|
Themenpredigt zur Fastenzeit Invokavit 25.02.2007
"Von Fastfood und Fastendiät" |
|
Liebe Leser, es ist der erste Sonntag der Passionszeit mit den Beinamen Invokavit. Die Fastenzeit hat begonnen, und es ist nicht Privatsache, was jeder isst, es ist nicht nur ein kirchliches Gebot, auf bestimmte Speisen wie Fleisch zu verzichten, nein, es ist auch Staatsgesetz. Wer nicht fastet, muss mit Strafe rechnen. Die 5 Männer, die um den Küchentisch herumsitzen, darunter auch der Pfarrer, schauen sich noch einmal zweifelnd an, ob sie es auch wirklich tun sollen. Dann nimmt jeder (außer der Pfarrer) eine dicke Wurst in die Hand, führt diese langsam zum Mund und beißt ein Stück ab. Das Küchenfenster steht auf, Passanten von der Straße schauen herein und sehen den Skandal: In der hochheiligen Fastenzeit verführt der Pfarrer andere zum Wurstessen. Was für eine Provokation, und was für eine geschichtsträchtige dazu! Das berühmte Züricher Wurstessen vom Invokavitsonntag 1522, bei dem Pfarrer Huldrych Zwingli bewusst gegen das Fastengebot verstoßen ließ, markierte den Beginn der Schweizer Reformation. Drei Tage später, am Mittwoch nach Invokavit, stand Martin Luther auf seiner Kanzel im sächsischen Wittenberg und predigte gleichermaßen gegen die strengen Fastenvorschriften und verstieg sich zu der Aussage: Wenn dich der Papst dazu zwingen will kein Fleisch zu essen, keine Eier und keine Butter, dann sollst du ihm zu Trotz das Gegenteil tun und sagen: Ja eben WEIL du mir verbietest Fleisch zu mir zu nehmen, deshalb will ich das dir zum Trotz essen. Seitdem sind fast 500 Jahre vergangen. Die Welt hat sich die gewandelt. Weniger die Kirche knechtet heute noch die Gewissen und die Gefühle der Menschen. Heute, am Invokavitsonntag 2007, kommen die Stimmen des "Du musst" und "Du sollst", kommen die Vorschriften und Gebote ganz woanders her. Darum geht es in der heutigen angekündigten Themenpredigt „Von Fastfood und Fastendiät“. Das soll Ihnen die Gelegenheit geben, sich für den Kirchgang zu entscheiden, wenn Sie sich für dieses Thema interessieren.
Die Bibeltexte, die uns Frau Neubing vorlesen wird, fügen sich da gut ein.
Sie handeln davon, wie Jesus versucht und auf die Probe gestellt wurde.
Bei den vielen Stimmen um ihn herum musste Jesus einen kühlen Kopf
bewahren und genau wissen, was Gott von ihm wollte. Menschen und Medien
reden heute auf uns ein, aber welche dieser vielen Stimmen entspricht
der frohmachenden Botschaft des Evangeliums? Die Schauspielerin LIV TYLER (29) hat jahrelang mit ihrer Figur gekämpft – bis sie Mutter wurde. „Ich war Model und Schauspielerin seit ich 14 war, deshalb war ich mein ganzes Leben lang auf Diät. Nach der Geburt meines Babys wollte ich nicht mehr an mich selbst und meine Karriere denken. Also habe ich aufgehört, mir über Diäten Sorgen zu machen“, erzählte sie. Das sind zwei typische Meldungen aus der Frankenpost, abgedruckt auf der Klatsch- und Tratschseite, die von all denen gerne gelesen wird, denen es zu peinlich ist, eine BILDZEITUNG zu kaufen. Zusammengefasst heißt das: Wer was werden will, wer was aus sich machen will, wer angesehen sein möchte, gerade auch beim anderen Geschlecht, der muss im Prinzip ein Leben lang auf Diät sein, zumindest ab 14 oder wenn die erste Liebe da ist. In einer Studie der Bravo konnten wir letztes Jahr lesen: Jeder fünfte Jugendliche zwischen 11 und 17 Jahren fühlt sich zu dick. Jeder sechste ist wegen seines Aussehens schon gehänselt worden, besonders betroffen sind übergewichtige Jugendliche. Jedes fünfte Mädchen im erwähnten Alter würde eine Schönheitsoperation als Geschenk annehmen. Fett absaugen stand ganz oben auf der Wunschliste.
In einem Gesundheitsmagazin stand: 12 Prozent der
11- bis 15-jährigen Jungen und 17 Prozent der 11- bis 15-jährigen
Mädchen haben schon einmal eine Diät gemacht. Acht Prozent der
Jugendlichen liegen um mindestens 15 Prozent unter ihrem Normalgewicht –
ein Anzeichen für eine Ess-Störung. Zumindest in Großstädten zeigen
bereits 1/3 der Jugendlichen Zeichen von Essstörungen. Etwa acht Prozent
der Mädchen halten sich trotz Untergewicht für zu dick. Und wenn es bei den vielen Diäten mit der Disziplin nicht klappt, wird nachgeholfen. Die Anzeigen in Fernsehzeitschriften versprechen teure Wunderpillen, die angeblich das Fett wie einen Schneemann zusammenschmelzen lassen. Und viele Menschen sind der Überzeugung: Rauchen hält schlank. Todesankündigungen auf Zigarettenpackungen schockieren uns nicht. Würde allerdings draufstehen „Rauchen macht dick“, wäre die Tabakindustrie schon längst zusammengebrochen. Der umtriebige Ernährungswissenschaftler UDO POLLMER, weist in seinen Veröffentlichungen nach, dass Diäten in der Regel nicht schlank, sondern immer nur dicker machen. Denn sofern man sich nicht über Jahre hinweg selbst kasteit – so wie es Schauspielerinnen und Models tun – tritt unwillkürlich der Jojo-Effekt ein. Prominenteste Beispiele: HELMUT KOHL und JOSCHKA FISCHER. Der heutige Schlankheitswahn unterscheidet uns von früheren Epochen. Damals wurden alle Normabweichungen mit Spott überzogen, die Dünnen gleichermaßen wie die Dicken. Man denke an das alte Volks- und Kinderlied „Spannenlanger Hansel, nudeldicke Dirn“. Oder man denke an Karl May: Der Schriftsteller baute in seinen Wildwest-Erzählungen den „langen Davy“ und den „dicken Jemmy“ ein; nur als Duo wurde das humoristische Ziel erreicht. Das gilt auch für die alten Leinwand-Duos Pat & Patachon oder Dick & Doof.
Die Dicken sind heute die letzten, die man noch guten Gewissens
diskriminieren darf. Wer wegen seiner Hautfarbe, seiner Nationalität,
seiner Religion oder seiner Homosexualität verlacht wird, kann sich der
Solidarität aller Anständigen sicher sein. Wenn eine Dicke oder ein
Dicker verspottet wird, hat sie oder er niemanden auf seiner Seite. Die
Abscheu vor den Dicken und vor dem Dicksein ist uns von Kindesbeinen an
anerzogen. Wenn es uns wirklich um Gesundheit geht, dann müssen wir umgekehrt fragen: Bei welchem Gewicht ist z.B. die Lebenserwartung am höchsten? Hier kommen Studien zu dem Ergebnis, dass ein leichtes Übergewicht das Sterberisiko senkt und dass Untergewicht ähnlich wie Fettleibigkeit zu Gesundheitsproblemen führt. Dass extremes Übergewicht, also Fettleibigkeit, ein erhebliches Gesundheitsrisiko darstellt, wird von niemandem angezweifelt. Ginge es uns wirklich nur um Gesundheit, müssten wir aber die Definition von Normalgewicht so verschieben, dass ein leichtes Übergewicht als normal und anstrebenswert gilt.
Auch die Kirchengeschichte beweist dies: Der dicke Martin Luther, der sich
selbst als ‚feister Madensack’ titulierte, wurde immerhin 62 Jahre alt,
und das in einer Zeit ohne moderne Medizin und Biokost. Dagegen brachte
es der Asket Franziskus von Assisi, der sich mit Fastenübungen selbst
kasteite, nur auf 44 Jahre. Offensichtlich leben wir in einer Welt, in
der nicht die Gesundheit entscheidet, was Übergewicht ist, sondern die
gesellschaftliche Norm und das Schönheitsideal.
Fasten ist im AT nicht nur Religionsgesetz, sondern auch spontaner
Ausdruck einer unruhigen Gefühlslage oder die Reaktion auf Probleme und
Nöte. Fasten unterstreicht hier das Gebet. König David fastet, nachdem
das von ihm gezeugte und von Batseba auf die Welt gebrachte Baby
plötzlich erkrankt ist (2Sam 12). Demgegenüber
steht die anklagende Botschaft mancher Propheten, die sagen: Ihr könnt
noch soviel fasten, weil ihr aber in eurem Herzen gottlos seid, wird
Gott euer Gebet nicht erhören. So Jeremia. In dieser Tradition steht
Jesus, wenn er in der Bergpredigt die fromme Angeberei derer kritisiert,
die öffentlich fasten (Mt 6, 16ff): Wenn ihr fastet, sollt ihr nicht
sauer dreinsehen wie die Heuchler; denn sie verstellen ihr Gesicht, um
sich vor den Leuten zu zeigen mit ihrem Fasten.
So wie später Luther und Zwingli kritisierten bereits Jeremia und Jesus
die Gesetzlichkeit beim Fasten, das Verbissene, das Zwanghafte, die
bloße Äußerlichkeit, die dem Materiellen verhaftet bleibt. Fasten soll
vielmehr etwas sein, das im Verborgenen geschieht, etwas, das man im
Stillen für Gott tut und nicht wie eine sportliche Leistung vor sich
herträgt. Die freimachende Botschaft des Evangeliums unterscheidet sich davon. Gott interessiert sich nicht dafür, ob du dick oder dünn bist, sondern ob dein Herz am rechten Fleck ist. Gott will deinen Kummerspeck nicht einfach mit einer oberflächlichen Diät oder einem modernen Absaugegerät entfernen, sondern er will deine Seele ganz tief in dir drin heil machen. Religion und Glaube leben davon, dass es nicht nur etwas Wichtigeres gibt Schlankheit. Es gibt auch etwas Wichtigeres als oberflächliche Gesundheit. Das Leben des Menschen ist mehr als seine Fitness und Leistung. Solange es uns gut geht, kriegen wir das nicht mit. Aber wenn wir wirklich einmal chronisch krank sind, dann erinnern wir uns daran, dass die Hauptsache des christlichen Lebens die Gemeinschaft mit Gott im Hier und Jetzt ist, und das Warten auf die neue Welt, die kommt.
Jeder von uns kann die Fastenzeiten dazu nutzen, um auf Überflüssiges zu
verzichten, auf Fernsehen, auf Alkohol, auf Zigaretten oder aber auf
üppiges Essen. Aber nur wenn wir dabei an die Gemeinschaft mit Gott
denken und nicht an Kalorien oder an unsere Figur
wird daraus ein gutes Werk. Jesus erzählt im
Lukasevangelium das Gleichnis von zwei Menschen, die im Tempel zu Gott
beten. Der eine hat allerhand vorzuweisen. Er ist ein guter anständiger
Mensch, der zweimal in der Woche fastet und sicher alle Diäten einhält.
Der andere ist ein Betrüger, der bestimmt schon an mancher Fastenkur
gescheitert ist. Dieser betet nur: Gott sei mir gnädig. Und Gott erhört
das Gebet und nimmt diesen Menschen in seine Gemeinschaft auf. Der erste
Mann dagegen, der nur darauf pocht, dass er allen Erwartungen und
Idealen entspricht, wird von Gott abgelehnt. |
|
Archiv
|