Predigt    Amos 5/21-24   Estomihi (Sei mir ein starker Fels)   26.02.06

"Zwei Seiten einer Medaille"
(von Pfarrer Martin Adel, Dreieinigkeit Hof)

Liebe Leser,

1. Faschingskritik?

die Narren sind los, die Stimmung passt. Ausgelassenheit selbst in der Fußgängerzone. Überall steigen Partys, Heiterkeit und Leichtigkeit ist angesagt. Ich weiß ja nicht, wie das bei ihnen ist, aber ich bin kein großer Faschingsgänger, aber nicht aus Prinzip, sondern aus Neigung. Gelegentlich gehe ich hin. Früher öfter. Wobei den meisten von uns gut täte, manchmal mehr herzhaft zu lachen und zu tanzen und nicht alles so bierernst zu nehmen. Da sind wir Protestanten wirklich oft zu kopflastig.

Wenn wir den ersten Vers unseres heutigen Predigttextes hören, dann fühlen sich die großen Faschingskritiker womöglich bestätigt, die diese Ausgelassenheit und die Verleitung zur Leichtfertigkeit gerne anprangern, wenn wir hier lesen: Ich hasse, ich verschmähe eure Feste und mag nicht riechen eure Feiern. Der Prophet Amos schreibt diese Zeilen, doch wir sind etwas irritiert, wenn wir weiter lesen: Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speiseopfer opfert, so habe ich keinen Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen. Das klingt nicht mehr nach Mainz bleibt Mainz. Da sind irgendwie andere gemeint. Ja. Amos hat nicht die Narren im Visier. Er meint alle, das ganze Volk Gottes und prangert in seiner Kultkritik die an, die so fleißig zum Tempel gehen und dort Gottesdienst feiern und Opfer darbringen, wie sie es von ihren Priestern, ihren Pfarrern gelernt haben. Amos nimmt sich gewissermaßen die Kirche selbst zur Brust, wenn er folgendes prophezeit: Ich hasse, ich verschmähe eure Feste und mag nicht riechen eure Feiern. Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speiseopfer opfert, so habe ich keinen Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen.Doch damit noch nicht genug. Er setzt noch eines drauf, wenn er ruft: Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!

2. Kultkritik – die uns gilt?

Harter Tobak – und das mitten in der närrischen Zeit. Obwohl: Für Kritik ist nie die richtige Zeit und Krankheit und Unglück fragen ja auch nicht danach, ob es gerade passt. Ja, das ist schon ein harter Tobak. Stellen wir nur vor, das würde Gott auch zu uns sagen, hier zur Dreieinigkeitskirchengemeinde und zu allen anderen Kirchengemeinden im Dekanat, ja in der ganzen bayrischen Landeskirche – für die alle genau dieser Predigttext verordnet ist: Ich hasse, ich verschmähe eure Feste und mag nicht riechen eure Feiern. Gut, bei den Brandopfer und Speiseopfern und den fetten Dankopfer müssten wir uns vielleicht nicht angesprochen fühlen, aber danach heißt es ja auch: Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören! Dabei haben wir jetzt erst für so teures Geld die Orgel renoviert. Was würden wir denn machen, wenn diese Worte unserem Gottesdienst gälten?

Und sagen wir jetzt ja nicht eingeschnappt: Dann soll er halt selber singen und seine Gottesdienste für sich halten – wenn er mit unseren nicht zufrieden ist. Halt, halt. Verwechseln wir hier nicht etwas. Für wen feiern wir Gottesdienst? Gott braucht unsere Gottesdienst nicht. Das sollten wir ja nicht vergessen. Die Gottesdienst, das Singen und Beten hat Gott für uns eingerichtet und nicht wir für ihn. Das können wir vielleicht draußen in der Stadt beim Einkaufen so machen – wenn's dir nicht passt, dass ich bei dir einkaufe, dann geht ich halt in ein anderes Geschäft. Verwechseln wir das ja nicht. Noch sollten wir unterscheiden können, mit wem wir es hier zu tun haben. Und wenn Gott unsere Gottesdienste so bezeichnen würde, dann würde es allerhöchste Zeit, dass wir fragen sollten, was denn da nicht stimmt und warum er zu uns spricht: Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören! Deine Orgelmusik und all die Choräle.

Was will er denn? Was will denn dann Gott von uns? Und Amos weiß, was er uns auszurichten hat: Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

3. Zwei Seiten einer Medaille

Beides gehört zusammen. Der Gottesdienst und das Tun des Guten. Der Glaube und die Tat gehören zusammen, wie die zwei Seiten einer Medaille. Der Glaube ohne die Tat ist leer und hohl; er ist wie ein Auto ohne Motor. Wir können den Lack auf Hochglanz polieren und die Scheiben putzen und auf gepflegtem Leder sitzen, doch das Auto bleibt auf der Stelle stehen – ich kann mich nicht damit fortbewegen. Und wie schon Fredl Fesl gesungen hat, gilt auch hier: Ein Auto das nicht fährt, das ist sein Geld nicht wert. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören! Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach. Das meint Amos: Unser Glaube muss sichtbar werden in unserem Leben, in der Art, wie wir handeln, in der Art, wie wir entscheiden, in der Art, wie wir reden, in der Art, wie wir arbeiten, wie wir feiern, wie wir lachen und tanzen. Was nützen unsere Gottesdienste, wenn sie uns nicht bewegen, unser Tun und Handeln und unser Unterlassen zu bedenken und zu verändern, wo nötig. oder zu verstärken, wo wir das Rechte sehen. Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

4. Glaube heißt – verantwortlich leben

Wer glaubt, der kommt nicht darum herum, ein verantwortliches Leben zu führen, für sich und für den anderen und für Gott. Das weiß Amos und wird noch viel deutlicher in dem Leben und Handeln Christi. Dass das einfach wäre hat niemand behauptet. Die meisten von uns wissen das, die wir heute hier Gottesdienst feiern. Verantwortlich leben, so dass sichtbar wird, was wir im Gottesdienst hören und bekennen und glauben, sichtbar unter der Woche, dieses Recht, das wie Wasser strömt und die Gerechtigkeit, die wie ein nie versiegender Bach ist – das kostet auch Überwindung und manche Anstrengung und manchmal auch Mut, gegen den Strom zu schwimmen.

Ob wir uns von den anderen beurteilen lassen müssen, von denen, die schon gar nicht mehr in der Kirche sind, die aber alles besser wissen – das steht noch einmal auf einem anderen Blatt. Aber das eine stimmt unabhängig davon: Unsere Lieder und Gebete und Gottesdienst können wir uns ersparen, wenn sie uns nicht dazu bewegen, nach der Gerechtigkeit zu fragen, der Gerechtigkeit für alle und uns dafür einsetzen. In der Wut des Propheten hören wir die göttliche Autorität durch: Für Menschen, die an Gott glauben muss das Reden im Gottesdienst zusammenpassen mit ihrem Handeln im Alltag. Nicht perfekt, aber sichtbar auf dem Weg. Denn: Der Gottesdienst, die Lieder, die Opfer, so groß sie auch sein mögen, sie sind nur Hülle, nicht Sein, wenn ihnen die Verbindlichkeit fehlt. Begegnet uns doch im leidenden Anderen immer auch Gott selbst.

Wissen Sie, ich denke dabei an die Arbeiter von AEG, die derzeit für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze streiken oder zumindest für einen besseren Sozialplan. Betriebswirtschaftliche Notwendigkeiten hin oder her. Rund 5 Millionen Arbeitslose haben wir, mehrheitlich in den ärmeren, den sogenannten neuen Bundesländern. Wir bezahlen sie, damit sie von der Arbeit weg bleiben und ruhig halten. Das ist zwar alles rechtens, aber gerecht ist es dadurch noch lange nicht. Eine Schande ist das. Wer schon einmal arbeitslos war, weiß, was das heißt. Und wenn wir darauf verweisen, dass 50% davon ungelernte Arbeiter sind, dann nützt das auch nichts – sind haben nicht nur Akademiker und junge Leistungsträger in unserem Land, sondern auch ganz normale Menschen, und älter werdende und auch schwache.

Mit Geld wird uns das Maul gestopft, dass wir ruhig halten. Oder wir halten von alleine den Mund, weil wir im Stillen mitverdienen an den guten Aktienkursen der sogenannten Global Player, deren Geschäftsergebnisse dadurch steigen, dass großflächig Arbeitsplätze weltweit verschoben werden. Wir können es doch jede Woche neu in der Zeitung lesen (Hofer Anzeiger vom Mi., 22.02.06): Energieriese Eon will Weltmarktführer werden und plant einen Zukauf für 29 Milliarden. Woher das Geld kommt? Wir lesen weiter: Eon steigerte im Jahr 2005 durch Verkäufe und höhere Energiepreise den Überschuss um 71 Prozent.

Wenn ich in der Schule die Sekte Scientology durchnehme als besonders aggressiv arbeitendes Wirtschaftsunternehmen, dann verziehen alle den Mund, wenn hier vertreten wird: make money, make more money (Mach Geld – mach mehr Geld) und für die Unbrauchbaren bauen wir Anstalten. Früher hieß es einmal, dass Besitz eine soziale Verantwortung beinhaltet. Wer stellt sich den Gewinnern in den Weg, wenn sie laut brüllen auf ihrem Beutezug und jeder nur noch selbst versucht sein Scherflein schnell ins Trockene zu bringen – mit dem alten Spruch auf den Lippen: Man soll die Hand, die einen füttert, nicht beißen.

Doch wir müssen nicht die Großen anprangern. Wir können leicht auch in unsere eigene Gemeinde schauen. Wissen sie, manchmal ärgere ich mich schon: Für eine so große Gemeinde wie unsere wäre es z.B. ein Klacks, zwei Vorpraktikanten in der Kindertagesstätte auszubilden und damit zwei jungen Menschen eine Zukunftsperspektive zu geben. Wir sind knapp 3400 Gemeindeglieder. Wenn nur jeder im Jahr 2,50 Euro gäbe, hätten zwei Jugendliche für ein Jahr einen gesicherten Ausbildungsplatz in unserer Kindertagesstätte. Doch so kämpfen wir, dass wir mit Müh und Not den einen halten können. Wo die Politik versagt, müssen wir selbst in die Verantwortung treten. Alle. Die Großen zuerst und auch die Kleinen.

Was bleibt? Ob wir wollen oder nicht – auch unsere schönsten Gottesdienste können uns nicht darüber hinweg täuschen, dass wir uns von einem Bewusstsein für Recht und Gottes Gerechtigkeit durchströmen lassen. Dass wir darin den Maßstab unseres Handelns und unseres Betens sehen. Und Gottes Gerechtigkeit umfasst einen unbedingten Willen zum Guten für einen jeden Menschen, in unserem Land und auf der ganzen Erde. Mit dieser inneren Haltung werden wir die konkreten Aufgabenfelder schon sehen lernen, werden erkennen, was von uns selbst und von uns als christliche Gemeinschaft gefordert ist. Gott weiß, dass wir leicht vergessen und darum müssen wir manchmal daran erinnert werden - wie heute - durch die Worte des Amos, wenn es heißt:

Ich hasse, ich verschmähe eure Feste und mag nicht riechen eure Feiern. Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speiseopfer opfert, so habe ich keinen Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören! Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

Pfarrer Martin Adel   (Dreieinigkeitskirche Hof)

Text: 

So spricht der Herr:

(21)Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen.
(22)Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen.
(23)Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!
(24)Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.


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