Predigt     Hebräer 13/20-21    Miserikordias Domini    06.04.08

"Fingerzeig nach oben"
Predigt anl. des 700jährigen Jubiläums der Kirche in Pilgramsreuth
(Von Dekan Günter Saalfrank, St. Michaelis Hof)

Liebe Leser;

Von weitem ist diese Kirche sichtbar. Wer nach Pilgramsreuth möchte, braucht sich nur an dem Gotteshaus zu orientieren, das den Ort überragt und dessen Turm wie ein Fingerzeig nach oben in den Himmel weist. Ein kleiner Ort und eine große, wunderschöne Kirche. Kein Wunder, dass der ursprünglich gotische Sakralbau mit seiner reichen barocken Ausstattung im Volksmund auch „Bauerndom“ genannt wird. Das Pilgramsreuther Gotteshaus, das vor 700 Jahren als „Kapelle der Pilgrime im Walde“ das erste Mal urkundlich erwähnt wurde, ist wirklich ein Kleinod unter den Dorfkirchen in Oberfranken. Der Legende nach hatten drei Pilger nach der Rettung aus großer Not und Gefahr die Vision, hier eine Kapelle zu errichten. Sie rodeten den Wald und schufen ein kleines Gotteshaus. Vermutlich reichen dessen Wurzeln noch weiter zurück als bis zum Jahr 1308.

Seit über 700 Jahren kommen an diesem Ort Menschen zusammen, um zu beten, zur Ruhe zu finden und Gottes Wort zu hören. Seit über sieben Jahrhunderten gibt es hier einen Ort, wo beides seinen Platz hat: Freude und Trauer, Trost und Ermahnung, Hilfe und Korrektur. Wie viele Generationen von Menschen haben Gott hier auf vielfältige Weise erfahren. Und wie viele Generationen haben hier die Botschaft vom guten Hirten gehört, die am heutigen Sonntag als Predigttext vorgesehen ist. Ich lese dazu aus dem 13.Kapitel des Briefes an die Hebräer zwei Verse. (Textlesung Hebräer 13,20-21)

Es ist ein uraltes Bild, das vom Hirten und den Schafen. Dahinter steckt der Wunsch nach Geborgenheit: Jemanden zu haben, der die Geschicke lenkt, einen führt und beschützt. Von alters her haben Menschen Gott als den guten Hirten angesehen. Immer wieder konnten sie erfahren, was im 23.Psalm so beschrieben ist: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Jesus selbst hat sich als der gute Hirte bezeichnet, der sein Leben lässt für die Schafe – für diejenigen, die ihm anvertraut sind. Der Predigttext von heute knüpft daran an, indem er sagt, dass Jesus nicht im Tod blieb. Gott hat diesen Hirten herausgeführt, von ganz unten - von der Tiefe des Leidens - bis nach ganz oben, zu seiner Rechten. Durch das Jesu Blut wurde ein Bund geschaffen, eine ewige Verbindung zwischen Gott und den Menschen, zwischen Gott und uns allen, die zu Jesus gehören. Und dieser Bund befähigt dazu, Gutes zu tun und so zu leben wie es Gott gefällt.

Dieses Bild vom Hirten Jesu drückt Geborgenheit aus: Diesem Hirten kann ich mich anvertrauen. Er weiß, was gut für mich ist. Er führt mich und lässt mich auch im dunklen Tal nicht allein. Bei ihm bin ich geborgen. Ohne Hirten sind die Schafe aufgeschmissen – das wussten die Menschen früher. Und so empfanden sie immer wieder das Bild als etwas Positives, Hilfreiches. Heute sind manchmal Stimmen zu hören, die sagen: „Ich bin doch kein dummes Schaf.“ „Nein, ein Herdentier ohne eigenen Willen – das will ich nicht sein.“ Darum geht es in dem Bild vom Hirten und den Schafen gar nicht. Das zeigt auch ein Blick darauf, wie junge Leute mit dieser Vorstellung umgehen.

Nach wie vor ist der 23.Psalm ein beliebter Konfirmationsspruch bei Jungen. Sie fühlen sich nicht in ihrer Freiheit eingeschränkt, sondern möchten gerne im Hintergrund ihres selbst bestimmten Lebens einen väterlichen Freund haben, der ihnen mit Rat beiseite steht. Junge Leute verstehen den guten Hirten nicht als jemanden, der ihnen die Freiheit nimmt. Sie sehen darin vielmehr einen, der sie vor den Folgen ihrer unvorsichtigen Taten beschützt. Sie hoffen, mit seiner Hilfe einen guten Weg durchs Leben zu finden.

Wer sich Gott als dem guten Hirten anvertraut, ist alles andere als ein dummes Schaf. Dumm ist vielmehr derjenige, der meint, alles alleine machen zu müssen. Und der sich so zu viel zumutet und sich und sein Möglichkeiten überschätzt. Dabei ist es doch entlastend, zu wissen: Ich kann mich an den guten Hirten wenden. Er kümmert sich um mich. Es liegt nicht alles an mir und dem, was ich zu leisten vermag. Wer sich so verhält, der ist klug. Deshalb ist es gut und weise, wenn sich Verantwortliche in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kirche als Menschen verstehen, von denen nicht alles abhängt. Sondern sich als solche sehen, die sich dem guten Hirten anvertrauen.

An drei Stellen geht es hier in der Kirche um den Hirten. Die eine ist leicht zu entdecken. Sie findet sich als Darstellung auf einer der Emporenbrüstungen. Auf der linken Seite der ersten Empore ist Jesus als der gute Hirte mit einer Schafherde abgebildet. Er stellt sich schützend vor die Schafe, passt auf, dass ihnen nichts zustößt. Im Hintergrund der Darstellung zum 10. Kapitel des Johannesevangeliums läuft übrigens ein Hirte weg. Er macht sich aus dem Staub – vielleicht, weil es zu brenzlig wird? Das unterscheidet einen guten Hirten von einem, der seine Aufgabe nicht ernst nimmt oder missbraucht. Leicht kann es vorkommen, dass ein Führer zum Verführer wird – wie die deutsche Vergangenheit zeigt. Und damit Millionen von Menschen mit ins Unglück stürzt.

Noch eine zweite Darstellung eines Hirten gibt es hier in der Kirche. Zugegeben, sie ist auf den ersten Blick nicht entdecken. Es handelt sich hier unter der Kanzel um Mose, der die zehn Gebote in seinen Händen hat. Die Kanzel ruht schwer auf seinen Schultern. Ein Sinnbild für die Aufgabe, die ihm übertragen ist. Jahrelang hütete er die Schafherde seines Schwiegervaters Jethro. Dann bekommt er von Gott den Auftrag, die Israeliten aus der Knechtschaft Ägyptens herauszuführen in das verheißene Land. Mose wird zum ersten Hirten des Volkes. Es ist damit ein Wegbereiter für den großen Hirten des Volkes, für Jesus Christus.

Das dritte Bild vom Hirten ist Sonntag für Sonntag live zu sehen, wenn der Pfarrer als Hirte der Gemeinde am Lesepult, auf der Kanzel oder am Altar steht. Das Verhältnis des Hirten zur Gemeinde war in Pilgramsreuth in der Vergangenheit nicht immer spannungsfrei - wie ein Blick in die Kirchenbücher zeigt. Da gab es auch schon einmal einen Gottesdienst-Boykott, weil sich die Bauern weigerten, von den Kartoffeln den Zehnten an den Pfarrer abzugeben. Oder da strengte der Ortsgeistliche vor dem Gericht in Hof einen Prozess gegen die Bauern an, weil er im Blick auf die neu angebauten Erdäpfel leer ausging. Die Landwirte meinten sich im Recht, weil in der Abgabenordnung nicht von den Kartoffeln die Rede war. Die Pilgramsreuther waren ja Pioniere im Anbau dieser Feldfrucht.

Es war mitunter kein leichtes Miteinander von Pfarrer und Gemeinde. So finden sich in den Pfarrbeschreibungen viele Klagen und Aussagen über den Starrsinn der Bevölkerung. Von „verwilderter oder zügelloser Jugend“, von „viel Unannehmlichkeiten und Ärger“ ist da die Rede. Manchen Pfarrer hielt es nicht so lange in Pilgramsreuth. Mancher war der Streitereien mit den Bauern überdrüssig. Ob das aber immer nur an der einen Seite lag, dass es Spannungen gab?

Hirte und Gemeinde - das war in den letzten Jahrhunderten hier keine Liebesbeziehung. Ganz anders dagegen das Verhältnis der Gemeinde zum himmlischen Hirten und dessen Haus. Da engagierten sich die Pilgramsreuther und alle, die zur Gemeinde gehörten, kräftig für ihre Kirche. Und das ist – wie ich mitbekommen habe - bis zum heutigen Tag nicht anders. Dass die Kirche Ende des 17. und Anfang des 18.Jahrhunderts innen so reichhaltig und wertvoll im barocken Stil ausgestattet wurde, hängt mit den Spenden der Gemeinde zusammen. Von dieser finanziellen Unterstützung zeugen auch heute noch Teile des Gotteshauses. So finden sich auf der Innenseite der Türe zum Kanzelaufgang Namen von Spender und die Höhe der Gaben. Auch auf der Rückseite des Altars sind entsprechende Aufzeichnungen zu entdecken. Die Gemeinde kümmerte sich um den Erhalt ihres Gotteshauses. Sie stand zusammen, wenn es darum ging, die Kirche zu verschönern. Ohne dieses Engagement gäbe es wohl kein Gotteshaus mehr in Pilgramsreuth und könnten wir heute kein Jubiläum feiern. 700 Jahre Pfarrkirche hier - das sind auch sieben Jahrhunderte Geschichte und Einsatz der Pilgramsreuther für ihr Gotteshaus. Als Dekan möchte ich Ihnen ausdrücklich dafür danken. Ich hoffe, dass Sie, die Pilgramsreuther auch in Zukunft so zu ihrer Kirche stehen. Denn trotz staatlicher Hilfe ist und bleibt der Unterhalt der großen Kirche eine kräftige Herausforderung für Sie als zahlenmäßig kleine Kirchengemeinde.

So gut das Bild vom guten Hirten aus dem Hebräerbrief zur Geschichte dieser Kirche passt, so zutreffend ist der letzte Satz des Predigttextes für die Zukunft des Sakralbaus. Wenn es heißt: „Ihm – Jesus Christus - sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ Darum geht es auch weiterhin in dem Gotteshaus, ihm – Jesus Christus – dem Herrn der Kirche die Ehre zu geben. So schön es ist, dass Namen von Menschen aufgezeichnet werden, die etwas für das Gotteshaus tun, sein Name steht über allem. Er soll weiterhin im Mittelpunkt dieser Kirche hier stehen. Als himmlischer Hirte dieser Gemeinde, der sie – wie in der Vergangenheit - auch zukünftig führt und beschützt.

Und noch etwas: Der Turm, der von weitem zu erkennen ist und wie ein Fingerzeig nach oben ragt, erinnert jeden und jede von uns an den himmlischen Hirten. Daran, ihn nicht zu vergessen im Alltag und ihn nicht auszublenden aus unserem Leben. Sondern sich ihm anzuvertrauen – als dem guten Hirten. Und zu sagen: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.

Dekan Günter Saalfrank      (St. Michaelis Hof)

Text: 

20 Der Gott des Friedens aber, der den großen Hirten der Schafe, unsern Herrn Jesus, von den Toten heraufgeführt hat durch das Blut des ewigen Bundes,
21 der mache euch tüchtig in allem Guten, zu tun seinen Willen, und schaffe in uns, was ihm gefällt, durch Jesus Christus, welchem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.
 


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