Predigt    2.Korinther 8/9    2. Weihnachtsfeiertag    26.12.01

"Die Ohren des Himmels"
(von Pfr. Johannes Taig, Hospitalkirche)

Liebe Leser,

„O dass doch so ein lieber Stern/ soll in der Krippen liegen!/ Für edle Kinder großer Herrn/ gehören güldne Wiegen./ Ach Heu und Stroh ist viel zu schlecht, /Samt, Seide, Purpur wären recht,/ dies Kindlein drauf zu legen!“ (EG 37,6), so hat Paul Gerhardt im 6. Vers des vielleicht schönsten Weihnachtsliedes „Ich steh an deiner Krippen hier“ gedichtet. Und gibt Anlass zu einem Missverständnis, über das das Jesuskind nicht amüsiert gewesen wäre. 

Es würde aufs Schärfste zurückweisen, dass Heu und Stroh und die Futterkrippe drum herum ein bedauerlicher Irrtum seiner Geburt gewesen sind, der durch die Hartherzigkeit der Bewohner von Bethlehem zustande kam. Es würde aufs Schärfste zurückweisen, dass seine Geburt in der großen Welt des Geldes besser aufgehoben gewesen wäre. Es würde uns die bittere Armut der Menschen von Bethlehem zeigen und keinen Zweifel lassen, dass er zu denen gesandt und gekommen ist, die mittellos, machtlos und hilflos sind. Die, mit denen keiner mehr solidarisch ist, bekommen die höchste Zuwendung und Aufmerksamkeit, die es gibt. Da hält der Himmel sein gewaltiges Ohr an die Erde um denen zu lauschen, die keiner mehr hört. 

Ende 1998 waren 2,88 Millionen Menschen auf Sozialhilfe angewiesen. Davon waren 1,1 Millionen Kinder und Jugendliche. Kinderreichtum ist das größte Armutsrisiko. Die Zahl der Vermögensmillionäre hat sich gleichzeitig in den letzten 20 Jahren von 217.000 auf 1,5 Millionen versiebenfacht. „Stellt man die Summe der staatlichen Sozialausgaben der Konzentration von privatem Reichtum gegenüber so ergibt sich 1998 ein Verhältnis von 45 Mrd. DM öffentliche Soziallasten zu 5683 Mrd. DM Geldvermögen der privaten Haushalte. ... Knapp 19% der Zinsen auf das Geldvermögen der privaten Haushalte würden rein rechnerisch ausreichen, um die gesamten Kosten der Sozialhilfe zu finanzieren“ (vgl. Dr. K. Fischer in GPM, Nr. 4, 2001, S.49f.). 

Das sind keine Zahlen aus Argentinien, sondern aus Deutschland. Und man muss kein Prophet sein um vorherzusagen, dass uns im kommenden Wahljahr wieder diese Verlustangst- und Neidkampagnen von Politikern bevorstehen, denen Arbeitgebervertreter glaubhaft versichern, dass ab einem gewissen Reichtum, das nächst größere Elend beginnt. Als sei das Börsenparkett bevölkert mit den Elenden dieser Welt. Die wirklich Elenden leiden auch bei uns im Verborgenen. 

Im Juni dieses Jahres schrieb der Berliner Notarzt Michael de Ridder unter dem Titel „Verwahrlost und verendet“ einen Artikel über den Pflegenotstand in unserem Land. Er beschreibt darin Zustände, die sie heute am 2. Weihnachtsfeiertag schnell zu der Überzeugung brächten, auf das Mittagessen lieber zu verzichten. 

Er fasst schließlich zusammen: „Angesichts der erbärmlichen und hoffnungslosen Lage vieler Pflegebedürftiger bleiben Scham und Zorn. Scham - weil eine Gesellschaft, die sich ihr gesundheitliches Wohlergehen mehr als 500 Milliarden Mark jährlich kosten lässt, ihre Gebrechlichsten zu Almosenempfängern degradiert und manchen gar das Nötigste vorenthält. Scham - weil nicht wenige Junge die gesetzliche Pflegeversicherung als Alibi betrachten, den Alten Zuwendung und Sorge zu entziehen, oder sich sogar an ihnen bereichern. Zorn - weil die Ärzteschaft, seit langem unfähig zur Selbststeuerung, sich ihre Ertragslage mehr angelegen sein lässt als die Erfüllung ihres Versorgungsauftrags. ... Zorn schließlich auch auf eine Politik, die Pflicht und Kür nicht mehr zu trennen vermag: Sie schenkt den Sirenengesängen der kommenden Biomedizin mehr Aufmerksamkeit als den aktuellen medizinischen Behandlungs- und Versorgungsnotwendigkeiten einer alternden Gesellschaft. (Spiegel Nr. 23/2001)

Müssen wir davon an den Feiertagen hören? Um Christi Willen, ja! Der hat gute Gründe, seinen Babypopo nicht in güldene Wiegen zu betten, sondern in das piekende Stroh einer Futterkrippe. Der Christus erhebt die Armut nicht zum christlichen Prinzip. Aber er kritisiert mit seinem bescheidenen und für das Leid der Menschen hellhörigen Leben einen Reichtum, der blind und taub macht für das Wort Gottes und für das Seufzen der Kreatur. 

Und so fängt in der Tat ab einem gewissen Reichtum das nächst größere Elend an: Blinde Augen, taube Ohren, harte Herzen. Wie viele Kinder wurden zu diesem Fest von einem Berg von Geschenken umarmt, statt von zärtlichen Armen? Wo gibt es noch eine richtige Welt zu entdecken in all dem multimedialen Geplärr und Gedudel, dass uns pausenlos umgibt. Die schöne immer neue Warenwelt übertaktet sich selbst und schließt die Räume für Muse, Gespräch und Zuwendung. Wachstum, mehr Wachstum, fordert die Wirtschaft. Welche Verehrung für ein Krebsgeschwür, das nie weiß, was es werden soll und unsere Welt Stück für Stück auffrisst. Im Scheinbaren bleibt kein Platz für das Wesentliche: Liebe, Freundschaft, Achtsamkeit, Wahrheit. Leer ist es oft geworden, nicht nur in unseren Gehirnen. 

Doch da hält an Weihnachten der Himmel sein gewaltiges Ohr an die Erde um denen zu lauschen, die keiner mehr hört. Der ewigreiche Gott gibt seinen Reichtum hin um als Mensch bei den Menschen zu sein, die verloren gingen oder sich selbst verloren haben. Weihnachten ist nicht zuletzt das Ereignis der Selbstbegrenzung Gottes zugunsten der Welt und ihrer Menschen, auf dass der lebendige Gott und wir sterblichen Menschen eine gemeinsame Zukunft haben. Die ist der wahre Reichtum des Glaubens. 

Wer den 2. Korintherbrief kennt, weiß, dass der Satz des Paulus, über den wir heute an Weihnachten nachdenken, einen Spendenaufruf begründen hilft. Die Korinther sollen spenden für die Gemeinde in Jerusalem. Paulus erinnert an die Armut der Menschwerdung Gottes. Paulus erinnert uns daran, dass Weihnachten nicht nur die vertikale Richtung hat, dass Gott aus dem Himmel zur Welt kommt. Weihnachten hat auch eine horizontale Richtung. Der Himmel der sein Ohr an die Erde legt um jeden Schrei und jeden Seufzer zu hören, möchte, dass wir mithören. Wir können nicht zur Krippe kommen und vorher die armen Hirten hinausschicken. In seiner Geburtsstunde ist um das Jesuskind das Elend dieser Welt versammelt und ohne die Wahrnehmung dieses Elends ist auch der Christus nicht zu haben. 

Still, still, still!, singt das Volklied an der Krippe. Aber bitte nicht, weil’s Kindlein schlafen will. An der Krippe gibt es was zu hören. Nicht nur der Engel helle Lieder, sondern auch das Seufzen der Kreatur. Auch das darf an Weihnachten nicht überhört werden. Um Christi Willen. 

Hintergrund: Michael de Ridder „Verwahrlost und verendet“
http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,138607,00.html 

Pfarrer Johannes Taig    (Hospitalkirche Hof)
(weitere Predigten von Pfarrer Taig finden Sie exklusiv  unter  www.kanzelgruss.de )

Text: 

Paulus schreibt: 

(9)Denn ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus: obwohl er reich ist, wurde er doch arm um euretwillen, damit ihr durch seine Armut reich würdet.


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