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Liebe Leser,
I. Trost
Eine junge Pfarrerin machte ihren ersten Besuch am Krankenbett. Im Flur
der Klinik spürte sie, wie sehr ihre Ängstlichkeit ihr den Brustkorb
zusammenschnürte. Sie wusste, der alte Mann, den sie besuchen wollte,
war halb gelähmt. Der Schlaganfall hatte ihn fast das Leben gekostet.
Die Besucherin zermarterte sich das Hirn: Was sag ich? Welche Fragen
soll ich ihm stellen? — Sie wandte sich an eine Schwester. In welchem
Bett liegt er denn? Wie geht es ihm? Kann er sprechen? „Gehen Sie nur
hin“, lächelte die Schwester, „Sie brauchen keine Angst zu haben.“ - Ach
Gott, dachte sie. So merkt man es mir an?
Die junge Seelsorgerin stellte sich am Krankenbett vor. Sie kannten sich
nicht. Sie fragte nach seiner Krankheit. Der Patient antwortete
geduldig. Ob er Angst hatte, als es ihm schlecht ging? — „Ja, große
Angst“, sagte er, „aber wissen Sie, dann auch wieder nicht. Ich denke an
das Ave verum. Das hilft mir.“
Peinlich verlegen schwieg die Seelsorgerin. Sie kramte in ihrem
Gedächtnis. Ave verum, was war das noch mal? Der kranke Mann schien ihre
Überlegungen zu erraten: „Das Ave verum ist ein lateinisches Gebet aus
dem Mittelalter, das Mozart in seinem Todesjahr vertont hat“, erklärte
der Patient, dankbar dafür, dass er trotz seiner Krankheit einer fremden
Person noch etwas beibringen konnte. Er fuhr fort: „Der lateinische Text
bedeutet: ,Gegrüßt seist du, wahrer Leib, von der Jungfrau geboren, am
Kreuz wahrhaft gelitten, geopfert für die Menschen. Wir bitten dich, sei
uns in des Todes Prüfung nahe. Du bist uns vorangegangen.’“
Beide schwiegen. Die junge Frau blickte in das zerfurchte Gesicht des
Patienten. Er wirkte sehr, sehr mager. Seine Stimme war schwach, aber
ruhig. „Wissen Sie“, sagte der alte Mann, „ich weiß nicht viele Verse
und Lieder. Aber dieses Ave verum, das habe ich schon als junger
Chorknabe mitgesungen. Ich habe gar nicht gewusst, dass ich den Text
noch im Kopf habe. Er ist mir erst in den vergangenen Wochen wieder
eingefallen. Gerade jetzt, wo ich Worte wie diese brauche. Du bist uns
vorangegangen - das gibt mir ein Gefühl, als wäre Jesus schon zuhause,
und ich komme gleich nach. Da schon Jesus dem eigenen Sterben ins Auge
gesehen hat, wird er auch mir beistehen in der Prüfung meines Todes. –
Aber mal was anderes, Frau Pfarrerin, wie haben Sie sich denn in unserer
Gemeinde eingelebt?“
Die junge Seelsorgerin, die bis jetzt fast nur zugehört hatte, erzählte
nun von ersten Erfahrungen in der Gemeindearbeit, von Sorgen und auch
von erfüllenden Erlebnissen. Der alte Mann war mit ihr traurig und er
lächelte mit ihr. Er blühte auf. Nach einer Stunde bedankte sich der
Patient sehr herzlich. „Das war lieb von Ihnen, dass Sie sich die Zeit
für mich genommen haben!“ sagte er. Die Seelsorgerin wurde ein innerlich
ein wenig rot. Wer hat sich für wen Zeit genommen, dachte sie.
Erleichtert verließ sie das Krankenzimmer. Sie verließ es getrost.
Ein alter und ein junger Mensch – beide fanden Trost. Der alte Patient,
von Krankheit gezeichnet, fand seinen Trost in einem geistlichen Lied.
Die junge Seelsorgerin, eine Berufsanfängerin, die sich in ihrem Dienst
noch unsicher und ängstlich fortbewegte, erfuhr gerade für ihre
berufliche Tätigkeit Stärkung und Zuversicht.
Die Notwendigkeit, Trost und Stärkung zu erfahren, bewog schon den
unbekannten Autor oder die Autorin des Hebräerbriefes zur Abfassung des
biblischen Buches, das für Bibelleser bis heute eine schwer verdauliche,
weil komplizierte Kost darstellt. Der Hebr richtet sich an Christen, die
in der Gefahr stehen, ihren Glauben und ihre Hoffnung zu verlieren, bei
denen die Bindekraft der christlichen Gemeinschaft zurückgegangen ist,
die ermüdet wirken. Der Hebr ist hier Aufforderung und Ermutigung
zugleich: im Glauben auszuharren und die Hoffnung nicht zu verlieren.
II. Der Sohn Gottes ist Mensch geworden
Das schwer Verdauliche liegt darin, dass der Hebr nicht mit einer
sanften Wellness-Theologie daherkommt, wie sie der Fernsehpfarrer Jürgen
Fliege in seinen früheren TV-Shows verbreitet hat. Der Hebr führt
vielmehr tief in die Geheimnisse und Rätsel Gottes ein und beansprucht
gerade dadurch, Trost zusprechen zu können. Gott wollte – so der
Predigttext aus Hebr 2 –, dass Jesus Christus seinen Auftrag durch das
Leiden am Kreuz vollendete – dieser Christus, der viele Menschen zu
Kindern Gottes gemacht hat. Christus als Sohn Gottes und die Menschen
als Kinder Gottes haben beide Gott zum Vater. Darum bezeichnet Christus
die Menschen als Brüder und Schwestern.
Dies wird im Text bewiesen durch drei Zitate aus dem AT, zwei aus Jesaja
8 und eines aus Psalm 22. Für den Hebr beziehen sich alle drei atl.
Verse bereits auf Jesus Christus, der hier als der gedacht wird, der in
den besagten Stellen in der Ich-Person redet.
Der Text geht nun weiter: Weil diese Brüder und Schwestern Jesu Christi
Menschen von Fleisch und Blut sind, musste auch Christus Mensch werden,
um diese Menschen zu erretten. Um Retter und Erlöser zu sein musste
Christus den Menschen gleich werden. Die Redeweise vom Christus, der
Mensch geworden ist, setzt voraus, dass Christus schon vor der Geburt in
der Krippe da war, allerdings nicht auf der Erde, sondern an der Seite
Gottes. So wie wir im Glaubensbekenntnis bekennen, dass Jesus Christus
heute noch lebt und an der rechten Seite Gottes sitzt, so bekennt der
Hebr, dass der Sohn Gottes schon existiert hat, bevor er in dem Menschen
Jesus von Nazareth Gestalt angenommen hat.
III. Der Sohn Gottes überwindet den Tod
Und von was wollte der Sohn Gottes die Menschen befreien? Menschen von
Fleisch und Blut sind sterblich, sie unterstehen also der Macht des
Todes, hinter dem wiederum der Teufel steht. Menschen von Fleisch und
Blut sind Sklaven des Todes, so wie die Israeliten in Ägypten Sklaven
ihrer Besitzer waren. Menschen leiden unter der Angst vor Sterben und
Tod. Da nun der im Himmel bei Gott lebende Christus Tod und Teufel
besiegen wollte, musste er logischerweise Mensch werden und selber den
Tod erleben, um den Sieg über Tod und Teufel davonzutragen. Die Erlösung
besteht in der Befreiung vor dem Tod und in der Überwindung der
Todesfurcht. So die Botschaft von Hebr 2.
Dieser Text enthält nun mit V. 17 eine weitere Überlegung. Dieser
Hinweis auf Christus als Hoherpriester ist für den Gedankengang von Hebr
2 nicht notwendig und stellt deshalb nichts anderes als eine
Vorankündigung dessen dar, was erst an späterer Stelle im Hebr
verhandelt wird.
Die Erlösung besteht nach dem Predigttext aus der Befreiung vor dem Tod
und in der Überwindung der Todesfurcht. Jesus, wie wir ihn kennen, hat
aber durchaus Angst vor dem eigenen Sterben. „Vater, willst du, so nimm
diesen Kelch von mir“, betet Jesus kurz vor seiner Verhaftung in
Gethsemane am ersten Gründonnerstagabend der Christentumsgeschichte.
Überwindung der Todesfurcht heißt bei Jesus nicht, dass das eigene
Sterben durch ein Wunder plötzlich verschwunden wäre. Überwindung der
Todesfurcht heißt vielmehr, mutig und entschlossen durch das
Unvermeidbare hindurchzugehen. „Doch nicht mein, sondern dein Wille
geschehe!“ So beendet Jesus sein Gebet zum Vater in Gethsemane.
Jesus hat nicht nur körperliche Schmerzen gelitten und ist gestorben, er
hat auch die Angst selber durchlitten, die Angst vor dem bevorstehenden
Tod. Selbst bei Jesus hat Gott die Angst nicht einfach weggenommen,
sondern Gott hat Jesus mitten durch die Angst hindurchgeführt. Diese
Situation, dem eigenen Tod ins Auge zu sehen und dabei zu verzweifeln,
beschreibt der Hebr als „Versuchung“, als eine Probe und Prüfung. Der
Predigttext schließt dann auch mit den Worten (V.18): „Denn worin
Christus selber gelitten hat und versucht worden ist, kann er helfen
denen, die versucht werden.“ Also uns. Christus will uns bei unserer
eigenen Prüfungsaufgabe beistehen, die uns aufgrund des Wissens um die
eigene Sterblichkeit und den eigenen Tod gestellt ist.
Der Gedankengang von Hebr 2 lässt sich nun in einem Satz so
zusammenfassen: Der an der Seite Gottes lebende Christus wurde Mensch
und erlitt am Kreuz den schmerzlichen Tod eines Menschen, um dadurch uns
von der Macht des Todes zu befreien und uns im eigenen Sterben tröstend
beizustehen. Der alte Mann, der im Krankenhaus von der Seelsorgerin
besucht wurde, hatte gerade diesen Trost erfahren. Nicht durch eine
sanft säuselnde Wellness-Botschaft aus dem Fernseher, sondern mit Hilfe
eines Gebets aus dem Mittelalter, das mindestens genauso schwer
verdaulich ist, wie der Hebr an sich. Auch hier besteht die Stärkung
darin: Weil Christus als Mensch am Kreuz gestorben ist und dadurch den
Tod besiegt hat, kann er uns angesichts unserer eigenen Sterblichkeit
helfend zur Seite stehen: Wir bitten dich, sei uns in des Todes Prüfung
nahe. Du bist uns vorangegangen. So endet das von Mozart vertonte Gebet.
Trotz unserer eigenen Sterblichkeit bekennen wir mutig und rufen
zuversichtlich aus: Jesus Christus hat den Tod besiegt.
IV. Im Abendmahl feiern wir den Sieg des
Gottessohnes
Wenn eine Fußballmannschaft siegt, wird ein festliches Gefäß, ein Pokal,
mit einem Getränk gefüllt und im Kreis derer herumgereicht, die diesen
Sieg und diesen Pokal soeben gemeinsam erkämpft haben. Jedes Kind kennt
und versteht diese Szene. Wir Christen haben etwas Ähnliches und das
schon seit fast 2000 Jahren. Wir kommen zusammen, stellen uns in einen
Halbkreis auf und feiern miteinander einen Sieg, den Sieg über den Tod.
[Kelch hochhalten] Und das ist unser Pokal. Diesen Pokal hat Jesus
Christus für uns errungen. Sein Kampf hat am Donnerstagabend begonnen,
als Jesus mit seinen Jüngern sein letztes Passahfest begangen hat. Und
sein Kampf ist siegreich zu Ende gegangen, als Jesus am Ostersonntag
wieder von den Toten auferstanden ist. Mit diesem Pokal tun wir nichts
anderes, als immer wieder gemeinsam diesen Sieg Jesu Christi über den
Tod zu feiern. Und wenn wir das tun, dann – so ist uns verheißen – ist
Christus mitten unter uns.
Pfarrer Gerhard Gronauer (Rehau) |
Text:
10 Denn es ziemte sich für den,
um dessentwillen alle Dinge sind und durch den alle Dinge sind, dass er
den, der viele Söhne zur Herrlichkeit geführt hat, den Anfänger ihres
Heils, durch Leiden vollendete.
11 Denn weil sie alle von einem kommen, beide, der heiligt und die
geheiligt werden, darum schämt er sich auch nicht, sie Brüder zu nennen,
12 und spricht (Psalm 22,23): »Ich will deinen Namen verkündigen meinen
Brüdern und mitten in der Gemeinde dir lobsingen.«
13 Und wiederum (Jesaja 8,17): »Ich will mein Vertrauen auf ihn setzen«;
und wiederum (Jesaja 8,18): »Siehe, hier bin ich und die Kinder, die mir
Gott gegeben hat.«
14 Weil nun die Kinder von Fleisch und Blut sind, hat auch er's
gleichermaßen angenommen, damit er durch seinen Tod die Macht nähme dem,
der Gewalt über den Tod hatte, nämlich dem Teufel,
15 und die erlöste, die durch Furcht vor dem Tod im ganzen Leben Knechte
sein mussten.
16 Denn er nimmt sich nicht der Engel an, sondern der Kinder Abrahams
nimmt er sich an.
17 Daher musste er in allem seinen Brüdern gleich werden, damit er
barmherzig würde und ein treuer Hoherpriester vor Gott, zu sühnen die
Sünden des Volkes.
18 Denn worin er selber gelitten hat und versucht worden ist, kann er
helfen denen, die versucht werden.
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