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Liebe Leser,
wir haben unseren Liederdichter schon etwas kennen gelernt. Das
Eingangslied: Nr. 72 „O Jesu Christe, wahres Licht“ stammt aus seiner
Feder, ebenso wie das eben gesungene „Herr, unser Gott, lass nicht
zuschanden werden“ (EG 247). Auch das Schlusslied kommt von ihm „Lass
dich, Herr Jesu Christ“ (EG 496). Doch im Zentrum unseres Nachdenkens wird
sein Lied stehen: „Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen“ (EG 81)
Wer ist dieser Liederdichter? In welcher Zeit lebte er? Was hat ihn
bewegt?
Sein Name ist Johann Heermann. Geboren ist er am 11.10.1585 in Raudten (poln.
Rudna)/Schlesien (kleiner Ort zwischen Breslau und Glogau) und gilt daher
als Schlesischer Dichter. Gestorben ist er mit 66 Jahren am 17.2.1647 in
Lissa (Leszno). Dass er ein großer Kirchendichter ist, beweist nicht nur
die Tatsache, dass heute noch 9 Kirchenlieder von ihm in unserem
Gesangbuch zu finden sind. Man kann sich seiner Sprache nicht entziehen,
so klar und direkt ist sie (72,4-5): „Den Tauben öffne das Gehör, die
Stummen richtig reden lehr, die nicht bekennen wollen frei, was ihres
Herzens Glaube sei. / Erleuchte, die da sind verblendt, bring her, die
sich von uns getrennt, versammle, die zerstreuet gehen, mach feste, die im
Zweifel stehn.“
All sein Dichten, seine Hingabe, seine Sehnsucht kreist um die eine Mitte:
Jesus Christus, das wahre Licht, der Heiland, der Erretter. Hier zeigen
sich seine mystischen und seine pietistischen Wurzeln gleichzeitg.
Johann Heermann wird in der Literatur beschrieben als Dichter des
Übergangs. Es war nicht mehr die Zeit Martin Luthers, sondern der
lutherischen Orthodoxie. Und es war noch nicht die Zeit eines Paul
Gerhardt. Aber in diesem Übergang ist er der „bedeutendste Dichter unserer
Kirche zwischen Luther und Paul Gerhard.“
Die Familie, in der er zur Welt kommt, ist arm. Der Vater ist Kürschner,
seine vier älteren Geschwister sind bereits gestorben, als er geboren
wird. Während der Schulzeit verdient er sich den Lebensunterhalt als
Apothekenhelfer. Er ist begabt - das wird bald erkannt – und so wird er
bereits 1608 mit 23 Jahren mit Genehmigung des kaiserlichen Pfalzgrafen
zum Dichter gekrönt. Schon hier zeichnet sich seine innere Berufung ab.
denn wenn wir den 11. Vers unseres Liedes hören: „Wann, o Herr Jesu, dort
vor deinem Throne wird stehn auf meinem Haupt die Ehrenkrone, da will ich
dir, wenn alles wird wohl klingen, Lob und Dank singen.“ dann können wir
noch einmal den jungen Dichter vor uns sehen, wie er mit dem silbernen
Reif des Poetenkranz gekrönt wird, in den er auf lateinisch eingravieren
lässt: „Wie mir menschliche Gunst das Haupt mit dem Lorbeer umwunden
schmücke Jesus dereinst mich mit dem himmlischen Kranz.“
Die meisten seiner Lieder sind Trostlieder, denn „aus der Trübsal seines
Lebens ist sein Lied erwachsen“. „Tränenlieder, Andächtige Kirchenseufzer,
Exercitium pietatis“ nannte er selbst seine Liedersammlung, und man kann
es sehr gut verstehen und nach-fühlen, wenn man mehr von seinem Leben
weiss.
Haben sie noch den Text im Ohr, den wir vor der Predigt gesungen haben (EG
247): „1. Herr, unser Gott, lass nicht zuschanden werden die, so in ihren
Nöten und Beschwerden bei Tag und Nacht auf deine Güte hoffen und zu dir
rufen, und zu dir rufen. .... 3. und schaff uns Beistand wider unsre
Feinde! Wenn du ein Wort sprichst, werden sie bald Freunde. Herr, wehre
der Gewalt auf dieser Erde, dass Friede werde, dass Friede werde. 4. Wir
haben niemand, dem wir uns vertrauen, vergebens ist`s auf Menschenhilfe
bauen. Wir traun auf dich, wir schrein in Jesu Namen: Hilf, Helfer! Amen.
Hilf, Helfer! Amen.“
Hier hören wir sein Leben, stellvertretend für die Leben vieler. Bereits
mit 25 plagt ihn ein Augenleiden. Mit 27 Jahren übernimmt er eine
Pfarrstelle in Köben an der Oder. Er heiratet, doch bereits fünf Jahre
später stirbt seine Frau. Er heiratet erneut, doch die dunklen Schatten
bleiben über seinem Leben hängen. Ein Luftröhrenleiden zwingt ihn noch vor
seinem 40igsten Geburtstag (ab 1624) seine Predigten von einem Kandidaten
verlesen zu lassen. 1629 – mitten im dreißigjährigen Krieg, wird er und
seine Familie von den Dragonern aus dem Haus vertrieben. Zwei Jahre später
haust die Pest und rafft die halbe Gemeinde dahin. Wallensteins Truppen
plündern und schänden die Stadt; er verliert „Barschaft, Kleidung, Zinn,
Hausgeräte, Getreide und Vieh.“ Sein Sohn stirbt. Er selbst, Johann
Heermann ist krank und bleibt krank. 1637 verabschiedet sich Johann
Heermann von seiner Gemeinde mit einer
Siechtumspredigt. Er konnte „sich nicht eines einzigen gesunden Tages mehr
erfreuen, so dass er bereits mit 54 Jahren das Amt aufgeben musste und
zuletzt ganz ans Zimmer gefesselt war, nicht mehr sitzen und liegen,
sondern nur noch angelehnt stehen konnte.“ Am 27. Februar 1647 erlöst ihn
der Tod.
Widmen wir uns seinem Lied: Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen.
Die Melodie dazu hat Johann Crüger geschrieben, der Crüger, der auch Paul
Gerhardt gewissermaßen entdeckt und gefördert hat. Die ursprüngliche
Fassung hatte 15 Verse, in unserem Gesangbuch sind 11 Strophen abgedruckt.
Die Betrachtung des Leidens Jesu bestimmt die ersten fünf Verse.
Dramatisch, plastisch, anschaulich. Man kann sich seinen Bildern nicht
entziehen. Die Passion Jesu, untrennbar verbunden und verwoben mit der
Frage nach Schuld und Strafe. Hier der eine Fromme und da sie Sünder. Eine
doppelte Verkreuzung, ein Wechselspiel und eine dauernde Verkehrung. Hören
wir den Dichter selbst:
1. Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen,
dass man ein solch scharf Urteil hat gesprochen?
Was ist die Schuld, in was für Missetaten
bist du geraten?
Heermann skizziert den Leidensweg:
2. Du wirst gegeißelt und mit Dorn gekrönet,
ins Angesicht geschlagen und verhöhnet,
du wirst mit Essig und mit Gall getränket,
ans Kreuz gehenket.
Und er fragt:
3. Was ist doch wohl die Ursach solcher Plagen?
Und die Antwort lautet:
Ach, meine Sünden haben dich geschlagen;
ich, mein Herr Jesu, habe dies verschuldet,
was du erduldet.
Haben sie das schon einmal erlebt, dass jemand für sie eingetreten ist. Er
springt für sie in die Bresche. Er stellt sich schützend vor sie. Wie ein
großer Bruder: Meiner Schwester tust du nichts. Wie ein Leibwächter, wie
ein Politiker – denken wir an den serbische Regierungschef Djindjic, ein
Opfer für die Demokratisierung Serbiens. Und wir können viele andere dazu
aufzählen. Dietrich Bonhoeffer, Martin Luther King, Mahatma Gandhi, Nelson
Mandela ... Und in einmaliger Weise erleben wir das mit Jesus:
Ach, meine Sünden haben dich geschlagen;
ich, mein Herr Jesu, habe dies verschuldet,
was du erduldet.
Und eigentlich ist es eine Verkehrung. Der Schuldige müsste
büßen für sein Unrecht, doch es trifft den
Gerechten. Wir müssten aushalten, was wir verursacht haben. Doch es ist
anders. Und ich sehe sie alle vor mir, die
Widerstandskämpfer, die Menschenrechtler, die Politiker, im Großen oder im
Kleinen. Die, die sich für Gerechtigkeit und Menschlichkeit und Frieden
eingesetzt haben und immer noch einsetzen hier bei uns oder damals in der
DDR, in Tschechien, jetzt im Irak, in Serbien, in Israel und überall auf
der Welt. Johann Heermann hat zwar nur den einen vor Augen; doch dieser
eine steht stellvertretend für die Vielen.
4. Wie wunderbarlich ist doch diese Strafe!
Der gute Hirte leidet für die Schafe,
die Schuld bezahlt der Herre, der Gerechte,
für seine Knechte.
5. Der Fromme stirbt, der recht und richtig wandelt,
der Böse lebt, der wider Gott gehandelt;
der Mensch verdient den Tod und ist entgangen,
Gott wird gefangen.
An Jesus Christus wird in einmaliger Weise sichtbar, auf welche Seite sich
Gott stellt. Und wir können nicht daran vorbei. Ob es uns passt oder
nicht. Gott fragt mich: Wo stehst du? Unfassbar,
unbegreifbar, was da geschieht. Unvergleichbar. Johann Heermann findet die
Worte nicht. Vielleicht gerade weil er sich selbst so schwach und hilflos
fühlt, der Welt, dem Leben, seinem kranken Körper ausgeliefert – und er
liebt doch Gott so von ganzem Herzen und möchte ihm ergeben dienen, sein
Wort und sein Lob verkündigen und er schafft es nicht. Die Schwermut
überfällt ihn immer wieder; seine Kräfte schwinden. Er fühlt sich so
begrenzt und würde doch so gerne so viel machen und darin Gott Dankbarkeit
erweisen für die Liebe, die er in Gott verspürt. Und er kann es nicht,
meint er, der „Schlesische Hiob“ wie er auch genannt wurde.
Hören wir es, spüren wir es, singen wir es gemeinsam: EG
81, 8 – 10
Die Jungen und vielleicht auch manche Alte werden womöglich sagen: Das ist
nicht mehr unsere Sprache. Das ist nicht mehr unsere Welt. Ich habe es
satt, das andauernde Hineingedrückt werden in meine Schuld- und
Sündhaftigkeit. Das macht mich krank. Und ich kann es verstehen. Sünde und
Schuld machen krank. Und wenn ich dann auch noch schuld am Tod dessen bin,
der mir das allerwichtigste und allerliebste ist – Christus – dann bleibt
mir gar nichts mehr. Ich vergehe. Ich verzehre mich selbst. Ich zerstöre
mich selbst. Und wir haben dabei grundlegendes immer noch nicht
verstanden. Christus ist für meine Schuld gestorben. Er hat mich erlöst
und befreit zu neuem Leben. Er hat mich durch sein Leiden und Sterben
nicht noch schuldiger gemacht, sondern von den zerstörenden Kräften der
Schuld befreit. Was hat Paulus gesagt: „Da wir nun
aus Glauben gerecht gesprochen worden sind, haben
wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus.“ (Röm 5,1) Und aus
diesem Frieden heraus können wir freimütig leben und handeln, unser Leben
annehmen und gestalten.
Doch diesen Frieden kann ich bei Johann Heermann leider nicht entdecken.
Er ringt. Er kämpft. Sein Leben ist so hart. Die einen zerbrechen und
verbittern daran. Unser Dichter findet einen anderen, einen besseren Weg
und kann uns dadurch zum Wegweiser werden. Er wendet sich ganz Gott zu und
gibt sich ihm hin. In der Gottergebenheit der mystischen Betrachtung
findet er halt und Trost und wird darin selbst Trost für so viele. Er
führt heraus aus dem eigenen Leid, hin zur Hingabe an Gott:
11. Wann, o Herr Jesu, dort vor deinem Throne
wird stehn auf meinem Haupt die Ehrenkrone,
da will ich dir, wenn alles wird wohl klingen,
Lob und Dank singen.
Ist das Weltflucht? Wer wagt es hier zu verurteilen – selbst nicht
geprüft. Auf der Sonnenseite des Lebens stehend. Und wie schütten wir das
Kind mit samt dem Bade aus. Wir verstehen
heute nur noch wenig von der Schuld. Wir sind stolz und sagen: Das passt
schon, wie ich bin. Ich brauche Gottes Geschenk nicht. Ich habe ihn nicht
darum gebeten. Ich bin selb-ständig. Ich stehe für mich selber ein. Wenn
ich einen Fehler mache, dann muss ich es halt an mir verändern. Außerdem
macht jeder Fehler. Wir sind halt nun einmal nicht perfekt. Ja. Der
andere, der wird vielleicht an mir schuldig. Doch eigentlich stört der
Begriff „Schuld“ nur. Ich lebe ohne Schuld besser. Bin ich niemandem
verpflichtet? Ist das die Antwort, wenn Schuld
erdrückt. Wenn unsere Kirche, wenn wir Christen die Schuld missbrauchen,
um den Menschen klein zu halten und durch Demütigung demütig.
Und müssen uns erinnern lassen: Egal, ob Jesus Gesunde oder Kranke
getroffen hat. Er hat sie nicht mit ihrer Schuld allein gelassen. Er hat
sie damit nicht gegängelt oder gequält oder klein gemacht. Er hat sie
nicht damit verspottet. Er hat die Schuld vergeben und sein Gegenüber, den
Menschen, mich aufgerichtet. Dafür wurde er hingerichtet.
Ein Trostament, eine Stimme für die Gemarterten und Geschlagenen ist unser
Liederdichter Johann Heermann; selbst schwer am Leben tragend. Mit seinen
Liedern verhilft er denen zu einer Stimme, die selbst nicht mehr sprechen
können und er führt sie in die Anschauung des Leidens Christi, in der wir
selbst die Nähe Gottes zu unserem eigenen Leiden und Sterben erleben
können. Nicht mehr der ferne Gott, sondern der nahe Gott. So nah, dass er
am eigenen Leib erfährt was Marter, Qual und Spott und Hohn heißen. Und er
begleitet uns in unserem Gethsemane vom „Mein Gott, mein Gott, warum hast
du mich verlassen“ hin zum: „Aber nicht mein, sondern dein Wille
geschehe.“ Um uns dann durch unser Kreuz, das er sich zu seinem Kreuz
gemacht hat, hindurch zu
tragen bis sich uns das neue Leben zeigt am Ostermorgen. Das
ist kein einmaliges Geschehen, sondern wird immer wieder neu beginnen, bis
auf unserem Haupt die Ehrenkrone stehen wird, und wir, wenn alles wird
wohl klingen, Gott Lob und Dank singen.
Pfarrer
Martin Adel
(Dreieinigkeitskirche
Hof)
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Text:
EG 81 1.
Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen,/ dass
man ein solch scharf Urteil hat gesprochen?/ Was
ist die Schuld, in was für Missetaten
bist du geraten?
2. Du wirst gegeißelt und mit Dorn gekrönet,/ ins
Angesicht geschlagen und verhöhnet,/ du wirst mit
Essig und mit Gall getränket,/ ans Kreuz gehenket.
3. Was ist doch wohl die Ursach solcher Plagen?/
Ach, meine Sünden haben dich geschlagen;/ ich, mein
Herr Jesu, habe dies verschuldet,
was du erduldet.
4. Wie wunderbarlich ist doch diese Strafe!/ Der
gute Hirte leidet für die Schafe,/ die Schuld
bezahlt der Herre, der Gerechte,/ für seine
Knechte.
5. Der Fromme stirbt, der recht und richtig wandelt,/
der Böse lebt, der wider Gott gehandelt;/
der Mensch verdient den Tod und ist entgangen,
Gott wird gefangen.
6. O große Lieb, o Lieb ohn alle Maße,/ die dich
gebracht auf diese Marterstraße!/ Ich lebte mit der
Welt in Lust und Freuden,
und du musst leiden.
7. Ach großer König, groß zu allen Zeiten,/ wie
kann ich g'nugsam solche Treu ausbreiten?/ Keins
Menschen Herz vermag es auszudenken,/ was dir zu
schenken.
8. Ich kann's mit meinen Sinnen nicht erreichen,/
womit doch dein Erbarmung zu vergleichen;/ wie kann
ich dir denn deine Liebestaten
im Werk erstatten?
9. Ich werde dir zu Ehren alles wagen,/ kein Kreuz
nicht achten, keine Schmach und Plagen,/ nichts von
Verfolgung, nichts von Todesschmerzen/ nehmen zu
Herzen.
10. Weil's aber nicht besteht in eignen Kräften,/
fest die Begierden an das Kreuz zu heften,/ so gib
mir deinen Geist, der mich regiere,/ zum
Guten führe.
11. Wann, o Herr Jesu, dort vor deinem Throne/ wird
stehn auf meinem Haupt die Ehrenkrone,/ da will ich
dir, wenn alles wird wohl klingen,/ Lob und Dank
singen. |