Predigt Galater 5/1-6 Reformationsfest 31.10.00
"Der Glaube, der über Mauern springt"
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Liebe Leser, evangelisch – wir sind so frei, das ist das Motto unserer Kirche in Bayern – und es ist ein gutes Motto, sehen wir auf das, was unsere Kirche seit der Reformation ausmachen soll und worauf die Reformatoren selbst sich bezogen haben. Auf eben diesen Text nämlich: Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Der Reformationstag ist ein guter Tag, ebenfalls darüber nachzudenken. Er muss nicht nur ein Tag des Jubels sein, an dem wir uns freuen, dass es uns gibt. Er lädt auch ein, selbstkritisch nachzuspüren, wie wir denn in dieser Freiheit leben und ob wir das überhaupt tun. Eines ist wichtig: Paulus schrieb seine Briefe für Menschen seiner Zeit; über Probleme des Glaubens seiner Zeit. Dies macht der gehörte Text ganz deutlich. Paulus schreibt an seine galatischen Gemeinden, die es nach ihrem Verständnis mit dem Glauben ganz ernst nehmen wollen und deshalb wieder die jüdischen Gesetze zu beachten bereit sind. Hier schiebt der Apostel einen recht drastischen Riegel vor: Wenn ihr das tut, nützt euch Christus nichts – die Freiheit, die ihr durch Christus bekommen habt hat nichts zu tun mit der (dazu männerspezifischen) Beschneidung oder Nichtbeschneidung, – sondern mit dem Glauben, der sich in der Liebe äußert, wie es schon das Gebot Jesu und mancher Rabbinen formuliert, das Gebot, in dem alle Gebote zusammengefasst sind. Wenn wir also mit diesem Text oder in diesem Text leben wollen, müssen wir die einzelnen Worte mit unserer Lebenswelt ins Gespräch bringen: das Verlangen nach der Einhaltung jüdischer Gesetze wird wohl niemanden von uns betreffen, ohne das wir dem Judentum damit Respektlosigkeit signalisieren. Aber die anderen Themen: „Freiheit“ und „Glaube, Liebe, Hoffnung“, diese Dreiheit, die auch in unserem Predigttext auftaucht, sind leider nicht so veraltet und abgetan, dass jemand sagen möcht'': bitte sehr, nicht schon wieder! Wir müssen uns fragen als Lutheranerinnen und Lutheraner, ob wir's denn begriffen haben und leben, was damit gemeint ist, wenn's heißt: evangelisch – wir sind so frei! Oder ob wir, bei aller Dankbarkeit für die Erkenntnisse unserer Väter, eher einstimmen in den auch schon älteren Schmerzensruf Lessings, der 1788 schreibt: „Luther, du! – Großer verkannter Mann! Und von niemandem mehr verkannt als von den kurzsichtigen Starrköpfen, die, deine Pantoffeln in der Hand, den von dir gebahnten Weg schreyend, aber gleichgültig daher schlendern! Du hast uns vom Joche der Tradition erlöset. Wer erlöset uns vom unerträglichen Joche des Buchstabens! Wer bringt uns endlich ein Christentum, wie du es itzt lehren würdest, wie es Christus selbst lehren würde! Wer? Wer!“ Interessant, dass dieser Mann über Luther redet und dabei Worte aus unserem Predigttext anscheinend notwendigerweise mit verwenden muss. Das Joch selbst aufgelegter Unfreiheit, selbstgewählter neuer Gesetze, drückt's nicht auch heute? Ich möchte schon ähnlich fragen, mich und uns alle, wie wir's halten mit unserer Freiheit, mich auch gern selbst als kurzsichtigen Starrkopf bezeichnen und rufen nach einem Christentum, das nicht durch irgendein Joch gedrückt, noch durch irgendein Gesetz von dem getrennt ist, was Gott durch den Tod Jesu von Nazareth am Kreuz für uns Menschen jetzt noch will. Evangelische Kirche, die sich getrost als Kirche Jesu Christi versteht, ungeachtet dessen, was andere Leute sagen, die auch von manchem Joch gedrückt sind, diese evangelische Kirche muss sprechen von der Freiheit in Christus immer wieder, oft auch neu, in diese Welt hinein. Und muss sie erkennbar leben. Gerade weil in unserer Gesellschaft die Definition von Freiheit arg strapaziert ist und naturgemäß umstritten. Die einen beklagen, sie hätten immer noch zuwenig, die anderen sagen, viel zu viele könnten mit ihrer Freiheit nicht umgehen. Letzteres mag beispielsweise eine aktuelle politische Freiheit betreffen, die es ermöglicht, öffentliche Gelder dafür zu verwenden, fremdenfeindliche Aktionen zu organisieren oder Programme in die Gesellschaft zu posaunen, die man nach 1945 bei uns überwunden glaubte. Ersteres mag bedeuten, dass sich Menschen immer unfreier fühlen, je mehr persönliche und wirtschaftliche Probleme in unserer Hochleistungszeit über sie hereinbrechen. Wer eine Gesellschaft über Leistung, Arbeit und Kapital definiert, muss sich nicht wundern, wenn Menschen sich unfrei fühlen, die nichts zu arbeiten haben. Und auch nicht darüber, wenn Menschen sich immer unfreier fühlen, wenn es nur noch darum geht, zu tun und zu machen, immer up to date zu sein, immer der oder die Beste zu sein. Wer die Spaßgesellschaft propagiert in der alles erlaubt ist, muss sich nicht wundern, wenn viele Menschen irgendwann überfordert sind mit ihrer eigenen angeblichen Freiheit und vereinsamen, weil sie bestenfalls in dem allen noch einen Sinn suchen. Wer von Freiheit redet, aber keine Anleitung dazu gibt, muss sich nicht wundern, wenn Jugendliche mit ihrer Zeit nichts anzufangen wissen und deshalb auf dumme Gedanken kommen, sich hier und dort selbst und anderen schaden. Und – was das mit Freiheit zu tun haben soll, wenn Menschen sich freiwillig für eine bestimmte Zeit in Container sperren lassen, wo ihnen tag und nacht Kameras zusehen – das muss auch noch erklärt werden. Alledem will nun das Wort von der Freiheit in Christus bei Paulus wie bei Luther nicht nur nebenbei begegnen sondern unmittelbare liebvolle, befreiende Anrede und Zusage sein. Und wir? Sollen die Künderinnen und Künder dieses Wortes mit sein. Wenn ich mich selbst von diesem Wort ansprechen lasse, fange ich an zu träumen, auch wenn dieser Satz Martin Luther King gehört. Dann habe ich diesen Traum vom Christentum, das Christus selbst lehrt: Den Traum, dass die Freiheit in Christus, von der Paulus spricht, keine Vision und kein religiöses Gerede ist. Dass jedes Joch, ob auferlegt oder selbst gewählt, abfällt von jedem Menschen. Dass die Liebe zum anderen der Grundsatz für das Leben miteinander ist. Auf der ganzen Welt. Ich träume dann davon, dass Nation, Volkszugehörigkeit, Heimatgemeinde meinetwegen für politische und wirtschaftliche Koordination eine Rolle spielen, aber dass dies nichts mehr zu tun hat mit dem, wie ich meinem Mitmenschen gegenübertrete. Der jeder und jede sein kann! Ich träume davon, dass Menschen freie Herren und Damen über alle Ding sind und sich in ihrem Zusammenleben nicht mehr beeinflussen lassen, von dem, was die Lilien auf dem Felde und die Vögel unter dem Himmel nicht nötig haben. Aber natürlich, ich wach dann auf und frag mich: wie hängt das mit unserer Kultur zusammen, in der es viele Christinnen und Christen gibt, wo aber manch ein Dorf das Nachbardorf nicht mag, Städte rivalisieren, wo Einwohner gewisser Landstriche genau wissen, wer so und so ist, weil er oder sie von da und da kommt? Ganz zu schweigen von anderen Kulturen, Religionen und Hautfarben? Ich frage mich dann, ob wir unsere evangelische Tradition in diesem Land nicht zu sehr mit dem gemischt haben, was wir gewohnt sind als Menschen unserer Zeit. Dann höre ich Paulus klopfen, der sagt: man kann aus der Gnade herausfallen, wenn man sich allzu sicher ist, der selbst gewählte Weg sei der richtige. Jeder Mensch ist doch darauf angewiesen, dass Gott ihn lieb hat und er sich nicht rechtfertigen muss, für das, was ihm daneben geht! Und das soll ich als Christ dem anderen nicht wünschen sondern ihn darauf behaften, was ich oberflächlich von ihm weiß? Oder was mir von ihm beigebracht wurde? Nein, der Glaube erschöpft sich nicht im Bewahren von althergebrachten Denkmustern – schöpferisch ist er dort, wo er nicht Zäune um sich baut, sondern über Mauern springt (Ebeling): hin zu dem, dem ich Liebe schenken kann. So kann das, was wir als Evangelium verkünden, auch als Evangelium gehört werden als frohe Botschaft! und nicht als neuer Zwang, als neue von Menschen gemachte Satzung, wie sie manchem erscheint. Die Botschaft von Christus bedeutet nun einmal mehr als Erziehung zu einem anständigen Menschen, der in dieser Gesellschaft eben so mitmacht. Das Wort von dem für uns gekreuzigten und auferweckten Herrn ist nicht in erster Linie Grundlage für eine in weiten Teilen veraltete Sexualmoral für junge Menschen, die mit sich selbst und anderen zurecht kommen sollen. Es wird von uns aber manchmal erwartet, dass das alles ist, worüber wir reden. Es geht aber um mehr als das! Als Kirche Jesu Christi, die Freiheit leben und von Freiheit reden will, können wir nicht alles hinnehmen, was angeblich an der Zeit ist, was normal und bequem ist, sondern müssen angehen gegen das, was Menschen immer noch trennt vom befreiten Leben mit Gott, was ihre eigene Selbstannahme verhindert und die Annahme des Anderen. Wir reden Kultur und Geschichte nicht das Wort, sondern fragen kritisch dagegen: kann es nicht anders sein? Muss es nicht anders sein? Dazu will das neue Motto unserer Landeskirche helfen: das wir uns auf unsere Wurzeln besinnen und gemeinsam überlegen, wie diese so notwendige Pflanze im wildwuchernden Garten unserer Zeit gute Früchte tragen kann. Evangelisch – wir sind so frei: ja! Aber eben so frei, dass wir immer wieder neu anfangen können unseren Glauben zu leben, deswegen, weil der, dem wir gehören auch immer wieder neu anfängt mit uns, durch das Wort seines Sohnes Jesus Christus, der nebenbei auch vieles neu machte, ziemlichen Ärger gekriegt hat in seiner Zeit – aber im Ende eben doch Recht bekommen: der von Gott selbst gerechtfertigt wurde, so wie wir gestern heute und morgen – in Freiheit.Pfarrer z.A. Arne Langbein (Döhlau) |
Text: Gal. 5/1-5
Paulus schreibt: Zur Freiheit hat uns Christus
befreit! |
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