Predigt zum 4. Gebot    Männersonntag 2010 im Dekanat Hof    17.10.2010

"Vater und Mutter ehren ..."
(von Pfr. i.R. Hans-Gerhard Koch, Fürth)

Liebe Leser,

Wir haben gehört, wo in unserer  Gesellschaft der Zusammenhalt der Generationen auf dem Spiel steht. Das sind Probleme von heute, aber das Thema ist alt. Der Beweis: Schon das vierte Gebot in der hebräischen Bibel, ein Text, der gut und gern dreitausend Jahre alt ist, lautet: „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebest in dem Lande, das dir der Herr, dein Gott geben wird.“

Dieses vierte Gebot ist im Unterschied zu allen anderen, die einfach lauten „Du sollst“ mit einer Verheißung verknüpft: auf dass du lange lebest in dem Lande, das dir der Herr, dein Gott geben wird.

Eigentlich sind es ja sogar zwei Verheißungen: „Lang sollst du leben“, und „der Herr wird dir Land geben.“ Gottes Gebote, und besonders das über den Frieden zwischen den Generationen sind ja beileibe nicht nur Vorschriften und Grenzen. Vorneweg vor allen 10 Geboten steht der Satz „So spricht der Herr, der dich aus Ägyptenland befreit hat ....“ – Befreiung zum Leben heißt das, Lebensperspektive, Land in Sicht.

In der Welt der Wüstenbewohner damals, vor dreitausend Jahren, als unser viertes Gebot entstand, war das so: Lang leben, das konnte nur der, der Kinder hatte, die im Alter für ihn sorgten. Eine Rentenversicherung gab es nicht. Und neues Land bearbeiten, das konnte auch nur eine große Familie, kein einzelner. Und Land hat andere Zeittakte als ein Menschenleben. Es braucht Leute, denen man es über Generationen hinweg vererben kann.

In der Welt der Wüstenbewohner war Frieden zwischen den Generationen auch noch aus einem zweiten Grund wichtig: Es ging um Wissen und Lebenserfahrung. Nur die Alten wussten, wo die fast unsichtbaren Wegzeichen, wo die im Sand verschütteten Brunnen waren, nur die Alten kannten die Stammesoberhäupter der befreundeten oder auch feindlichen Stämme. Ohne ihr Wissen wäre der Stamm elend zugrunde gegangen.

Sie merken, das vierte Gebot ist kein Gebot für Kinder, es wendet sich an uns Erwachsene. Wir sollen unsere ältere Generation schützen vor Not und Einsamkeit. Und wir sollen das in unserem wohlverstandenen eigenen Interesse tun.

So einfach wie damals in der Wüste stellt sich das, wie wir alle wissen, in der Welt von heute nicht mehr dar. Wir haben die wirtschaftlichen Abhängigkeiten der Älteren von den Jüngeren scheinbar abgeschafft: die Rente kommt aufs Konto, und sie kommt, ob jemand Kinder aufgezogen hat oder nicht. Im Gegenteil: wer keine hat, konnte mehr berufstätig sein und kriegt mehr Rente. Und was die Weisheit des Alters heute wert ist – das wisst ihr Konfirmandinnen und Konfirmanden. Wenn ihr dem Opa zum dritten Mal erklärt habt, wie Facebook oder SMS funktioniert, und er hat’s immer noch nicht kapiert, dann lächelt ihr mitleidig und denkt euch euern Teil.

Wir haben die wirtschaftliche Abhängigkeit abgeschafft, und wir haben die Familienrücksichten und -zwänge abgeschafft. Keiner muss mehr das werden, was sein Vater war, kein Mädchen muss aufs Studium verzichten, weil sie eine Frau ist. Jeder und jede kann sein, kann ihr Leben leben, sogar im Ruhestand.

Und unsere Wirtschaft braucht solche eigenständigen Leute: flexibel müssen sie sein, selbstbewusst und unabhängig, jederzeit und an jedem Ort einsetzbar. Familien mit Kindern stören da allerdings eher: sie zwingen dazu, die Arbeit und die Karriere zu unterbrechen, sie kosten die Allgemeinheit Geld und stellen Ansprüche an die soziale Sicherheit. Alles Kosten, die unsere Wirtschaft am liebsten vermeiden würde. Und vielen Eltern kommen Kinder auch einfach zu teuer.

Wir ahnen mehr und mehr, dass das auf Dauer nicht gut gehen kann.

Die Rente kommt ja nicht wirklich vom Konto, sondern von den Sozialbeiträgen der Jüngeren. Und wenn die immer weniger werden, und immer mehr zahlen müssen, und selbst immer weniger zu erwarten haben - wie soll das gehen ?

Die Werte, das Miteinander und Füreinander, von dem unsere Gesellschaft unsichtbar lebt - können wir sie mit Computerprogrammen und Talkshows vermitteln? Wie wird eine Generation, die irgendwann nur noch Preise kennt und keine Werte, mit den Alten und Hilfsbedürftigen umgehen?

Und selbst die Wirtschaft gerät ins Fragen. Woher eigentlich sollen die teamfähigen und zuverlässigen, charakterfesten und lernbereiten Mitarbeitenden für die Fabrik und das Büro der Zukunft eigentlich kommen? Solange es keine Fabrik für solche Menschen gibt, doch nur aus intakten Familien - oder?

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: ich möchte nicht zurück in frühere Zeiten angeblich intakter Familien, so wenig, wie ich mein Leben als Nomade in der Wüste fristen möchte. Was vorbei ist, ist vorbei, und oft ist es gut so. Die gute alte Zeit war ja gar nicht so gut, sie wird nur umso verklärter, je weiter sie weg ist.

Aber es geht ja bei dem vierten Gebot auch gar nicht um die Vergangenheit, sondern um die Zukunft: auf dass du lange lebest ... Unser dreitausend Jahre alter Ratschlag aus der Bibel legt ein paar Spuren in den Wüstensand, denen auch wir heute in unseren heutigen Schwierigkeiten noch folgen könnten.

Die erste: Setzen wir auf Zukunft, nicht nur aufs Hier und Jetzt. Immer häufiger spricht man vom „nachhaltigen“ Leben und wirtschaften. Der Begriff stammt aus der Forstwirtschaft: dort meint er, dass nach jedem Holzeinschlag wieder gepflanzt werden muss, auch wenn erst die Urenkel wieder große Bäume sehen. Hätten das unsere Vorväter nicht irgendwann mal begriffen, wäre das Fichtelgebirge heute eine kahle Steppe. Und wir, wir müssen das nicht nur im Blick auf die natürliche Mitwelt begreifen, sondern auch im Blick auf den sozialen Zusammenhalt. Jeder Mensch für sich und eine Wirtschaft als Ganze, die nur verbraucht und nicht darauf achtet, dass das Geflecht des natürlichen und sozialen Lebens wieder nachwächst, handelt ohne Sinn und Verstand. Und spätestens, wenn man Familie hat, bekommt man wieder Sinn fürs Morgen. Vater und Mutter ehren, das gilt ja nicht nur für diese beiden Menschen, sondern für das Ganze, dem wir unser Leben verdanken. Das sollen wir ehren, das heißt,es mit Achtung und Behutsamkeit behandeln und nicht um kurzfristiger Vorteile willen zerstören.

Die zweite Spur aus der Wüste: Setzen wir auf Gegenseitigkeit, nicht immer nur aufs eigene Ich. Es ist ja schön, dass wir heute Ich sagen können und nicht nur als Glied einer Familie was wert sind. „Wem g’hörst denn du oo ?“ wurde ich in meiner Kindheit immer noch gefragt. „Ach, dem Schmied seiner bist du !“ Wir gehören heute uns selber. Aber das reicht nicht. Kein Mann, keine Frau kommt ins Leben hinein, lernt ein Mensch zu sein ohne die anderen. Alle sind wir mal Kinder gewesen. Und kaum einer kommt am Ende des Lebens ohne die Pflege und Hilfe anderer wieder aus diesem Leben heraus. Alle werden wir, so Gott will, einmal alt. Gut, dass wir gelernt haben, Ich zu sagen. Aber gut auch, sagt das Gebot, wenn wir nicht verlernen, „wir“ zu sagen.

Den „Generationenvertrag“ nennen wir unser Rentensystem, aber dieser Vertrag, dieses Geben und Nehmen brauchen wir alle Tage, nicht nur am Monatsletzten auf der Bank. Und wir brauchen Solidarität, Liebe und Gerechtigkeit, die wir miteinander aushandeln müssen, oft nötiger als Geld.

Und nun noch die dritte Spur aus der Wüste: Setzen wir auf Befreiung. Freuen wir uns darüber, dass die alte Zwangsfamilie mit der Herrschaft des Vaters und dem fraglosen Gehorsam der Frau und der Kinder der Vergangenheit angehört. Leben wir partnerschaftlich, auf gleicher Augenhöhe. Aber lassen wir uns auch nicht in neue Zwänge einfangen. In die Zwänge, die sich unter den Modeworten Einkaufserlebnis und Flexibilisierung verbergen: Arbeit rund um die Uhr, auch am Sonntag, wann immer der Chef und der Kunde das will. In die Zwänge, die mit dem Wort der Ökonomisierung aller Lebensbereiche verbunden sind: alles nur noch in Euro und Cent denken, nur noch von Kosten und Nutzen her rechnen zu können. Beides ist tödlich für den Zusammenhalt der Generationen. Für Familien, die für gering entlohnte Menschen zum Armutsrisiko geworden sind. Für Senioren, die dann nur noch Kostenfaktoren sind. Beide sind angewiesen auf verlässliche Solidarität, auf eine menschengerechte Welt, und auf Liebe, die die Stunden und Euro nicht zählt.

So haben auch wir, und gerade wir Männer, es nötig, dass uns Gott aus der Knechtschaft in Ägypten führt.

Dass er uns im Kopf freimacht und dadurch auch freimacht, im Alltag Menschlichkeit zu wagen. dass er uns Mut macht, in Familie zu leben und Familien mit allen Kräften zu unterstützen. Dass er uns Wege zeigt, wie wir jeden Tag neu auf Nachhaltigkeit, auf Gegenseitigkeit und auf Befreiung setzen können. Damit es uns wohl gehe und wir lange leben auf Erden. Amen.

Pfr. i.R. Hans-Gerhard Koch    Mail

Text:

„Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebest in dem Lande, das dir der Herr, dein Gott geben wird.“


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