Predigt    4.Mose 6/22-27    Trinitatis    10.06.01

"Den Segen mit nach Hause nehmen..." 
(von Pfr. z.A. Langbein, Döhlau)

Liebe Leser,

Ist bekannt, nicht? Kommt immer am Ende vorm letzten Lied, manchmal in Variationen, manchmal gesungen, auf jeden Fall weiß man: wenn der Segen kommt ist Schluss mit Gottesdienst, dann gehen wir wieder nach Hause, den Sonntag verleben und dann fängt der Alltag wieder an. Eine Art Schlusswort in unserer Liturgie, jetzt ist aus, jetzt kommt nichts mehr, schmeißt die Herdplatten an. Draußen geht’s dann, nicht bei allen, aber doch bei vielen, dann wieder weiter, wie’s immer gegangen ist. Keine Veränderung, alles bleibt gleich.

Dabei will dieser Segen eigentlich das Großartigste sein, was Gott für uns tun kann: Uns behüten und beschützen: Ja er will uns lieb anschauen und nicht böse: uns sein - menschlich gesprochen - Gesicht zuwenden, also freundlich sein mit uns, nicht wegschauen, nach der Devise, mit denen hab ich mal besser nix zu tun!

Und dann taucht da noch das Wort Frieden auf: Frieden für mich, in meinem kleinen oft anstrengenden Leben; Frieden von ihm, von Gott selber. Wunderbar eigentlich und doch so fruchtlos. Wenn man mal hergeht und hochrechnet, wie oft an so einem Sonntag allein in Bayern der Segen gesprochen wird: was für beschützte, erleuchtete und befriedete Menschen müssten da herumlaufen! Tun sie aber nicht.

Weil dieser Segen zwar am Schluss des Gottesdienstes vorkommt, aber damit auch dummerweise oft gleich sein Ende findet. Dabei geht´s hier um mehr: Als so gesegneter Mensch bin ich aufgerufen, hier nicht gleich basta zu sagen, sondern: diesen Segen mit nach Hause zu tragen: diesen Frieden, der mir zugesagt ist, auszuteilen und weiterzuleben. Denn das meint das Wort SCHALOM - Frieden im hebräischen: im Hebräischen gibt es kein Wort, das nur einen Zustand ausdrückt. In allem ist Leben und Machen und Bewegung. Deshalb müssen wir Frieden als Geschehen begreifen und nicht als etwas Festes, Gegebenes.

Ein Beispiel mag dies verdeutlichen: Wir Menschen leben in Grenzen. In kleinen und in großen. So eine Grenze kann alleine schon der Platz sein, an dem Sie jetzt sitzen, an dem ihr jetzt sitzt. Oder das Haus, in dem wir wohnen; das Dorf, die Stadt, das Land. Das ist alles ganz sinnvoll, weil wir dadurch lernen können, uns zurecht zufinden: Das hier kenne ich, hier weiß ich Bescheid.

Grenzen können aber auch etwas unbehagliches haben. Nichts ist ärgerlicher, als wenn man in ein Kino oder ein Theater kommt mit gelöster Karte und auf dem anvisierten Platz sitzt schon jemand. Auch in der Kirche soll so was ja vorkommen.Wir lernen also, uns in gewissen Grenzen zu bewegen und sie hoffentlich zu respektieren.

Nun sind Grenzen allerdings dann etwas furchtbares, wenn wir uns in ihnen verschanzen. Für Leute die dieses tun, gibt es schon seit längerer Zeit einen etwas bösen Begriff, denn solche Menschen nennt man „Spießer.“ Ein Spießer ist ein Mensch, der förmlich Angst hat, seine Grenzen zu verlassen, das Gewohnte, Anerkannte und Festgelegte zu überdenken und neue Schritte zu wagen. Eine Unterart dieses Spießers ist der Pessimist. Über ihn hat die jüdische Dichterin Mascha Kaléko ein Gedicht geschrieben: 

Wie glücklich ist der Pessimist
Wenn etwas schief gegangen ist!
Und geht es aller Welt auch schlecht,
Ihm bleibt der Trost: Er hatte recht!
Ein Träger düstrer Unheilsbrillen,
Glaubt er nicht mal an „freien Willen“.
Doch gläubig sind die Optimisten,
Ob sie nun Moslems, Juden, Christen.
Und kommen sie einst alle heil
In Gottes Himmelreich,
Dann sagt der Optimiste: „Weil...“
Der Pessimist: „Obgleich!“

Alles in allem muss man sagen: diese sogenannten Spießer sind sehr arme Menschen, weil sie nur in ihren eigenen Bahnen, leben, denken und atmen können. Dabei wissen sie manchmal, dass es DA DRAUSSEN noch etwas anderes gibt, ja sie sind eigentlich sogar neidisch auf andere, denen es viel besser geht, weil sie nicht so eingeschränkt sind. Und dieser heimliche Neid kann dann sogar Hass erzeugen. Die zum Glück vergangene Geschichte zwischen Frankreich und Deutschland hat dies leider im großen bewiesen. Man kannte sich zwar nicht unbedingt, weil die Grenzen so wichtig waren, aber neidisch war man doch, was dann immer wieder zu Kriegen führte. Zwischen den Religionen ist es nicht anders. Gutes Leben kann nur entstehen, wenn man bereit ist, seine Grenzen zu überschreiten und neues erfahren zu wollen. Dieses neue dann wieder mit nach Hause zu nehmen, neugierig, was wohl das nächste Mal dabei sein wird.

Diese Gedanken bezogen auf unseren Segen bedeuten folgendes: Gott durchbricht von sich aus die Grenze zwischen sich und uns Menschen. Immer wieder durch seine Offenbarungen, für uns Christen endgültig in Jesus Christus und dadurch, dass er uns seinen Geist schenkt. Und durch seinen Segen eben!

Das soll nun aber eben nicht heißen, dass wir diesen getrost nach Hause tragen und dort im Schrank verschließen. Das können wir, aber es wird uns nichts nützen. Nein, angestachelt sein müssen wir dadurch, neugierig, andere zu treffen, die auch so gesegnet sind wie wir, was die denn so sagen, die denn so meinen, wie die so leben. In diesem Mit- und nicht Gegeneinander können wir dann den Segen weitergeben. Und daraus entsteht SCHALOM - Frieden.

Kann natürlich etwas anstrengend sein! Jesus von Nazaret ging soweit zu sagen: Ihr sollt die segnen, die euch fluchen! Ja, wie kann der nur! Aber trifft damit den Kern dieses uralten Segenswortes: den Menschen, die wir in unseren eigenen spießigen Grenzen beheimaten und gern haben, können wir gewiss Gutes tun. Das machen aber auch, sagt Jesus, Menschen, die von Gott keine Ahnung haben. Das sollte also nichts besonderes sein: ich betone, es sollte!!! 

Spannend wird’s tatsächlich da, wo ich versuche, in Frieden mit jemandem zu leben, den ich gar nicht leiden kann und niemals leiden können werde, dessen Leben und dessen Ansichten mir nicht passen.

Aber nur so, kann tatsächlich der Frieden gedeihen, den Gott haben will auf dieser Erde. Soll das heißen, das es gar keine Grenzen mehr geben soll? Das wohl nicht. Denn grenzenlos heißt endlos. Und endlos kann die Hölle sein und deswegen hat Gott in seinem Willen alles begrenzt: auch unsere Zeit. Solche Grenzen wollen viele Menschen heute nicht mehr anerkennen, sie wollen ewig leben, sie wollen immer gesund sein, sie wollen keine Einschränkungen mehr hinnehmen.

Das kann’s nach Gottes Willen nicht sein: Gott will, dass ich in meinem Leben zurecht komme aber die von ihm gesetzten Grenzen anerkenne und dazu will Gott mir seinen Segen geben. Wenn ich das kann, dann bin ich dankbar dafür, erkenne meine Grenzen, überschreite sie dann, um in Freiheit und Liebe neues zu entdecken: Überschreiten wir doch kurz einmal eine ganz kleine Grenze: Schauen wir unseren Nachbarn an! Da sitzt jemand, den ich vielleicht schon lange kenne oder auch gar nicht. Von dem’s aber vielleicht noch viel zu entdecken gibt! Und auf jeden Fall sitzt da ein Mensch, der heute auch noch von Gott gesegnet wird!  Das ist doch etwas ganz Wunderbares!  

Aus dem Buch Jesus Sirach erfahren wir noch, wie die Gemeinde in Israel auf den Segen geantwortet hat:

Nun danket alle Gott, der große Dinge tut an allen Enden,
der uns von Mutterleib an lebendig hält und uns alles Gute tut.
Er gebe uns ein fröhliches Herz
und verleihe immerdar Frieden
zu unserer Zeit in Israel,
und dass seine Gnade stets bei uns bleibe
und uns erlöse, solange wir leben.

Nun, wir singen ab und zu das Lied: „Nun danket alle Gott, mit Herzen, Mund und Händen“, aber eine eigentliche Antwort ist in der Liturgie unseres Gottesdienstes nicht vorgesehen. Das macht vielleicht auch nicht unbedingt etwas; wichtig ist, noch einmal, dass wir diesen Segen Gottes mit nach Hause und von da aus in unsere Welt mitnehmen.

Früher gab es die interessante Tradition, dass aus jedem Haus in einer Stadt oder einem Dorf zumindest ein Mensch in den Gottesdienst ging, um den Segen heimzuholen. Heute ist das nicht mehr so, aber es wird immer wichtiger, dass wir daran festhalten, was dieser Segen bedeutet: Wir können unter diesem Schutz Gottes unsere eigenen Grenzen aufbrechen und hinausgehen, in eine vielleicht harte auch grausame und feindliche Welt: und dort den Frieden stiften, den Gott für alle Menschen vorgesehen hat.  Gott ist der Anstifter unseres Tuns, Jesus ist der, der Grenzen durchbrochen hat und somit unser Vorbild - der Heilige Geist aber ist die Kraft in uns, die uns nicht verzweifeln lässt sondern uns stark macht, dem Unfrieden und dem Widergöttlichen zu begegnen in unserer Gesellschaft: begegnen aber in Liebe und Annahme und nicht in voraufgreifender Verurteilung.

 Pfarrer Langbein

Das Gedicht habe ich entnommen aus: Mascha Kaléko:  In meinen Träumen läutet es Sturm, Gedichte und Epigramme aus dem Nachlass, hg. und eingeleitet von Gisela Zoch-Westphal, München 1997.

Text: 

(22)Und der HERR redete mit Mose und sprach:
(23)Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet:
(24) Der HERR segne dich und behüte dich;
(25)der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;
(26)der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir  Frieden.
(27)Denn ihr sollt meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.


Archiv

Zurück zur: Homepage Dekanat Hof     Homepage Hospitalkirche