergeben werden. Bekennt also einander eure Sünden und betet füreinander, dass ihr gesund werdet. Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist."

Ja, viele tun sich schwer, diese Worte zu glauben. Zumindest nicht so. Und wir fangen an zu rechten und kasuistisch auszulegen. Und manche verteidigen dann Gott und erzählen von ihren Erfolgen und wir sind kleinlauter und wollen nicht so vollmundig sein und sind vorsichtig, denn vielleicht hat es an einer Stelle schon einmal geklappt, dafür aber an so vielen anderen Stellen nicht.Irgendwie ist das Gebet nicht verlässlich. Und dann halten wir lieber den Mund und besinne uns aufs Reale und gehen zum Arzt. Und es hilft oder auch nicht.

Vorsicht. Meine ich. Hören wir auf in falschen Alternativen zu denken oder fangen wir erst gar nicht damit an. Unser Bibelwort will kein entweder – oder sein. Er will kein Gebet contra Medizin oder Glaube versus Vernunft sein. Immer wieder die falschen Alternativen, als ob unser Leben nur aus Schwarz oder Weiß bestünde. Wir haben es ja die ganze Woche über in der Life-Woche gemerkt, diese falsche Alternativen und wohin sie führt: Entweder jung oder alt. Und alt heißt dann nur alt und gebrechlich sein und ins Pflegeheim müssen. Und weil wir davor Angst haben, verschließen wir die Augen und unternehmen nichts und wir bereiten uns nicht vor, bis es zu spät ist. Als ob wir der Schöpfung entfliehen könnten. Leben wir doch mit dem Leben und nicht dagegen.

Und darum meine ich auch: Lasst uns doch dieses Bibelwort ernst nehmen, wie wir überhaupt Gott ernster nehmen sollten in seinem Wort und nicht schon immer alles besser wissen und Gott vor unseren hohen Gerichtshof zerren, wo wir auf ihn herabsehen und herabplärren: Da hast du versagt. Und hier hat dein Wort nicht gestimmt. Und dort .... Der Mensch kann auch ohne Gott leben. Durchaus. Aber lebt er schlechter, da werde ich mir zunehmend sicherer. Ja, wir sollten dieses Bibelwort ernst nehmen, weil es eine gute Botschaft ist. Ein gutes Wort: Heilung für Leib und Seele – so wie das Thema für diesen Sonntag lautet. Und hier steht: "Leidet jemand unter euch, der bete; ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen."

Das ist doch die Chance des Glaubens. Das ist doch der große Gewinn, den wir in Christus haben. Der kostbare Schatz, für den wir alles andere verkaufen. Dass wir nämlich unser ganzes Leben in Gottes Hand geben dürfen. Deshalb werden wir dann auch ewig leben, weil wir bereits hier spüren, dass es über diesem Leben noch eine ganz andere Dimension gibt, eine Größe, die unsere irdisches Leben umfasst und noch weit darüber hinaus reicht, nämlich ins ewige Leben. Die große Chance des Glaubens ist doch gerade, dass wir unser ganzes Leben ansehen dürfen. Und in diesem Leben ist eben Leid und Freude.

"Leidet jemand unter euch, der bete; ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen." Das wussten die Christen damals und das wissen wir hoffentlich auch heute noch. Welches entsetzliche Erschrecken immer, wenn einen eine Krankheit ereilt. Und dann fliehen die Freunde und die Spreu trennt sich vom Weizen, weil sie es nicht mit ansehen können, wenn einer leidet oder zittert oder riecht oder in seiner Altersverwirrung zum Klein-Kind wird. Einige Tapfere haben in den vergangenen Tagen den Blick ins Alt-Werden gewagt und wir sind klug daran geworden. "Leidet jemand unter euch, der bete." Steht hier. Aber sollten wir etwa dafür beten, dass es keine Alten mehr gibt?

Wäre es nicht besser, wir würden dafür beten, dass wir das Altern ertragen und den alten Menschen ertragen und den Anblick des Verfalls aushalten und darüber weise werden, weil wir in unserem Gegenüber immer noch das Geschöpf Gottes sehen? Wäre das nicht viel besser. Und die Liebe würde zurückkehren und die Nähe und mein hilfloses Gegenüber bleibt mein Vater oder meine Mutter oder mein Partner, aber ich bin über meinem Beten über diesem Leid stark geworden und meine Trugbilder haben mich losgelassen und meine Allmachtsphantasien und ich habe mir meine Hilflosigkeit eingestanden und vielleicht auch mein Erschrecken und mein Entsetzen und meine Wut. Ja, ich habe daran gelitten und gebetet und nochmals gebetet und nochmals gebetet und der Mut kehrte zurück, doch es war ein neuer Mut, ein anderer Mut, weil es ein anderer Blick wurde. Mühsam erbeten, so wie Israel Jahrzehnte gebetet hat, bis es aus der Sklaverei befreit wurde.

Vielleicht sollten wir dafür beten, dass sich unser Blick verändert. Nur weil wir den Kranken nicht aushalten und der Behinderte unseren Blick beleidigt und der alte Mensch uns erschaudern lässt vor der eigenen Endlichkeit soll Gott das alles wegmachen. In welchem Wahn leben wir eigentlich? Alles sauber und ordentlich. Und zynisch halten wir uns das alles vom Leib und auf Distanz in der Hoffnung, dass es uns ja nicht einholt oder ereilt. Wie oft, ja wie oft behindert der Gesunde den Kranken, weil wir, die Gesunden, nicht unsere Hausaufgaben machen wollen.

"Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde, dass sie über ihm beten und ihn salben mit Öl in dem Namen des Herrn." Und die Ältesten der Gemeinde sind hingegangen und haben ihn nicht ausgegrenzt, sondern ihn hineingenommen in ihre Gemeinschaft, sichtbar und unsichtbar im Gebet. Wie gut tut es allein schon zu wissen, ich stehe nicht alleine. Da fühlt einer mit mir und empfindet mit mir und betet mit mir und spricht mit mir. Die Last kann er mir nicht abnehmen, aber ich vergesse meine Last, wenn er da ist. Die Hand an meiner Hand. Die Hand auf meiner Stirn. Das Gebet an meinem Ohr. Wie Balsam umhüllt es meine weinende Seele. "Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten; und wenn er Sünden getan hat, wird ihm vergeben werden."

Das ist der Weg des Gebets. Und wir haben ihn vergessen über aller Diagnostik und Chirurgie und Therapeutik. Auch hier geben sich Segen und Fluch die Hand, wenn wir nicht weise werden wollen und klug. Wissen wir darüber oder darunter noch, dass wir nicht aus Gottes Hand fallen werden – egal, was passiert. Auch an diesen Stellen bleibt ER die zuständige Größe für uns und wir dürfen ihn inständig bitten, mit und in unserer veränderten Situation das Leben neu zu lernen. Kranke und Gesunde und die ganze Gemeinde. Warum haben denn die Klöster mit der Kranken- und Armenfürsorge begonnen und nicht länger weggesehen? Warum haben denn solche Männer und Frauen wie Löhe, Bodelschwingh, Elisabeth von Thüringen oder Mutter Theresa sich dem Elend von uns Menschen widmen können und sich nicht ängstlich oder ekelnd oder hilflos abgewendet?

Weil sie gebetet haben und aus dem Gebet gelebt haben und im Gebet einen neuen Blick auf die Welt empfangen haben. Und die Angst und die Sprachlosigkeit und die Zertrennung in Gesunde und Kranke müssen zurückweichen. Diese Menschen haben Gott ernst genommen in seinem Wort und haben sich im Gebet von ihm anrühren lassen und wurden dabei bereit, sich verändern zu lassen. Ja, sie haben Gott in ihr Innerstes, in ihr Herz sprechen lassen und ihm geglaubt, dass sein Wort gilt. Natürlich haben sie auch gehadert und geklagt und sind geflohen und sind manchmal darüber verzweifelt. Aber in alle dem haben sie Gott ernst genommen und beim Wort, dass er einen Weg heraus weiß oder zurück zu den Menschen. Paulus hat nach seiner Bekehrung noch einmal 15 Jahre gebraucht, bis er zu dem Mann geworden ist, den wir heute im Neuen Testament begegnen. Da sollten wir nicht schon nach einem Versuch oder nach einem halben Jahr die Flinte ins Korn werfen.

Und beten wir nicht immer nur eintönig, dass ich wieder gesund werde oder dass der andere wieder gesund wird oder dass alles wie früher wird. Sondern lassen wir Gott eine Chance in unseren Gebeten, dass er uns noch einen ganz anderen Weg zeigt. Schreiben wir ihm nicht vor, wie alles zu sein hat, sondern lassen wir uns darauf ein, was er mit uns vor hat. Und aus den Kranken wurden Gesunde, obwohl viele krank geblieben sind. Sie waren Gesunde, weil sie sich durch die Gesunden nicht länger behindern ließen oder sich schämten, dass sie so sind, wie sie sind, oder eine Qual oder eine Belastung. Sie wurden im Gebet wieder zu liebenswerten und lebenswerten Geschöpfen Gottes.

Das ist ja auch die Grundbewegung Jesu, dem Sohn Gottes, warum wir sagen können, dass das, was hier vorne auf dem Kanzelparament steht, stimmt: Gott ist Liebe. Weil er sich dem Menschen, jedem Menschen zuwendet und nicht ausgrenzt oder abgrenzt, sondern uns wieder zurückholt und mit hinein nimmt in seine Gemeinschaft. Den Gesunden und den Kranken.

Natürlich können wir das alles bestreiten und müssen dann allein mit unserer Welt zurechtkommen, wie so viele. Aber es gibt dazu auch eine Alternative. Wir können diesen Worten nachglauben und nachbeten und dabei loslassen von unserem Wahn, zu wissen, wie alles zu gehen und zu funktionieren hat und im Loslassen gewinnen wir einen neuen Blick, wie es auch anders geht. Paulus schreibt: Ist somit jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur. Das Alte ist vergangen, siehe, es ist neu geworden. (2 Kor 5,17) Irgendwo muss es sich doch zeigen, dass wir Christen sind und dass wir uns von ihm bestimmen lassen wollen. Und so können wir gemeinsam schließen mit dem letzten Vers unseres Predigttextes: "Bekennt also einander eure Sünden und betet füreinander, dass ihr gesund werdet. Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist."
 

Pfarrer Martin Adel   (Dreieinigkeitskirche Hof)

Text: 

13 Leidet jemand unter euch, der bete; ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen.
14 Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde, dass sie über ihm beten und ihn salben mit Öl in dem Namen des Herrn.
15 Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten; und wenn er Sünden getan hat, wird ihm vergeben werden.
16 Bekennt also einander eure Sünden und betet füreinander, dass ihr gesund werdet. Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist.


Archiv
Zurück zur: Homepage Dekanat Hof     Homepage Hospitalkirche