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Predigt Apostelgeschichte 9/1-9 (10-20) 12. Sonntag nach Trinitatis 29.08.04 "Thema: "Steh
auf und geh" |
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Liebe Leser, 1. Keine Umkehr ich beginne mit einem Auszug aus Sandor Marai´s: Das Vermächtnis der Eszter: „Selbstverständlich begann er mit einer Lüge: "ich will alles in Ordnung bringen", wiederholte er mechanisch. "Was willst du in Ordnung bringen?" Ich blickte ihm in die Augen und musste lachen. Das kann doch nicht dein Ernst sein, dachte ich. Nach einer gewissen Zeit kann man zwischen Menschen nichts mehr "in Ordnung bringen" Diese hoffnungslose Wahrheit ging mir in dem Augenblick auf, als wir dort auf der Steinbank saßen. Man lebt, man flickt und verbessert und baut sein Leben und macht es manchmal auch kaputt; nach einer Zeit merkt man aber, dass es, so wie es aus Fehlern und Zufällen zusammengesetzt ist, nicht mehr verändert werden kann. Lajos konnte hier nichts mehr ausrichten. Wenn jemand aus der Vergangenheit auftaucht und mit gefühlvoller Stimme sagt, er wolle "alles" in Ordnung bringen, kann man ihn nur auslachen und bemitleiden.“ (aus: Sändor Märai, Das Vermächtnis der Eszter - aus dem Ungarischen von Christina Viragh ~ Piper Verlag GmbH, München 2000, Seite 72) Keine Umkehr? Unsere Erfahrungen decken sich leider oft mit dieser Aussage – „Nach einer gewissen Zeit kann man zwischen Menschen nichts mehr in Ordnung bringen“; „Der ändert sich nie mehr“ – sagen wir dann und sind damit in gewisser Weise fertig mit dem anderen. Und wir können alle zig Beispiele aufzählen, die unsere Aussage untermauern. Und wenn wir von dem anderen wegsehen und auf uns selbst hinsehen, dann sind uns ja solche Äußerungen auch sehr willkommen: „Das muss ich auf meine alten Tage nicht mehr lernen“ oder: „Das habe ich schon immer so gemacht und es hat sich bewährt.“ Den Status quo hat man sich mühsam erkämpft, seine Position behauptet. Und was man für richtig erachtet hat, wird man doch jetzt nicht einfach so aufs Spiel setzen. Man kann doch nicht seine Grundsätze verraten. Keine Umkehr? 2. Vom Saulus zum Paulus Ein Mann von Grundsätzen war auch der Mensch, von dem wir heute im Predigttext zu hören bekommen. Die meisten von uns kennen diese Begebenheit – kann man sie doch in der Schule in den buntesten Farben ausmalen, plastisch und dramatisch schildern und irgendwie wundern wir uns gar nicht, dass da ein Mann alle seine Grundsätze über Bord wirft oder über Bord geworfen bekommt und vom hebräischen Saulus zum griechischen Paulus wird. Ich lese aus der Apostelgeschichte 9 die Verse 1 – 9 Eine kurze Zwischenbemerkung: Gott hat schon den richtigen Menschen ausgesucht; denn so wie er mit Drohen und Morden gegen die Jünger schnaubte, mit der gleichen Leidenschaft setzt er sich dann für den christlichen Glauben ein und wird zum größten Missionar unter den Aposteln. Max Frisch sagt: "Man wird sich selbst nie los" (Max Frisch, Biographie – Ein Spiel). Stimmt: Sein Charakter hat sich wohl nicht verändert – Paulus blieb ein Eiferer. Wohl aber die Wahl seiner Mittel und seine Ziele haben sich verändert, für die er sich einsetzt. Und es entstehen dann so großartige Sätze wie: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die Größte unter ihnen.“ Oder: „Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“ Oder: „Ich schäme mich es Evangeliums nicht, denn es ist eine Kraft Gottes zum Heil.“ Es ist dann doch entscheidend, wer mich leitet und was die Mitte meines Lebens ist. Doch das nur am Rande. Schauen wir wieder auf unseren Predigttext. „Der ändert sich nie mehr“ hatte wir am Anfang gehört und die christlichen Gemeinden sind Paulus gegenüber zunächst sehr misstrauisch, ob das nicht nur eine neue Masche ist, um die Gemeinden auszuspionieren. An dieser Stelle ist ja gerade in den Gemeinden unserer Geschwister in den neuen Bundesländern zu Zeiten der DDR sehr viel kaputt gemacht worden und wenn nun nach der Wende „alte Funktionäre“ den Weg neu zur Kirche finden bleiben die Vorbehalte. „Der ändert sich nie mehr.“ Oder: „Nach einer gewissen Zeit kann man zwischen Menschen nichts mehr in Ordnung bringen.“ Bittere Sätze und innerlich hören wir: „Wohl wahr, wohl wahr.“ Ist Umkehr nicht möglich? 3. Gott redet zwischendrein Und dann redet Gott zwischendrein. Ein Wunder? Ausnahmesituation? Ich glaube nicht. Gott redet oft zwischendrein. Doch nur selten hört einer so, wie Paulus. Sicher, diese Darstellung in der Apostelgeschichte hat etwas Zwingendes. Paulus kommt nicht aus. Wenn sich Gott einem so in den Weg stellt, kann man vielleicht nicht anders, dann weichen Berge und Täler. Doch oft spricht Gott leiser und wir Menschen hören es nicht. Auch für Paulus ist der Weg nicht festgelegt. Auch er hätte blindwütig seinen einmal eingeschlagenen Kurs weiter verfolgen können. Wir kennen das: Das muss so gehen, weil es so gehen muss. Und wenn nicht, dann mit Gewalt. Mit der Brechstange setzen wir dann unsere Ziele durch und zählen es zu den großen Tugenden wie: Standhaftigkeit, Ehrgeiz oder ... Dabei ist es doch oft so, gerade das, was wir besonders bekämpfen ist ein großer Teil von uns selbst und wir fürchten uns, es wahrzunehmen. Wäre Paulus standhaft geblieben, würde er bis heute die christliche Gemeinde verfolgen. Eugene Ionesco sagte einmal: "Rundheraus, ich hege kaum noch Hoffnung, dass der Mensch aus eigener Kraft zur Umkehr fähig ist – ohne Hilfe von jemandem, der Gott, der Jesus Christus heißen könnte" (Eugéne Ionesco, Salzburger Rede). Und hier ist es auch so. Hier redet Gott zwischendrein und Paulus verändert sich. Schauen wir doch nun genauer hin, was sich zunächst verändert. Was heißt denn Umkehr? Was heißt denn Verwandlung. Was braucht es dazu, dass wir uns verändern können? Denn auch wir wollen doch verwandelt werden, hin zu einem gelingenden Leben, zu einem gottgefälligen. Was passiert mit Paulus. a. Paulus führt hier nicht die große Rede: Ich bringe alles wieder in Ordnung. Sondern: Er stürzt zu Boden – ein Akt der Demut. Das kennen wir schon gar nicht mehr, dass wir demütig vor Gott treten. Aufgeblasen vielleicht, aber nicht demütig. b. Paulus hört eine Stimme – hier geschieht ein Perspektivwechsel. Meistens reden wir zuviel und hören nicht. Wir hören nicht zu. Wir platzen raus und wissen schon die Antworten. Wir verstehen nicht, sondern wissen immer schon alles besser. Wenn Gott spricht, dann sollten wir hören können. Und liegen wir ihm nicht gleich wieder in den Ohren mit all unseren Fragen und Klagen und ... . Paulus hört. c. Und dann fragt er: „Wer bist du, Herr?“ Und hier steht: „Ich bin Jesus, den du verfolgst.“ Ich spüre hier keine Angst, keine Widerrede, keine Rachegelüste. „Wer bist du, Herr? ...Ich bin Jesus, den du verfolgst. Steh auf und geh hinein in die Stadt, und es wird dir gesagt werden, was du tun sollst.“ d. Und dann: Dann lässt sich Paulus wie ein Kind nach Damaskus führen und isst nicht und trinkt nicht und sieht nicht – der völlige Rückzug, Fastenzeit, Einkehr, Meditation, Besinnung. Er bringt seine Sachen mit Gott in Ordnung. „Nach einer gewissen Zeit kann man zwischen Menschen nichts mehr `in Ordnung bringen´“ – das stimmt. Dann fangen wir doch mit Gott an. (Übrigens: Daran wird eh keiner von uns vorbeikommen, dass er seine Sachen mit Gott in Ordnung bringen muss. Ob in diesem oder im jenseitigem Leben. Und keine Angst – es wird uns gut tun und uns zur Heilung dienen; aber das ist ein anderes Thema.) Wir meinen so oft, wir würden unser Gesicht verlieren, wenn wir nicht hart bleiben, klar auf Kurs, mit der Axt durch den Wald. Wer sich weich macht ist angreifbar und hat schon verloren. Wer sagt denn, dass wir in einen Schlingerkurs kommen, nur weil wir mehrere Möglichkeiten in Betracht ziehen und uns dann wohlbegründet entscheiden. Können wir nicht mehr fragen: Wer bist du, Herr? Was willst du, Herr? – nur weil wir Angst haben, dass wir dann alles ändern müssten. Was ist denn das: „alles?“ Muss sich Gott uns immer erst massiv in den Weg stellen durch eine Krankheit, eine Insolvenz, einen familiären Absturz, zerstörte Städte, Millionen von Toten oder sonstige Katastrophen, bis wir hören? 4. Jesus sagt: Steh auf und geh Paulus macht hier nicht einfach blind seinen alten Stiefel weiter. Er lässt sich führen, isst nicht und trinkt nicht und in ihm reift Veränderung heran. Zwischen diesem Ereignis und der Abfassung der großen Paulusbriefe liegen dann noch über 14 Jahre. Umkehr braucht eben seine Zeit. Wie Demokratie funktioniert haben ja manche bis heute noch nicht begriffen, 15 Jahre nach der Wende oder 59 Jahre nach dem Ende des Krieges. Doch lassen sich mich abschließend noch einen letzten Punkt ansprechen, was Paulus wohl überzeugt haben könnte und zu seinem Gesinnungswandel geführt hat. In der Regel wird Unrecht bestraft; und das ist ja auch richtig so. Bei der Todesstrafe wird sogar der Täter physisch vernichtet – das halte ich für falsch. Doch hier begegnet Gott genau so, wie er schon in seinem Sohn Jesus Christus uns Menschen begegnet ist; in Liebe. „Steh auf und geh.“ sagt er zu Paulus. Den, der ihn verfolgt hat, will er in seinen Dienst stellen. „Steh auf und geh.“ – was kann es eigentlich für eine größere Liebe geben. „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; die Liebe aber ist die größte unter ihnen.“ „Steh auf und geh“ – sagt Jesus zu dem, der ihn verfolgte. Das sollte uns eigentlich ermutigen, öfter zu Boden zu stürzen und hören zu wollen und sich vom anderen an die Hand nehmen zu lassen und Einkehr zu halten in Fasten und Beten. Nach Innen zu sehen und nicht nach Außen. Und keine Angst, wenn sich etwas verändern sollte. Gottes letztes Wort ist nicht der Zusammenbruch, sondern sein heilendes und versöhnendes Wort: „Steh auf und geh ... und es wird dir gesagt werden, was du tun sollst.“ Pfarrer Martin Adel (Dreieinigkeitskirche Hof) |
Text:
9,1 Saulus aber schnaubte noch mit Drohen und
Morden gegen die Jünger des Herrn und ging zum Hohenpriester |
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