Predigt Hebräer 2/10-18     Gründonnerstag     20.03.08

"Der Siegespokal"
(von Pfr. Gerhard Gronauer, Rehau)

Liebe Leser,

I. Trost

Eine junge Pfarrerin machte ihren ersten Besuch am Krankenbett. Im Flur der Klinik spürte sie, wie sehr ihre Ängstlichkeit ihr den Brustkorb zusammenschnürte. Sie wusste, der alte Mann, den sie besuchen wollte, war halb gelähmt. Der Schlaganfall hatte ihn fast das Leben gekostet. Die Besucherin zermarterte sich das Hirn: Was sag ich? Welche Fragen soll ich ihm stellen? — Sie wandte sich an eine Schwester. In welchem Bett liegt er denn? Wie geht es ihm? Kann er sprechen? „Gehen Sie nur hin“, lächelte die Schwester, „Sie brauchen keine Angst zu haben.“ - Ach Gott, dachte sie. So merkt man es mir an?

Die junge Seelsorgerin stellte sich am Krankenbett vor. Sie kannten sich nicht. Sie fragte nach seiner Krankheit. Der Patient antwortete geduldig. Ob er Angst hatte, als es ihm schlecht ging? — „Ja, große Angst“, sagte er, „aber wissen Sie, dann auch wieder nicht. Ich denke an das Ave verum. Das hilft mir.“

Peinlich verlegen schwieg die Seelsorgerin. Sie kramte in ihrem Gedächtnis. Ave verum, was war das noch mal? Der kranke Mann schien ihre Überlegungen zu erraten: „Das Ave verum ist ein lateinisches Gebet aus dem Mittelalter, das Mozart in seinem Todesjahr vertont hat“, erklärte der Patient, dankbar dafür, dass er trotz seiner Krankheit einer fremden Person noch etwas beibringen konnte. Er fuhr fort: „Der lateinische Text bedeutet: ,Gegrüßt seist du, wahrer Leib, von der Jungfrau geboren, am Kreuz wahrhaft gelitten, geopfert für die Menschen. Wir bitten dich, sei uns in des Todes Prüfung nahe. Du bist uns vorangegangen.’“

Beide schwiegen. Die junge Frau blickte in das zerfurchte Gesicht des Patienten. Er wirkte sehr, sehr mager. Seine Stimme war schwach, aber ruhig. „Wissen Sie“, sagte der alte Mann, „ich weiß nicht viele Verse und Lieder. Aber dieses Ave verum, das habe ich schon als junger Chorknabe mitgesungen. Ich habe gar nicht gewusst, dass ich den Text noch im Kopf habe. Er ist mir erst in den vergangenen Wochen wieder eingefallen. Gerade jetzt, wo ich Worte wie diese brauche. Du bist uns vorangegangen - das gibt mir ein Gefühl, als wäre Jesus schon zuhause, und ich komme gleich nach. Da schon Jesus dem eigenen Sterben ins Auge gesehen hat, wird er auch mir beistehen in der Prüfung meines Todes. – Aber mal was anderes, Frau Pfarrerin, wie haben Sie sich denn in unserer Gemeinde eingelebt?“

Die junge Seelsorgerin, die bis jetzt fast nur zugehört hatte, erzählte nun von ersten Erfahrungen in der Gemeindearbeit, von Sorgen und auch von erfüllenden Erlebnissen. Der alte Mann war mit ihr traurig und er lächelte mit ihr. Er blühte auf. Nach einer Stunde bedankte sich der Patient sehr herzlich. „Das war lieb von Ihnen, dass Sie sich die Zeit für mich genommen haben!“ sagte er. Die Seelsorgerin wurde ein innerlich ein wenig rot. Wer hat sich für wen Zeit genommen, dachte sie. Erleichtert verließ sie das Krankenzimmer. Sie verließ es getrost.

Ein alter und ein junger Mensch – beide fanden Trost. Der alte Patient, von Krankheit gezeichnet, fand seinen Trost in einem geistlichen Lied. Die junge Seelsorgerin, eine Berufsanfängerin, die sich in ihrem Dienst noch unsicher und ängstlich fortbewegte, erfuhr gerade für ihre berufliche Tätigkeit Stärkung und Zuversicht.

Die Notwendigkeit, Trost und Stärkung zu erfahren, bewog schon den unbekannten Autor oder die Autorin des Hebräerbriefes zur Abfassung des biblischen Buches, das für Bibelleser bis heute eine schwer verdauliche, weil komplizierte Kost darstellt. Der Hebr richtet sich an Christen, die in der Gefahr stehen, ihren Glauben und ihre Hoffnung zu verlieren, bei denen die Bindekraft der christlichen Gemeinschaft zurückgegangen ist, die ermüdet wirken. Der Hebr ist hier Aufforderung und Ermutigung zugleich: im Glauben auszuharren und die Hoffnung nicht zu verlieren.

II. Der Sohn Gottes ist Mensch geworden

Das schwer Verdauliche liegt darin, dass der Hebr nicht mit einer sanften Wellness-Theologie daherkommt, wie sie der Fernsehpfarrer Jürgen Fliege in seinen früheren TV-Shows verbreitet hat. Der Hebr führt vielmehr tief in die Geheimnisse und Rätsel Gottes ein und beansprucht gerade dadurch, Trost zusprechen zu können. Gott wollte – so der Predigttext aus Hebr 2 –, dass Jesus Christus seinen Auftrag durch das Leiden am Kreuz vollendete – dieser Christus, der viele Menschen zu Kindern Gottes gemacht hat. Christus als Sohn Gottes und die Menschen als Kinder Gottes haben beide Gott zum Vater. Darum bezeichnet Christus die Menschen als Brüder und Schwestern.

Dies wird im Text bewiesen durch drei Zitate aus dem AT, zwei aus Jesaja 8 und eines aus Psalm 22. Für den Hebr beziehen sich alle drei atl. Verse bereits auf Jesus Christus, der hier als der gedacht wird, der in den besagten Stellen in der Ich-Person redet.

Der Text geht nun weiter: Weil diese Brüder und Schwestern Jesu Christi Menschen von Fleisch und Blut sind, musste auch Christus Mensch werden, um diese Menschen zu erretten. Um Retter und Erlöser zu sein musste Christus den Menschen gleich werden. Die Redeweise vom Christus, der Mensch geworden ist, setzt voraus, dass Christus schon vor der Geburt in der Krippe da war, allerdings nicht auf der Erde, sondern an der Seite Gottes. So wie wir im Glaubensbekenntnis bekennen, dass Jesus Christus heute noch lebt und an der rechten Seite Gottes sitzt, so bekennt der Hebr, dass der Sohn Gottes schon existiert hat, bevor er in dem Menschen Jesus von Nazareth Gestalt angenommen hat.

III. Der Sohn Gottes überwindet den Tod

Und von was wollte der Sohn Gottes die Menschen befreien? Menschen von Fleisch und Blut sind sterblich, sie unterstehen also der Macht des Todes, hinter dem wiederum der Teufel steht. Menschen von Fleisch und Blut sind Sklaven des Todes, so wie die Israeliten in Ägypten Sklaven ihrer Besitzer waren. Menschen leiden unter der Angst vor Sterben und Tod. Da nun der im Himmel bei Gott lebende Christus Tod und Teufel besiegen wollte, musste er logischerweise Mensch werden und selber den Tod erleben, um den Sieg über Tod und Teufel davonzutragen. Die Erlösung besteht in der Befreiung vor dem Tod und in der Überwindung der Todesfurcht. So die Botschaft von Hebr 2.

Dieser Text enthält nun mit V. 17 eine weitere Überlegung. Dieser Hinweis auf Christus als Hoherpriester ist für den Gedankengang von Hebr 2 nicht notwendig und stellt deshalb nichts anderes als eine Vorankündigung dessen dar, was erst an späterer Stelle im Hebr verhandelt wird.

Die Erlösung besteht nach dem Predigttext aus der Befreiung vor dem Tod und in der Überwindung der Todesfurcht. Jesus, wie wir ihn kennen, hat aber durchaus Angst vor dem eigenen Sterben. „Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir“, betet Jesus kurz vor seiner Verhaftung in Gethsemane am ersten Gründonnerstagabend der Christentumsgeschichte. Überwindung der Todesfurcht heißt bei Jesus nicht, dass das eigene Sterben durch ein Wunder plötzlich verschwunden wäre. Überwindung der Todesfurcht heißt vielmehr, mutig und entschlossen durch das Unvermeidbare hindurchzugehen. „Doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe!“ So beendet Jesus sein Gebet zum Vater in Gethsemane.

Jesus hat nicht nur körperliche Schmerzen gelitten und ist gestorben, er hat auch die Angst selber durchlitten, die Angst vor dem bevorstehenden Tod. Selbst bei Jesus hat Gott die Angst nicht einfach weggenommen, sondern Gott hat Jesus mitten durch die Angst hindurchgeführt. Diese Situation, dem eigenen Tod ins Auge zu sehen und dabei zu verzweifeln, beschreibt der Hebr als „Versuchung“, als eine Probe und Prüfung. Der Predigttext schließt dann auch mit den Worten (V.18): „Denn worin Christus selber gelitten hat und versucht worden ist, kann er helfen denen, die versucht werden.“ Also uns. Christus will uns bei unserer eigenen Prüfungsaufgabe beistehen, die uns aufgrund des Wissens um die eigene Sterblichkeit und den eigenen Tod gestellt ist.

Der Gedankengang von Hebr 2 lässt sich nun in einem Satz so zusammenfassen: Der an der Seite Gottes lebende Christus wurde Mensch und erlitt am Kreuz den schmerzlichen Tod eines Menschen, um dadurch uns von der Macht des Todes zu befreien und uns im eigenen Sterben tröstend beizustehen. Der alte Mann, der im Krankenhaus von der Seelsorgerin besucht wurde, hatte gerade diesen Trost erfahren. Nicht durch eine sanft säuselnde Wellness-Botschaft aus dem Fernseher, sondern mit Hilfe eines Gebets aus dem Mittelalter, das mindestens genauso schwer verdaulich ist, wie der Hebr an sich. Auch hier besteht die Stärkung darin: Weil Christus als Mensch am Kreuz gestorben ist und dadurch den Tod besiegt hat, kann er uns angesichts unserer eigenen Sterblichkeit helfend zur Seite stehen: Wir bitten dich, sei uns in des Todes Prüfung nahe. Du bist uns vorangegangen. So endet das von Mozart vertonte Gebet. Trotz unserer eigenen Sterblichkeit bekennen wir mutig und rufen zuversichtlich aus: Jesus Christus hat den Tod besiegt.

IV. Im Abendmahl feiern wir den Sieg des Gottessohnes

Wenn eine Fußballmannschaft siegt, wird ein festliches Gefäß, ein Pokal, mit einem Getränk gefüllt und im Kreis derer herumgereicht, die diesen Sieg und diesen Pokal soeben gemeinsam erkämpft haben. Jedes Kind kennt und versteht diese Szene. Wir Christen haben etwas Ähnliches und das schon seit fast 2000 Jahren. Wir kommen zusammen, stellen uns in einen Halbkreis auf und feiern miteinander einen Sieg, den Sieg über den Tod. [Kelch hochhalten] Und das ist unser Pokal. Diesen Pokal hat Jesus Christus für uns errungen. Sein Kampf hat am Donnerstagabend begonnen, als Jesus mit seinen Jüngern sein letztes Passahfest begangen hat. Und sein Kampf ist siegreich zu Ende gegangen, als Jesus am Ostersonntag wieder von den Toten auferstanden ist. Mit diesem Pokal tun wir nichts anderes, als immer wieder gemeinsam diesen Sieg Jesu Christi über den Tod zu feiern. Und wenn wir das tun, dann – so ist uns verheißen – ist Christus mitten unter uns.

Pfarrer Gerhard Gronauer (Rehau)

Text:

10 Denn es ziemte sich für den, um dessentwillen alle Dinge sind und durch den alle Dinge sind, dass er den, der viele Söhne zur Herrlichkeit geführt hat, den Anfänger ihres Heils, durch Leiden vollendete.
11 Denn weil sie alle von einem kommen, beide, der heiligt und die geheiligt werden, darum schämt er sich auch nicht, sie Brüder zu nennen,
12 und spricht (Psalm 22,23): »Ich will deinen Namen verkündigen meinen Brüdern und mitten in der Gemeinde dir lobsingen.«
13 Und wiederum (Jesaja 8,17): »Ich will mein Vertrauen auf ihn setzen«; und wiederum (Jesaja 8,18): »Siehe, hier bin ich und die Kinder, die mir Gott gegeben hat.«
14 Weil nun die Kinder von Fleisch und Blut sind, hat auch er's gleichermaßen angenommen, damit er durch seinen Tod die Macht nähme dem, der Gewalt über den Tod hatte, nämlich dem Teufel,
15 und die erlöste, die durch Furcht vor dem Tod im ganzen Leben Knechte sein mussten.
16 Denn er nimmt sich nicht der Engel an, sondern der Kinder Abrahams nimmt er sich an.
17 Daher musste er in allem seinen Brüdern gleich werden, damit er barmherzig würde und ein treuer Hoherpriester vor Gott, zu sühnen die Sünden des Volkes.
18 Denn worin er selber gelitten hat und versucht worden ist, kann er helfen denen, die versucht werden.

 


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