Predigt    Liedpredigt zu EG 317   4. Sonntag nach Trinitatis   09.07.06

"Lobe den Herren den mächtigen König der Ehren"
(Von Pfarrer Martin Adel, Dreieinigkeit Hof)

Liebe Leser,

1. Was muss geschehen, um Gott zu loben?

Wie gut muss es uns gehen, bis wir Gott loben? In der Evangeliumlesung hörten wir:
"Nachdem man sie hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Aufseher, sie gut zu bewachen. Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block. Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott."

Wie gesund müssen wir sein, bis wir Gott loben? Im Krankenhaus begleitete ich eine kranke Frau, eine zum Sterben kranke Frau und nach Monaten des Ringens kommt sie wieder zurück ins Leben. Sie darf nach Hause, aber sie wird nie mehr gesund werden und die Mengen an Medikamente, die sie täglich zu sich nehmen muss, sind immens und doch ist die Verbitterung der letzten Jahre wie weggeblasen und jeder einzelne Tag, den sie noch zum Leben hat, wird zu einem Freudentag und aus ihren Augen spricht eine Tiefe Zufriedenheit und Dankbarkeit.

Wie alt müssen wir werden, bis wir Gott loben? Ein junger Mann mit Namen Joachim ist in Bremen aufgewachsen. Nach seiner Bekehrung zum Pietismus studiert er in Düsseldorf weiter. Er wird dort noch sehr jung Rektor an der Lateinschule, wird oft heftig angegriffen und (Zitat): „einige Male muss er sogar aus Düsseldorf fliehen. In einer Höhle im Neandertal bei Mettmann hält er sich mehrere Wochen lang fast ohne Nahrung auf.“ In diesem damals noch wild zerklüfteten Waldtal dichtet er mehrere Lieder. Mit knapp dreißig Jahren stirbt er und bleibt dennoch seinem Lebensmotto treu: „Ich will mich lieber zu Tode hoffen, als durch Unglauben verloren gehen.“

Dieser Joachim Neander lebte von 1650 – 1680. Von ihm stammt das wunderschöne Gesangbuchlied, das im Mittelpunkt dieses Gottesdienstes steht: Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren. (EG 317) Die Melodie kam erst später dazu: 17. Jh.; geistlich Stralsund 1665, Halle 1741

Von diesem Joachim Neander stehen auch noch andere Lieder in unserem Gesangbuch, wie: „Wunderbarer König, Herrscher von uns allen, lass dir unser Lob gefallen.“ + Melodie (EG 327), oder Melodie: „Tut mir auf die schöne Pforte.“ (EG 166)

2. Ehrfürchtig werden

Was muss geschehen, um Gott so zu loben:

Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren, meine geliebete Seele, das ist mein Begehren. Kommet zuhauf, Psalter und Harfe, wacht auf, lasset den Lobgesang hören!

Nichts muss geschehen, außer, dass wir begreifen, wer wir sind und wer Gott ist. Ehrfürchtig vor Gott müssen wir werden und unsere Arroganz und unsere Eingebildetheiten ablegen und begreifen, dass wir Menschen sind und keine Götter und dass sich die Erde nicht um uns dreht, sondern uns Gott hineingestellt hat in ein viel größeres Ganzes, das wir gar nicht begreifen können. Wir können es erforschen, aber nicht fassen. Den Kosmos, die Atmosphäre, das Zusammenspiel von Luft und Wind und Wasser. Die Genialität unseres Körpers, wo winzige Veränderungen im Stoffwechsel oder Hormonhaushalt alles durcheinander bringen können.

Wir sehen mit den Augen und sehen doch vieles nicht, weil wir so kurzsichtig sind und dafür hat der Optiker keine Brille und die gibt es auch nicht bei Fielmann oder auf Rezept. Unsere Selbstüberschätzungen und unsere Überheblichkeiten müssen wir eintauschen gegen ein großes Staunen über das Wunder des Lebens und dass wir leben. Ehrfürchtig müssen wir werden und bescheiden, zum Staunen bereit:

Lobe den Herren, der alles so herrlich regieret, der dich auf Adelers Fittichen sicher geführet, der dich erhält, wie es dir selber gefällt; hast du nicht dieses verspüret?

Wir verspüren das schon lange nicht mehr in unserem Gieren nach mehr und noch mehr und noch mehr ... Der Konsum braucht die permanente Unzufriedenheit und produziert sie gleichzeitig und wir lassen uns verführen. Das Schöne, das Tolle, das Gute ist anscheinend nie da, wo ich bin und so müssen wir permanent unterwegs sein auf der Suche nach dem Anderen, dem Besseren, dem Schöneren. Und wir finden es nicht. Doch Schönheit kann man nicht kaufen und Staunen auch nicht und Zufriedenheit auch nicht. Die muss man spüren und zulassen. Doch dafür brauchen wir Zeit und Zeiten. Und dann sieht man und hört man es wieder, das Summen und Brummen, das Lachen und Tanzen um uns herum oder ganz im Stillen, so wie vorgestern Abend beim Gassi gehen mit meinem Hund Rudi; da sieht mich plötzlich ein Reh aus der Wiese an und es beobachtet mich und verfolgt mich mit den Augen, bis ich hinter einer Baumgruppe verschwinde, um dann in Ruhe weiter zu äsen.

3. Zufriedenheit suchen

Lobe den Herren, der künstlich und fein dich bereitet, der dir Gesundheit verliehen, dich freundlich geleitet. In wie viel Not hat nicht der gnädige Gott über dir Flügel gebreitet!

Undankbar sind wir, bis unter die Haarwurzeln und darum voller Ängste bis hinunter zu den Zehen. Wir sind gesund und fürchten uns dennoch permanent vor Krankheiten. Bei jedem Sonnenbrand steht uns der Hautkrebs vor den Augen, die Beeren im Wald essen wir nicht vor lauter Sorge vor dem Fuchsbandwurm und wir lassen die Kinder nicht mehr im Freien spielen aus Angst vor den Killerzecken, die nur darauf warten jeden mit Borelliose zu infizieren.

Wie hieß dieses Buch von Paul Watzlawick: „Anleitung zum Unglücklich sein.“ Das müssen wir gar nicht lesen. Das können wir selber schreiben. Als ob wir nicht gesund sein dürften, verfallen wir in den Wettstreit der Krankheiten – Bluthochdruck contra Nierenschmerzen. Magenspiegelung contra Herzkatheder. Die Kur ist Trumpf. Und die ernsthaft Kranken gehen daneben oft still und tapfer ihren Weg, dankbar für einen guten Tag oder für eine ruhige Nacht.

Bei der Erzählung von der Heilung des Gelähmten bei Mk 2 fangen die Menschen an, Gott zu loben, weil sie mit dabei sein dürfen, wie einer gesund wird. Sie freuen sich, dass ein anderer geheilt wird und preisen Gott. Und wir? Wir neiden es dem anderen und blöken: Ich bin aber nicht gesund geworden. Das ist ungerecht. Wie sagte es gestern Abend unsere Bundeskanzlerin nach dem kleinen Finale: „Was mich besonders freut, ist, dass sich die Menschen in unserem Land so freuen können, auch wenn wir einmal nicht die Ersten sind.“ Hoffentlich bleibt das so. Was sind wir oftmals bloß stolz und bockig und suchen nur nach Gründen, um Gott ja nicht loben zu müssen. Wir sind so maßlos geworden in unseren Ansprüchen und in unseren Erwartungen.  Zuerst komme ich und dann komme ich und danach, da komme ich.

Lobe den Herren, der deinen Stand sichtbar gesegnet, der aus dem Himmel mit Strömen der Liebe geregnet. Denke daran, was der Allmächtige kann, der dir mit Liebe begegnet.

Wer mag heute schon noch seinen Stand sichtbar gesegnet wissen. Wir haben dann doch immer gleich Angst, dass die Steuer kommt und alle anderen etwas von mir wollen. „Lobe den Herren, der deinen Stand sichtbar gesegnet.“ Früher war man stolz auf seine Kinder und man hat sie geliebt, auch wenn man oftmals gar nicht wusste, wie man sie ernähren konnte. Der Anblick der friedlich schlafenden Kinder hat einem die Tränen in die Augen getrieben und einem Kraft gegeben für die Anstrengungen am nächsten Tag.

Heute sprechen wir vom Kostenfaktor Kind und lassen uns weiß machen, dass sich der Wert eines Kindes in Euro berechnen ließe. Was für eine hässliche Welt.
Wir meinen die Liebe bestimmen zu können und zerlegen sie in die Einzelteile von Hormonen und Enzymen und wundern uns, dass wir gefühlsmäßig verarmen. Zuneigung verkommt zur bloßen Begierde und Liebe wird zum Sex, zum Akt und der Zigarette danach. Joachim Neander schreibt vor gut 325 Jahren: Lobe den Herren, der deinen Stand sichtbar gesegnet, der aus dem Himmel mit Strömen der Liebe geregnet. Denke daran, was der Allmächtige kann, der dir mit Liebe begegnet.

4. Sich von Gott ansprechen lassen

Und dann kommt das Finale. Neander lässt uns keinen Ausweg. Keine Ausflüchte! Keine Atempause!

Lobe den Herren, was in mir ist, lobe den Namen. Alles, was Odem hat, lobe mit Abrahams Samen. Er ist dein Licht, Seele, vergiss es ja nicht. Lobende, schließe mit Amen!

Und wir sagen: „Nix g´sacht ist globt gnuch.“ Das ist zu wenig. Manchmal muss einem vor Staunen der Mund offen bleiben und die Worte müssen uns fehlen und es muss nur ein boh und ein aah und ein wow bleiben. Und es kostet nichts, sondern es reicht, wenn wir uns einfach nur eine halbe Stunde vor eine Blume setzen und sie anschauen. Nicht quasseln, sondern anschauen und uns ansprechen lassen von ihrer Schönheit und ihrer Besonderheit und dabei anfangen zu vergessen. Wir brauchen das, um nicht in uns zu ersticken und in uns zu ertrinken. Wir müssen uns öfter mit hineinnehmen lassen in so ein Loben und freies Lachen und Singen und Feiern. Das ist gesund und tut der Seele gut.

Was muss geschehen, um Gott zu loben?

Es gehört gar nicht viel dazu, wenn wir an Paulus und Silas denken, die im Gefängnis Gott loben oder an die kranke Frau oder unseren Liederdichter Joachim Neander. Wir müssen nur bereit sein, uns ansprechen zu lassen von Gott mitten im Alltag. Und müssen aufhören mit unserem Wahn, zu meinen, alles selber bestimmen und machen können. Dabei bleibt nicht nur unsere Umgebung auf der Strecke, sondern auch wir.
Von Gott ist das jedenfalls nicht gewollt. Er wird uns anrühren, wenn wir uns mit hineinnehmen lassen in so ein loben, wie hier in unserem Lied. Und das muss ja auch nicht immer so sein. Aber immer öfter.
 

Pfarrer Martin Adel   (Dreieinigkeitskirche Hof)

Text: 

1. Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren,
meine geliebete Seele, das ist mein Begehren.
Kommet zuhauf,
Psalter und Harfe, wacht auf,
lasset den Lobgesang hören!

2. Lobe den Herren, der alles so herrlich regieret,
der dich auf Adelers Fittichen sicher geführet,
der dich erhält,
wie es dir selber gefällt;
hast du nicht dieses verspüret?

3. Lobe den Herren, der künstlich und fein dich bereitet,
der dir Gesundheit verliehen, dich freundlich geleitet.
In wieviel Not
hat nicht der gnädige Gott
über dir Flügel gebreitet!

4. Lobe den Herren, der deinen Stand sichtbar gesegnet,
der aus dem Himmel mit Strömen der Liebe geregnet.
Denke daran,
was der Allmächtige kann,
der dir mit Liebe begegnet.

5. Lobe den Herren, was in mir ist, lobe den Namen.
Alles, was Odem hat, lobe mit Abrahams Samen.
Er ist dein Licht,
Seele, vergiß es ja nicht.
Lobende, schließe mit Amen!
 


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