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Liebe Leser,
es gab einmal eine Zeit, da fielen Christen
unter den Radikalenerlass. Sie hatten Rede- und
Demonstrationsverbot. Sie durften kein öffentliches Amt bekleiden.
Statt dessen wurden sie von Sicherheitsbeamten verprügelt und kamen
immer wieder ausgiebig in Untersuchungshaft und, wie unser
Predigttext berichtet, sogar in den Hochsicherheitstrakt. Dort
steckte man sie in den Block, in ein Folterinstrument, dass jede
Bewegung unmöglich macht. Und damit gar nichts mehr passieren
konnte, haftete der verantwortliche Sicherheitsmann mit seinem Leben
für die Gefangenen.
Das alles war auch nach römischem Recht nicht ganz legal. Jemand so
zu behandeln ohne ordentliches Gerichtsverfahren. Aber die
Sicherheit des Staates verlangt zu allen Zeiten in schwierigen
Fällen schon mal besonderes Vorgehen.
Und Christen, wie Paulus und Silas waren ein schwieriger Fall.
Nichts brachte sie davon ab, ihre Botschaft zu verkünden, mitten auf
der Straße und unter Provozierung von Menschenaufläufen und
unerwünschten Versammlungen. Sie predigten über einen Jesus von
Nazareth, der der Christus, der Sohn Gottes sein sollte und dass man
ihm folglich mehr gehorchen sollte, als den Menschen. Und für einen
solchen Menschen hielten sie auch den göttlichen Kaiser von Rom.
Christen war damals ein schwieriger Fall.
Wie Paulus und Silas. Auch auf die Gefahr hin anzuecken und im
hintersten Eck des Gefängnisses zu landen. Auch auf das Risiko hin,
sich in sehr unbequemer Lage wiederzufinden. Eingeschlossen im Block
hat man gerade noch die Freiheit, mit dem Hintern etwas hin und her
zu rutschen.
Aber auch in dieser Situation bleiben Paulus und Silas ein
schwieriger Fall. Sie verhalten sich nicht, wie normale Gefangene.
Kein Schreien, kein Fluchen, keine Parolen, keine dumpfe Stille und
auch nicht, was uns so schnell auch nach langer Zeit der Glaubens-
und Kirchenferne zu einer vergleichbaren Situation einfallen würde:
Not lehrt beten. Lieber Gott, wenn es Dich gibt, dann mach dies und
das und bitte ganz schnell, dann will ich auch an Dich glauben und
Dir danken, und dies und das tun...
Nein, ein solches jämmerliches und vom Jammer
erfülltes Gebet hallt nicht durch die Gefängnismauern der Stadt Philippi. Die Not ist doch kein so überragender Lehrmeister in
Sachen Gebet, wie der Volksmund behauptet. Beten will nicht erst in
Notzeiten gelernt sein. Es könnte ehr sein, dass man in Notzeiten
feststellt, dass man es gar nicht kann, das Beten.
Damit soll nicht gesagt sein, dass Gott nicht auch das jämmerlichste
Gebet erhört. Aber das Gebet, das die Not des Paulus und Silas
wendet ist anders. Hier beten zwei, die mit ihrem Gott auch in guten
Tagen eine Geschichte hatten. Um die Mitternacht aber beteten sie
und lobten Gott.
Für ihre Erfahrung mit ihrem Herrn Jesus Christus in den guten
Tagen, für ihre Erfahrung mit dem Herrn, der sie erlöst, gesandt und
bewahrt hat so viele Male und so viele Jahre. Und wenn die Not so
groß und mächtig wird, dass einem aus dem eigenen Leben nichts mehr
einfällt, dann sei Gott gelobt für seine Schöpfung, für alles
Lebendige, für seine Geschichte der Treue nicht nur mit seinem Volk,
für seine Ankunft auf unserer sich selbst bedrohenden und
zerstörenden Welt. Für seine Liebe, die nicht einmal vor dem Tod
Angst hat. So beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und es
hörten sie die Gefangenen.
So geschieht es, das im dunklen und gottfernen Winkel des
Gefängnisses und des eigenen Schicksals, Gottes Gegenwart
herbeigerufen wird. So geschieht es, dass da, wo Tod und Teufel
lachen und regieren wollen, Gottes Herrschaft ausgerufen wird.
Und eben darin besteht das Bet- und Lobamt der Kirche. Als
Gottesdienst und als Dienst an der Welt und ihren Menschen. Gerade
angesichts einer Welt, an der es viel zu tadeln und oft wenig Grund
zum Loben gibt. Gerade deshalb: Lobt Gott. Betet und lobt Gott in
die finsteren Winkel euerer Welt und euerer Herzen hinein. Im Lob
Gottes wird seine Herrschaft ausgerufen.
Im Gegensatz zu so manchem Bittgebet, dass zeigt: Hier nimmt sich
ein Beter in all seinem Leiden unheimlich ernst. Hier wird das Böse
und Schlimme ernst genommen. Ein solches Gebet sagt: Das, was unser
Leben bedroht und gefährdet ist unheimlich stark!
Das Lob des Paulus und Silas im finsteren Kerker dagegen, nimmt
nicht den Kerker, sondern Gott ernst. Es singt davon, dass die
rettende und befreiende Macht Gottes unheimlich ernst zu nehmen ist.
Und das hören die Kerker und ihre Kerkermeister nicht gern. Das hört
der Tod und seine Handlanger auf dieser Welt nicht gern. Sie wollen
ernst genommen werden und dulden allenfalls, dass ihre Macht
heruntergespielt wird. Das nützt ihnen.
Das Lob Gottes nützt ihnen nichts. Denn hier wird ihnen der Stärkere
angesagt, vor dem die Felsen springen. Die Felsen aus denen man
Mauern und Verliese macht, die Felsen, aus denen man Grabsteine
macht, wie den vor dem Grab des Christus. Das Lob des auferstandenen
Herrn hört der Tod nicht gern.
Die Gefangenen, die mit Paulus und Silas im Gefängnis sitzen hören
es dafür um so lieber. Das Lobamt der Kirche ist deshalb ein
öffentliches Amt. Und damit ist es ein politisches Amt. Denn wo das
Lob des barmherzigen Gottes erschallt, kommt alle Unbarmherzigkeit
an den Pranger. Dort wo das Lob des gerechten Gottes erschallt,
kommt alle Ungerechtigkeit und Willkür an den Pranger. Wo das Lob
des Gottes erschallt, der alle Menschenkinder liebt, kommt aller
Rassen- und Fremdenhass an den Pranger. Wo das Lob des Gottes
erschallt, der sogar die verborgene Not sieht, kommt alle
Gleichgültigkeit an den Pranger. Und damit gilt: Viel mehr als die
Klage wird das Lob Gottes den Unheilsverhältnissen unserer Welt und
denen, die sie aufrechterhalten, gefährlich.
Unser Predigttext erzählt es. Und sogleich öffneten sich alle Türen,
und von allen fielen die Fesseln ab. Von allen wohlgemerkt. Freiheit
für die Hälfte mag Gott ebenso wenig, wie halbe Freiheit. Er schenkt
allen die ganze Freiheit.
Nicht nur die Freiheit wegzulaufen von diesem Ort der Qual und des
Schreckens. Er schenkt allen sogar die noch größere Freiheit,
dazubleiben. Keiner verlässt das sinkende Schiff, denn hier wird die
Hilfe gestandener Christen gebraucht, damit den Kerkermeister nicht
das gleiche Schicksal, wie seinen Kerker ereilt. So bleiben sie da
und verhindern es. So wird aus dem Kerkermeister einer, der sich
retten lässt, nicht nur vor dem Messer in seiner eigenen Hand.
Einer, der sich von Jesus Christus retten lässt, der fröhlich wird,
obwohl da noch einiges aus ihn zukommt. Trotzdem kann er von Herzen
einstimmen in das Lob Gottes, das andere ganz unten in seinem
Hochsicherheitstrakt angestimmt haben. Vor dem Lob des
auferstandenen Christus ist kein finsteres Verlies und kein
finsterer Kerkermeister sicher. Wer hätte das gedacht.
Darum, lobt Gott getrost mit Singen, mit Herzen und
Händen, heute und alle Tag. Die Hoffnung steht fest, dass nichts,
was uns Angst macht, vor dem Lob Gottes sicher ist. Tage werden
kommen und Ewigkeiten, an denen wir mit Paulus und Silas fröhlich
sagen dürfen: Wer hätte das gedacht?!
Pfarrer Johannes Taig
(Hospitalkirche Hof) (weitere Predigten von Pfarrer Taig finden Sie exklusiv unter
www.kanzelgruss.de) |
Text:
23 Nachdem man sie hart geschlagen hatte,
warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Aufseher, sie gut zu
bewachen.
24 Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste
Gefängnis und legte ihre Füße in den Block.
25 Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und
die Gefangenen hörten sie.
26 Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, sodass die
Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich
alle Türen und von allen fielen die Fesseln ab.
27 Als aber der Aufseher aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen
des Gefängnisses offen stehen, zog er das Schwert und wollte sich
selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen.
28 Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier!
29 Da forderte der Aufseher ein Licht und stürzte hinein und fiel
zitternd Paulus und Silas zu Füßen.
30 Und er führte sie heraus und sprach: Liebe Herren, was muss ich
tun, dass ich gerettet werde?
31 Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein
Haus selig!
32 Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem
Hause waren.
33 Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch
ihnen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich
taufen
34 und führte sie in sein Haus und deckte ihnen den Tisch und freute
sich mit seinem ganzen Hause, dass er zum Glauben an Gott gekommen
war.
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