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Liebe Leser;
Von weitem ist diese Kirche sichtbar. Wer nach
Pilgramsreuth möchte, braucht sich nur an dem Gotteshaus zu orientieren,
das den Ort überragt und dessen Turm wie ein Fingerzeig nach oben in den
Himmel weist. Ein kleiner Ort und eine große, wunderschöne Kirche. Kein
Wunder, dass der ursprünglich gotische Sakralbau mit seiner reichen
barocken Ausstattung im Volksmund auch „Bauerndom“ genannt wird. Das
Pilgramsreuther Gotteshaus, das vor 700 Jahren als „Kapelle der Pilgrime
im Walde“ das erste Mal urkundlich erwähnt wurde, ist wirklich ein
Kleinod unter den Dorfkirchen in Oberfranken. Der Legende nach hatten
drei Pilger nach der Rettung aus großer Not und Gefahr die Vision, hier
eine Kapelle zu errichten. Sie rodeten den Wald und schufen ein kleines
Gotteshaus. Vermutlich reichen dessen Wurzeln noch weiter zurück als bis
zum Jahr 1308.
Seit über 700 Jahren kommen an diesem Ort Menschen zusammen, um zu
beten, zur Ruhe zu finden und Gottes Wort zu hören. Seit über sieben
Jahrhunderten gibt es hier einen Ort, wo beides seinen Platz hat: Freude
und Trauer, Trost und Ermahnung, Hilfe und Korrektur. Wie viele
Generationen von Menschen haben Gott hier auf vielfältige Weise
erfahren. Und wie viele Generationen haben hier die Botschaft vom guten
Hirten gehört, die am heutigen Sonntag als Predigttext vorgesehen ist.
Ich lese dazu aus dem 13.Kapitel des Briefes an die Hebräer zwei Verse.
(Textlesung Hebräer 13,20-21)
Es ist ein uraltes Bild, das vom Hirten und den Schafen. Dahinter steckt
der Wunsch nach Geborgenheit: Jemanden zu haben, der die Geschicke
lenkt, einen führt und beschützt. Von alters her haben Menschen Gott als
den guten Hirten angesehen. Immer wieder konnten sie erfahren, was im
23.Psalm so beschrieben ist: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts
mangeln. Jesus selbst hat sich als der gute Hirte bezeichnet, der sein
Leben lässt für die Schafe – für diejenigen, die ihm anvertraut sind.
Der Predigttext von heute knüpft daran an, indem er sagt, dass Jesus
nicht im Tod blieb. Gott hat diesen Hirten herausgeführt, von ganz unten
- von der Tiefe des Leidens - bis nach ganz oben, zu seiner Rechten.
Durch das Jesu Blut wurde ein Bund geschaffen, eine ewige Verbindung
zwischen Gott und den Menschen, zwischen Gott und uns allen, die zu
Jesus gehören. Und dieser Bund befähigt dazu, Gutes zu tun und so zu
leben wie es Gott gefällt.
Dieses Bild vom Hirten Jesu drückt Geborgenheit aus: Diesem Hirten kann
ich mich anvertrauen. Er weiß, was gut für mich ist. Er führt mich und
lässt mich auch im dunklen Tal nicht allein. Bei ihm bin ich geborgen.
Ohne Hirten sind die Schafe aufgeschmissen – das wussten die Menschen
früher. Und so empfanden sie immer wieder das Bild als etwas Positives,
Hilfreiches. Heute sind manchmal Stimmen zu hören, die sagen: „Ich bin
doch kein dummes Schaf.“ „Nein, ein Herdentier ohne eigenen Willen – das
will ich nicht sein.“ Darum geht es in dem Bild vom Hirten und den
Schafen gar nicht. Das zeigt auch ein Blick darauf, wie junge Leute mit
dieser Vorstellung umgehen.
Nach wie vor ist der 23.Psalm ein beliebter Konfirmationsspruch bei
Jungen. Sie fühlen sich nicht in ihrer Freiheit eingeschränkt, sondern
möchten gerne im Hintergrund ihres selbst bestimmten Lebens einen
väterlichen Freund haben, der ihnen mit Rat beiseite steht. Junge Leute
verstehen den guten Hirten nicht als jemanden, der ihnen die Freiheit
nimmt. Sie sehen darin vielmehr einen, der sie vor den Folgen ihrer
unvorsichtigen Taten beschützt. Sie hoffen, mit seiner Hilfe einen guten
Weg durchs Leben zu finden.
Wer sich Gott als dem guten Hirten anvertraut, ist alles andere als ein
dummes Schaf. Dumm ist vielmehr derjenige, der meint, alles alleine
machen zu müssen. Und der sich so zu viel zumutet und sich und sein
Möglichkeiten überschätzt. Dabei ist es doch entlastend, zu wissen: Ich
kann mich an den guten Hirten wenden. Er kümmert sich um mich. Es liegt
nicht alles an mir und dem, was ich zu leisten vermag. Wer sich so
verhält, der ist klug. Deshalb ist es gut und weise, wenn sich
Verantwortliche in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kirche als
Menschen verstehen, von denen nicht alles abhängt. Sondern sich als
solche sehen, die sich dem guten Hirten anvertrauen.
An drei Stellen geht es hier in der Kirche um den Hirten. Die eine ist
leicht zu entdecken. Sie findet sich als Darstellung auf einer der
Emporenbrüstungen. Auf der linken Seite der ersten Empore ist Jesus als
der gute Hirte mit einer Schafherde abgebildet. Er stellt sich schützend
vor die Schafe, passt auf, dass ihnen nichts zustößt. Im Hintergrund der
Darstellung zum 10. Kapitel des Johannesevangeliums läuft übrigens ein
Hirte weg. Er macht sich aus dem Staub – vielleicht, weil es zu brenzlig
wird? Das unterscheidet einen guten Hirten von einem, der seine Aufgabe
nicht ernst nimmt oder missbraucht. Leicht kann es vorkommen, dass ein
Führer zum Verführer wird – wie die deutsche Vergangenheit zeigt. Und
damit Millionen von Menschen mit ins Unglück stürzt.
Noch eine zweite Darstellung eines Hirten gibt es hier in der Kirche.
Zugegeben, sie ist auf den ersten Blick nicht entdecken. Es handelt sich
hier unter der Kanzel um Mose, der die zehn Gebote in seinen Händen hat.
Die Kanzel ruht schwer auf seinen Schultern. Ein Sinnbild für die
Aufgabe, die ihm übertragen ist. Jahrelang hütete er die Schafherde
seines Schwiegervaters Jethro. Dann bekommt er von Gott den Auftrag, die
Israeliten aus der Knechtschaft Ägyptens herauszuführen in das
verheißene Land. Mose wird zum ersten Hirten des Volkes. Es ist damit
ein Wegbereiter für den großen Hirten des Volkes, für Jesus Christus.
Das dritte Bild vom Hirten ist Sonntag für Sonntag live zu sehen, wenn
der Pfarrer als Hirte der Gemeinde am Lesepult, auf der Kanzel oder am
Altar steht. Das Verhältnis des Hirten zur Gemeinde war in Pilgramsreuth
in der Vergangenheit nicht immer spannungsfrei - wie ein Blick in die
Kirchenbücher zeigt. Da gab es auch schon einmal einen
Gottesdienst-Boykott, weil sich die Bauern weigerten, von den Kartoffeln
den Zehnten an den Pfarrer abzugeben. Oder da strengte der
Ortsgeistliche vor dem Gericht in Hof einen Prozess gegen die Bauern an,
weil er im Blick auf die neu angebauten Erdäpfel leer ausging. Die
Landwirte meinten sich im Recht, weil in der Abgabenordnung nicht von
den Kartoffeln die Rede war. Die Pilgramsreuther waren ja Pioniere im
Anbau dieser Feldfrucht.
Es war mitunter kein leichtes Miteinander von Pfarrer und Gemeinde. So
finden sich in den Pfarrbeschreibungen viele Klagen und Aussagen über
den Starrsinn der Bevölkerung. Von „verwilderter oder zügelloser
Jugend“, von „viel Unannehmlichkeiten und Ärger“ ist da die Rede.
Manchen Pfarrer hielt es nicht so lange in Pilgramsreuth. Mancher war
der Streitereien mit den Bauern überdrüssig. Ob das aber immer nur an
der einen Seite lag, dass es Spannungen gab?
Hirte und Gemeinde - das war in den letzten Jahrhunderten hier keine
Liebesbeziehung. Ganz anders dagegen das Verhältnis der Gemeinde zum
himmlischen Hirten und dessen Haus. Da engagierten sich die
Pilgramsreuther und alle, die zur Gemeinde gehörten, kräftig für ihre
Kirche. Und das ist – wie ich mitbekommen habe - bis zum heutigen Tag
nicht anders. Dass die Kirche Ende des 17. und Anfang des
18.Jahrhunderts innen so reichhaltig und wertvoll im barocken Stil
ausgestattet wurde, hängt mit den Spenden der Gemeinde zusammen. Von
dieser finanziellen Unterstützung zeugen auch heute noch Teile des
Gotteshauses. So finden sich auf der Innenseite der Türe zum
Kanzelaufgang Namen von Spender und die Höhe der Gaben. Auch auf der
Rückseite des Altars sind entsprechende Aufzeichnungen zu entdecken. Die
Gemeinde kümmerte sich um den Erhalt ihres Gotteshauses. Sie stand
zusammen, wenn es darum ging, die Kirche zu verschönern. Ohne dieses
Engagement gäbe es wohl kein Gotteshaus mehr in Pilgramsreuth und
könnten wir heute kein Jubiläum feiern. 700 Jahre Pfarrkirche hier - das
sind auch sieben Jahrhunderte Geschichte und Einsatz der Pilgramsreuther
für ihr Gotteshaus. Als Dekan möchte ich Ihnen ausdrücklich dafür
danken. Ich hoffe, dass Sie, die Pilgramsreuther auch in Zukunft so zu
ihrer Kirche stehen. Denn trotz staatlicher Hilfe ist und bleibt der
Unterhalt der großen Kirche eine kräftige Herausforderung für Sie als
zahlenmäßig kleine Kirchengemeinde.
So gut das Bild vom guten Hirten aus dem Hebräerbrief zur Geschichte
dieser Kirche passt, so zutreffend ist der letzte Satz des Predigttextes
für die Zukunft des Sakralbaus. Wenn es heißt: „Ihm – Jesus Christus -
sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ Darum geht es auch weiterhin in dem
Gotteshaus, ihm – Jesus Christus – dem Herrn der Kirche die Ehre zu
geben. So schön es ist, dass Namen von Menschen aufgezeichnet werden,
die etwas für das Gotteshaus tun, sein Name steht über allem. Er soll
weiterhin im Mittelpunkt dieser Kirche hier stehen. Als himmlischer
Hirte dieser Gemeinde, der sie – wie in der Vergangenheit - auch
zukünftig führt und beschützt.
Und noch etwas: Der Turm, der von weitem zu erkennen ist und wie ein
Fingerzeig nach oben ragt, erinnert jeden und jede von uns an den
himmlischen Hirten. Daran, ihn nicht zu vergessen im Alltag und ihn
nicht auszublenden aus unserem Leben. Sondern sich ihm anzuvertrauen –
als dem guten Hirten. Und zu sagen: Der Herr ist mein Hirte, mir wird
nichts mangeln.
Dekan Günter Saalfrank
(St.
Michaelis Hof)
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Text:
20 Der Gott des Friedens aber, der den großen
Hirten der Schafe, unsern Herrn Jesus, von den Toten heraufgeführt
hat durch das Blut des ewigen Bundes,
21 der mache euch tüchtig in allem Guten, zu tun seinen Willen, und
schaffe in uns, was ihm gefällt, durch Jesus Christus, welchem sei
Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.
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