Predigt     2. Mose 16/2-3,11-18      7. Sonntag nach Trinitatis    06.07.08

"Wider das Murren"
(Predigt anl. der Silbernen Konfirmation
von Vikar Jörg Mahler, Hospitalkirche Hof)

Liebe Leser,

vor 2300 Jahren war es nicht anders als es heute ist. Der erste Satz unserer biblischen Geschichte trifft den Nagel auf den Kopf: Und es murrte die ganze Gemeinde. Das Murren ist über die Zeiten hinweg eine der verbreitetsten menschlichen Eigenarten.

„Neulich habe ich für 1,59 € getankt, und die Beiträge zur Pflegeversicherung sind zum 1.Juli auch gestiegen: Wo soll das bloß noch enden? Die Steuereinnahmen sprudeln doch gerade: Warum werden wir Bürger nicht entlastet? Der Nachbar, der hat schon wieder ein neues teures Auto. Der muss Geld haben.“.

Auch das Wetter ist ein Lieblingsthema zum Murren: Ist es kalt und regnet es, dann passt es uns nicht. Ist es aber heiß, dann murren wir: „Bei diesen Temperaturen kann man ja nicht mehr vor die Tür gehen. Und alles ist so trocken, es könnte endlich mal wieder regnen.“.

Genau über diese ewige Unzufriedenheit spricht unsere Geschichte. Zuerst haben die Israeliten über die Unterdrückung und Fronarbeit in Ägypten gemurrt. Daraufhin hat Gott sie aus der Hand der Ägypter befreit und führt sie ins Gelobte Land. Doch schon wieder murren sie: Die Reise ist so hart, die letzte Oase liegt schon solange zurück, wir werden durch Hunger umkommen. Plötzlich wird die Zeit in Ägypten verklärt, die karge Sklavennahrung wird mit Fleischtöpfen gleichgesetzt: Ach wären wir doch in Ägypten geblieben! Und schon bald, nachdem Gott sich erbarmt und Manna und Wachteln geschickt hat, da ist die Dankbarkeit wieder dahin und das Volk wird über diese „elende“ Speise murren (4.Mose 21,5).

Murren, das ist eine menschliche Grundhaltung. Dabei fällt mir auf, dass meist diejenigen Menschen murren, denen es gar nicht so schlecht geht. Sie stimmen einfach ein in die gesellschaftliche Unzufriedenheit. Von der 80-jährigen Anna, die seit ihrem 8.Lebensjahr im Rollstuhl sitzt und im Heim wohnt, habe ich noch kein Murren gehört. Sie ist fröhlich und macht ihre Späße. So lautet etwa ihr Lieblingsspruch: Man wird alt wie eine Kuh und lernt immer noch dazu. Und auch andere Menschen tragen ihre schwere Last in Stille und Demut. Das sind doch die Menschen, die laut aufschreien müssten, die wirklich durch Wüsten wandern und allen Grund zum Murren hätten!

Ich kann mir vorstellen, dass sich Mose wegen der Anfeindungen der Israeliten vom Volk zurückgezogen hat – vielleicht auf den nächsten Hügel, um mit Gott alleine zu sein. Er könnte vielleicht gebetet haben: „Herr, unser Gott! Du siehst, wie sie alle murren. Sie haben anscheinend all das Gute vergessen: Du warst es, der uns aus der ägyptischen Sklaverei befreit hat. Du hast uns am Schilfmeer errettet, so dass der Pharao uns nicht mehr einholen konnte. Und du hast uns versprochen, uns in das Gelobte Land zu führen. Eigentlich sollten wir voll des Dankes sein, so oft wie wir deine starke Hand erlebt haben. Doch auf der Wanderung durch die trockene und karge Wüste, da sehen sie nur auf das hier und heute, sie spüren nur den Hunger. Ich bitte dich Herr, zürne nicht. Denn du hast uns ja dazu erwählt, dein Volk zu sein. Ach. hilf uns doch!“

Mose hält Rückblick. Auch uns tut so ein Rückblick gut. Gesellen wir uns doch zu Mose. Folgen wir ihm doch auch auf seinen Hügel, und schauen auf den Weg zurück. Mose sah den Weg des Volkes Israel, und wir sehen den Weg unseres Volkes, und den Weg unseres eigenen Lebens.

Zunächst sehen wir den Weg unseres Volkes: Die Älteren unserer Gemeinde haben den Krieg noch miterlebt. Da war es wirklich so, dass man sich ums Überleben sorgen musste. Viele Häuser waren zerstört. Die Essensmarken reichten oft nicht aus, man tauschte Tischdecken gegen ein paar Kartoffeln beim Bauern ein. Das waren schlechte Zeiten. Gott danken, statt über Kleinigkeiten zu murren, das hat die Großmuttergeneration noch gelernt. Durch ihr Erzählen können auch wir Jungen die Dankbarkeit lernen. Wir haben eines der besten Gesundheits- und Pflegesysteme weltweit. Aber das muss finanziert werden, und da ist es doch nur recht und billig, dass jeder seinen Beitrag dazu leistet, denn es kommt ja auch allen zu gute. Seit 63 Jahren haben wir Frieden. Wir leben in einem reichen Land. Beim Rückblick auf den Weg unseres Volkes lernen wir Dankbarkeit.

Auf dem Hügel neben Mose blicken wir auch auf unser eigenes Leben zurück. Der eine erkennt dort, wie viel Gutes und Schönes ihm geschenkt wurde. Der Traum von der eigenen Familie, den Kindern, dem Haus oder dem guten Beruf hat sich erfüllt. Es geht ihm finanziell ganz gut. Dieser wird durch den Blick zurück auf sein Leben dankbar wie Mose, und tut sich nun schwerer, in das allgemeine Murren einzustimmen.

Die andere sieht beim Blick zurück, was sie belastet hat und immer noch belastet. Sie fühlt sich wie Israel in der Wüste, so zehren die Sorgen an ihr. Sie ist zwar von vielen Menschen umgeben, aber doch fühlt sie sich einsam. Ihr wird alles zuviel, Arbeit und Familie wachsen ihr über den Kopf. Sie seufzt, schreit zu Gott und bittet ihn wie Mose um seinen Beistand.

Gott um Beistand bitten? Ich weiß nicht, wie sich eure Beziehung Gott entwickelt hat die letzten 25 Jahre. Ob ihr Gott aus den Augen verloren habt oder bewusst links liegen gelassen habt. Ob ihr an ihm dran geblieben seid oder ihn neu entdeckt habt. Vielleicht habt ihr in schweren Stunden auch an ihm gezweifelt, vielleicht aber auch gerade dann seine Nähe gespürt. Wie auch immer – Gott jedenfalls bleibt an euch dran. Er gibt keinen auf. Das zeigt uns die Geschichte über das Murren: Er hat sein Volk in der Wüste nicht zum Teufel geschickt hat, obwohl sie gegen ihn aufbegehren.

Gott überwindet die Rebellion des Volkes durch seine Barmherzigkeit, nicht durch Strafe (V11-12). „Ich habe das Murren der Israeliten gehört.“ Mit seinem großen Ohr ist er an den Menschen dran, er hört, was sie bewegt. Er hört das oberflächliche Murren, aber auch alle Klagen und Anklagen, die aus tiefer Not heraus an den Himmel geworfen werden.

Und Gott reagiert darauf: Er sagt seinem Volk, seiner Gemeinde Hilfe zu. Er jagt die Menschen nicht zum Teufel. Wenn die menschliche Grundhaltung das Murren ist, so ist Gottes Grundhaltung seine Barmherzigkeit. Die ganze Bibel ist voll von Geschichten seiner Barmherzigkeit. Und die größte Geschichte seiner Barmherzigkeit hat er am Kreuz von Golgatha geschrieben. Gott schreibt gegen unsere Murrgeschichten seine Geschichten seiner Barmherzigkeit, damit wir, wie er zu Mose sagt, innewerden, dass er, der Herr, unser Gott ist. Er will nicht anders Gott sein als so, dass er uns zur Seite steht. Das ist seine Grundhaltung.

Man hu? Was ist das? So fragten die Israeliten, als sie am Abend die Wachteln und am Morgen das Manna sahen. Wachteln sind Zugvögel, die im Frühjahr vom arabischen Meerbusen aus nach Norden ziehen und auf ihrer Reise eine mehrstündige Rast in der Wüste machen, während der sie matt und damit leicht zu erlegen sind. Sie werden noch heute in Ägypten und auf der Sinai-Halbinsel gefangen und als Leckerbissen verzehrt. Und das Manna war wohl gehärteter Fruchtsaft der Tamariske, dessen Geschmack Martin Luther mit Honigsemmeln verglichen hat. Das Volk Israel konnte die Wachteln und das Manna aufsammeln und davon satt werden. Und das nicht nur an diesem einen Tag, sondern über die ganze lange Zeit ihrer Wanderung durch die Wüste. „Manna“ heißt zu Deutsch Gabe oder Geschenk. Manna ist also Geschenk Gottes, eine Gabe von ihm zur Nahrung für das Volk.

Auch heute versorgt uns Gott mit Manna, mit himmlischen Gaben. Unser Hunger wird gestillt, gestern Abend erst, als wir mit den Jubelkonfirmanden beim gemeinsamen Pizzaessen waren. Unsere Einkaufswägen im Supermarkt sind trotz höherer Milchpreise gut gefüllt. Wir haben Überfluss an Nahrung in unserem Land.  Mir fällt auf, was Gott Israel gebietet: Ein jeder sammle, soviel er zum Essen braucht. Gott sagt nicht: Ein jeder sammle davon, soviel er bekommen kann, und werfe dann den Rest weg, wenn er ungenießbar geworden ist. Und Gott sagt auch nicht: Ein jeder sammle davon, soviel er bekommt, und kippe es in Biogasanlagen. Dadurch, dass jeder nur das nimmt, was er braucht, reicht es für alle.

Es gibt noch eine andere Nahrung, die Gott uns schenkt: Jesus sagt im Johannesevangelium: „Ich bin das Brot des Lebens.“ (Joh. 6,35). Jesus selbst ist Nahrung, eine Nahrung, die unsere Seele nährt. Denn der Mensch lebt nicht vom Brot allein, das Leben ist mehr als körperliche Existenz. So wie uns Brot aus Körnern den Körper stärkt, so stärkt uns Christus innerlich. Jesus stillt diesen anderen Hunger, damit wir nicht an den Wüsten in unseren Seelen und Herzen zu Grunde gehen müssen. Doch wo finden wir das Seelenmanna und die Herzenswachteln, die Herz und Seele stärken?

Anna, die seit ihrem 8.Lebensjahr im Rollstuhl sitzt, hat auf die Geschichten Jesu gehört: Jesus, der zu den Kranken geht, Jesus, für den jeder Mensch einen Wert besitzt, unabhängig davon, was er leisten kann. Anna weiß, dass Gottes Segen trotz allem über ihrem Leben steht.

Vor einiger Zeit durfte ich im Klinikum ein Krankenabendmahl feiern. Der Patientin ging es sehr schlecht. Im Namen Jesu konnte ich ihr zusagen, dass er all das, was sie von Gott trennt, mit in den Tod genommen hat und sie nichts mehr von Gott trennt. Und dann haben wir das Abendmahl gefeiert: Dieses Stückchen Brot und der Schluck Traubensaft waren für sie mehr an Nahrung, als alle Schweinebraten der Welt. Sie war bewegt, hat gespürt, wie ihr Gott begegnet und Kraft schenkt. Brot und Wein hatten mehr Kraft als alle Zweifel und Ängste.

Wie die Israeliten täglich das Manna aufgesammelt und sich davon genährt haben, so dürfen wir uns täglich nähren mit den Worten der Bibel, mit Gebet und Segen, und heute auch mit Brot und Wein.Dieses Lebensbrot ist ein Brot, das wir auch nicht auf Vorrat sammeln können. Gott schenkt es uns jeden Tag neu, und zwar immer soviel, wie wir brauchen, gerade auch dann, wenn uns wirklich zum Klagen und Murren zu Mute ist. Von Anna im Rollstuhl lerne ich das Vertrauen auf Gott. Das Vertrauen darauf, dass Gott mir Nahrung für Leib und Seele schenkt, jeden Tag neu. Das ist die rechte Haltung eines Christenmenschen.

Vikar Jörg Mahler  (Hospitalkirche Hof)

Text:

2 Und es murrte die ganze Gemeinde der Israeliten wider Mose und Aaron in der Wüste.
3 Und sie sprachen: Wollte Gott, wir wären in Ägypten gestorben durch des HERRN Hand, als wir bei den Fleischtöpfen saßen und hatten Brot die Fülle zu essen. Denn ihr habt uns dazu herausgeführt in diese Wüste, dass ihr diese ganze Gemeinde an Hunger sterben lasst.

11 Und der HERR sprach zu Mose:
12 Ich habe das Murren der Israeliten gehört. Sage ihnen: Gegen Abend sollt ihr Fleisch zu essen haben und am Morgen von Brot satt werden und sollt innewerden, dass ich, der HERR, euer Gott bin.
13 Und am Abend kamen Wachteln herauf und bedeckten das Lager. Und am Morgen lag Tau rings um das Lager.
14 Und als der Tau weg war, siehe, da lag's in der Wüste rund und klein wie Reif auf der Erde.
15 Und als es die Israeliten sahen, sprachen sie untereinander: Man hu? Denn sie wussten nicht, was es war. Mose aber sprach zu ihnen: Es ist das Brot, das euch der HERR zu essen gegeben hat.
16 Das ist's aber, was der HERR geboten hat: Ein jeder sammle, soviel er zum Essen braucht, einen Krug voll für jeden nach der Zahl der Leute in seinem Zelte.
17 Und die Israeliten taten's und sammelten, einer viel, der andere wenig.
18 Aber als man's nachmaß, hatte der nicht darüber, der viel gesammelt hatte, und der nicht darunter, der wenig gesammelt hatte. Jeder hatte gesammelt, soviel er zum Essen brauchte.
 


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