Predigt   0 komm, du Morgenstern (EG 19)    3. Advent    16.12.07

"Sehnsucht"
(
Von Pfarrer Martin Adel, Dreieinigkeit Hof)

Liebe Leser,

Wenn sie ans Ende dieses Liedes sehen, ahnen sie etwas von der bunten Geschichte, die es hinter sich hat und es zeigt, wie unsere Kirchenlieder immer wieder in Bewegung waren und sind und wie sie über die konfessionellen und nationalen Grenzen hinweg miteinander verbinden. Ein selbstredendes Zeichen von Ökumene. Allein drei Namen sind zum Lied-Text angegeben. Der ursprüngliche lateinische Text wurde von John Mason Neale, Pfarrer in der anglikanischen Kirche, Mitte des vorletzten Jahrhunderts ins Englische übersetzt und verändert (1851/61). Gut sechzig Jahre später (1916) ist zu diesen ersten beiden Versen unser heutiger dritter Vers dazugekommen, er stammt von Henry Sloane Coffin, Pfarrer der Presbyterianischen Kirche und später Professor und Präsident des Union Theological Seminary in New York. Otmar Schulz hat dieses Lied in dieser dreistrophigen Form kennengelernt und seinerseits wiederum in den Text eingegriffen (1975). Seine Fassung liegt vor uns im Gesangbuch abgedruckt. Er ist Pfarrer, hat mit 55 Jahren noch in Theologie promoviert in Erlangen und war Beauftragter für publizistische Aus- und Fortbildung der Evang.-Luth. Landeskirche Hannover. Er lebt heute in Nienhagen bei Celle.

England, Amerika, Deutschland – ein langer Weg. Die ruhende Mitte in dieser ganzen Bewegung ist die Melodie. Sie ist seit dem 15. Jahrhundert gleich geblieben. Sie stammt nochmals aus einem anderen Land. Wir haben sie unseren französischen Nachbarn zu verdanken. Es handelte sich wohl ursprünglich um ein Volkslied, auf das Thomas Helmore, ebenfalls ein Engländer, bereits mit dem lateinischen Text gestoßen ist.
Die Melodie bildet so etwas wie das Zentrum des ganzen Liedes. Sie werden es hören. Sie hält einen in Spannung und regt förmlich dazu an, auf diese Klänge einen eigenen sprachlichen Ausdruck zu finden, einen zeitgemäßen.

(Vers 1 singen)

Sehnsucht - O komm, o komm

„O komm, o komm ...“ und eigentlich gibt es gar nichts mehr dazu zu sagen. Wir hören nicht nur, wir spüren sie förmlich, diese Sehnsucht: „O komm, o komm, du Morgenstern... “ „O komm, du Sohn aus Davids Stamm...“ „O komm, o Herr ...“ Und es zieht einen mit: Ja. Möchte man sagen: Komm. Komm in unsere Welt. Komm und lass sie nicht allein. Komm und durchstrahle sie. Komm und erlöse sie. Komm und richte sie zu recht.

Die meisten unserer Adventslieder beschäftigen sich ja mit dieser Sehnsucht: Dass Gott auf diese Erde kommen soll. Dass er wieder kommen soll. Auch zu uns. Zu mir – dass sich auch an uns und an mir wiederholt, was damals geschah: Blinde sehen, Lahme gehen und den Armen wird das Evangelium verkündet. Mensch und Tier in der Krippe vereint, arme Hirten und weise Könige gemeinsam unter einem Dach, weil Gott mitten unter ihnen ist. „O komm, o komm ...“ und wenn du kommst, dann heißt es in Vers 3: „O komm, o Herr, bleib bis ans End.“

Warum singen wir das? Warum singen wir das immer noch? Gut zweitausend Jahre nach diesem ersten Weihnachten, von dem wir gar nicht wissen, wann es denn genau war? Und manche fragen, ob sie nicht schon zu lange warten? Und in der Tat. Es wäre schlimm, wenn wir immer nur gewartet hätten. Unser Regionalbischof Wilfried Beyhl erzählt in einem Weihnachtsbrief auch von dieser Sehnsucht und greift dabei auf eine alte Hirtenlegende zurück die folgendes Berichtet. Auf die Botschaft der Engel an die Hirten sagen diese: „Lasset uns nun gehen und die Geschichte sehen, die uns der Herr kund getan hat.“ Jedoch einer grantelt und mährt ungläubig: „Du wirst sehen, es bleibt alles, wie es war. Wir haben keine Hilfe und Tröstung zu erwarten. So war es, so ist es und so wird es immer bleiben.“ Daraufhin fragt ihn ein Hirtenjunge: „Aber warum gehst du dann überhaupt mit uns nach Bethlehem? Wenn du alles so genau weißt, kannst du ja draußen bei den Schafen bleiben“ und Wache halten. Doch da erwidert ein alter, erfahrener Hirte dem Jungen: „Er geht mit uns, weil seine Sehnsucht stärker ist als sein Wissen.“

Vertreib das Dunkel ...

„O komm, o komm, du Morgenstern“ – von Generation zu Generation ist dieses Sehnen geblieben und das ist gut so. Hätten wir keine Sehnsucht mehr, wären wir heute immer noch in der Steinzeit. Doch da ist noch mehr. Wir ahnen und wissen es, dass das nicht alles nur Sehnsucht ist. Wir spüren, dass das, was wir bisher erlebt haben bereits so etwas wie ein „Ahngeld“, ein „Vorgeschmack“ dessen ist, was uns erwarten wird. Wir haben eben bisher nicht immer nur gewartet, sondern auch schon selbst etwas erlebt und erfahren von dieser Nähe Gottes zu uns Menschen. Zwischendurch – nicht immer – zwischendurch haben wir das bereits selber erlebt, was geschehen ist und was geschehen wird, wenn Gott einzieht:

„Vertreib das Dunkel unsrer Nacht durch deines klaren Lichtes Pracht.“ Immer wieder blitzt es durch und richtet uns neu aus, wenn Gott in uns zur Welt kommt „vertreibt das Dunkel unsrer Nacht durch seines klaren Lichtes Pracht.“ Mir fallen nicht nur die heiligen Schauer und die befreienden Tränen ein, die so manchem von uns bei den Weihnachtsfeiern und an Heilig Abend übermannen werden und das Dunkel vertreiben. Ich denke auch an die greifbaren Wunder, die um uns herum passieren. Oftmals so alltäglich, dass wir sie gar nicht mehr wahrnehmen: Wenn ich an die Geburt eines Kindes denke und manchmal so gewaltig, wie das wieder Laufen- und Sprechen lernen nach ein Schlaganfall und Weihnachten wieder zu Hause feiern. Doch wir sagen: Glück gehabt oder „Wir hatten nicht erwartet, dass sich der medizinische Befund so zu Gunsten des Patienten verändert.“ Vollmundigeres trauen wir uns nicht zu, denn bei all dem Elend und Leid dieser Welt, wollen wir doch Gott oder unseren Glauben nicht in Verlegenheit bringen.
Glück gehabt – „vertreib das Dunkel unsrer Nacht ...“

Befreit aus Schuld und Knechtschaft

Weiter heißt es in Vers 2:
„O komm, du Sohn aus Davids Stamm, du Friedensbringer, Osterlamm. Von Schuld und Knechtschaft mach uns frei und von des Bösen Tyrannei.“
Das ist seine Aufgabe und das sollte bis heute unser Sehnen sein: Dass wir befreit werden aus Schuld und Knechtschaft. Denn es gibt sie bis heute. Auch unter uns. Auch, wenn wir es nicht hören wollen oder nicht mehr hören können. Doch wir begehen einen großen Fehler, wenn wir nicht mehr darüber reden wollen, wo wir an uns selbst und an unserem Gegenüber schuldig geworden sind – denn dann kann uns auch niemand befreien und das Böse (wie immer es auch sonst genannt sein mag und aussieht) tyrannisiert ungehindert weiter. Schuld, Knechtschaft und Böses sind nicht dadurch aufgelöst, nur weil wir nicht mehr darüber reden.

„O komm, du Sohn aus Davids Stamm, du Friedensbringer, Osterlamm. Von Schuld und Knechtschaft mach uns frei und von des Bösen Tyrannei.“ Das ist nicht nur so dahingesprochen, Das ist christliche Erfahrung durch die Jahrtausende hindurch. Wir brauchen jemanden, der uns löst und auslöst und erlöst von all dem Verqueren in uns und um uns herum. Die Beratungsstellen können die Fluten gar nicht fassen an problembeladenen Menschen und sie werden es nicht los. Die Angst frisst sie auf und zerstört alles. Doch wir können es nicht mehr benennen und meinen, alles selber und alleine tragen zu können. Doch so vieles kann man nicht alleine tragen, auch wenn wir meinen, dass wir uns wie Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen könnten. Wir zerbrechen darunter und darum heißt es: „O komm, du Sohn aus Davids Stamm, du Friedensbringer, Osterlamm. Von Schuld und Knechtschaft mach uns frei und von des Bösen Tyrannei.“

Freut euch, freut euch

Und dann mündet jeder Vers in diesem Lobgesang: „Freut euch, freut euch, der Herr ist nah. Freut euch und singt Halleluja.“ Das ist bei weitem nicht immer so und gewiss ist dieser Überschwang nichts für Skeptiker. Ein „Schau mer mal. Dann seh mer schon.“ hat da keinen Platz mehr. „Freut euch, freut euch, der Herr ist nah. Freut euch und singt Halleluja.“ Da muss man wirklich bereit sein, alles andere hinter sich zu lassen und abzulegen. Es ist eher wie die Vorfreude der Kinder, die mit jedem Tag, den es näher an Weihnachten geht, zappeliger und anstrengender werden, egal ob arm oder reich, hier oder in Afrika. Dieses sich hingeben und sich ausliefern in die Freude auf den, der da kommt! Nicht vielleicht und wahrscheinlich oder „Nix gwies woas ma net“.

„Freut euch, freut euch, der Herr ist nah. Freut euch und singt Halleluja.“ Und in dieser Freude greifen wir auf das vor, was noch gar nicht da ist. Aber in dieser Vorfreude nehmen wir schon teil an dieser endgültigen Freude und unser Herz öffnet sich und wird weit. Das ist Advent. Die Spannung zwischen der Sehnsucht und der Vorfreude, zwischen der Erwartung und der Ungewissheit, die wir aushalten wollen und nicht schon wieder wissen, wie alles ausgehen wird.

Antoine de Saint-Exupery schrieb einmal: «Wenn du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Leute zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit aufzuteilen, sondern wecke in ihnen die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.»

Die Spannung zwischen Sehnsucht und Vorfreude, zwischen Erwartung und Ungewissheit, die sind es, die uns antreiben und motivieren und herausholen aus unseren kleinen oder großen Gefängnissen und uns beflügeln und uns zwischendurch kosten lassen, was es bedeutet, wenn Gott zu mir kommt. „Freut euch, freut euch, der Herr ist nah. Freut euch und singt Halleluja.“

Pfarrer Martin Adel   (Dreieinigkeitskirche Hof)

Text: 

1. O komm, o komm, du Morgenstern, laß uns dich schauen, unsern Herrn.
Vertreib das Dunkel unsrer Nacht
durch deines klaren Lichtes Pracht.
Freut euch, freut euch, der Herr ist nah. Freut euch und singt Halleluja.

2. O komm, du Sohn aus Davids Stamm, du Friedensbringer, Osterlamm.
Von Schuld und Knechtschaft mach uns frei
und von des Bösen Tyrannei.
Freut euch, freut euch, der Herr ist nah. Freut euch und singt Halleluja.

3. O komm, o Herr, bleib bis ans End, bis daß uns nichts mehr von dir trennt,
bis dich, wie es dein Wort verheißt,
der Freien Lied ohn Ende preist.
Freut euch, freut euch, der Herr ist nah. Freut euch und singt Halleluja.
 


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