Predigt    2. Korinther 13/11-13    Trinitatis    26.05.02

"Durchblick auf ein lebenswertes Leben"
(von Pfr. Johannes Taig, Hospitalkirche)

Liebe Leser,

„Zu den Namen, die das Kind oder der Einwanderer erlernen muss, gehören auch die Namen, mit denen die Götter im Lande angerufen und ausgerufen werden. Für den Zuwanderer sind sie nicht leicht auszumachen, wechseln ihre Namen doch manchmal häufiger, als der Neuling sein Hemd. Untrüglich erkennt er sie jedoch daran, dass ihnen Opfer dargebracht werden - Opfer an Geld und Gut, Opfer an Leib und Leben. ... Überall dort, so lernt der Zugereiste, wo Namen herhalten müssen, um Unbegründbares zu begründen, Sinnloses mit Sinn zu versehen, Widersprüchliches auf einen Nenner zu bringen, Katastrophen schönzureden, liegt der Verdacht nahe, dass er es hier mit Gottheiten des Landes zu tun bekommt. Wenn er - zum Beispiel nur - kopfschüttelnd den Blechstau betrachtet, der die Wege im Lande blockiert, und wenn er dann aus verantwortlichem Munde vernimmt, solches sei nötig und sinnvoll im Interesse von (Arbeit und) Wohlstand, Mobilität und Freiheit, so weiß er, dass sich unter diesen Namen die Gottheit zeigt und verbirgt, der (auch) er sein Rauchopfer darzubringen hat.“ (K-H. Bieritz, in: GPM 1996, Heft 3, S.276) Dann wird der Gott der Arbeit und des Wohlstands, der Mobilität und der Freiheit auch mit ihm sein.

Damit ist die Frontlinie markiert, an der wir heute über das Wesen Gottes nachzudenken haben. Manchmal muss man einen Schritt zurücktreten, sich die Augen eines Kindes oder eines Fremden leihen, damit sich die eigene Welt einmal bis zur Kenntlichkeit entstellt. Es ist ja einfach nicht wahr, dass wir modernen Menschen immer weniger oder gar nichts glauben. Wer die derzeitige Diskussionen im Wahlkampf verfolgt, hört in jedem zweiten Satz ein Glaubensbekenntnis. Glauben sie uns, so tönt es uns in diesem Jahr aus allen politischen Richtungen in die Ohren. So glauben wir’s denn, oder auch nicht. Aber lieber glauben wir’s, bevor wir selbst dran glauben müssen.

Martin Luther hat einmal gesagt: Woran du dein Herz hängst, das ist eigentlich dein Gott. Und deshalb haben wir heute auch darüber nachzudenken, auf was wir uns verlassen, wem wir uns anvertrauen, wem wir dienen und was uns heilig ist.

Es ist eines der großen Probleme unserer Zeit, dass wir uns darüber so wenig Rechenschaft geben. Dass wir uns für freie, aufgeklärte, wissenschaftlich denkende Menschen halten, und dennoch unsere Glaubenssätze haben, ohne dass wir darüber reden und ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Da macht z.B. der letzte Spiegel mit einer Titelgeschichte auf, in der Hirnforscher die Region im Gehirn ausgemacht haben, in der Gottesvorstellungen und Glauben ihren Ursprung nehmen. Dagegen wird sich doch eine Tablette erfinden lassen. Fortpflanzung wird in Zukunft Dank Gentechnik viel perfekter sein, als die Natur sich das ausgedacht hat. Im hehren Gewand der Aufklärung kommen die neuen Götter des totalen Marktes und der Globalisierung daher. Sie sind an einem Menschen interessiert, der nicht mehr nach dem Sinn des Lebens, nach Gut und Böse oder nach Gott fragt, aber jeden Tag brav einkaufen geht. Wird dass dann eine schöne neue Welt, die wir wollen?

Wir wissen, dass unsere Erde ein einziges großes Lebenssystem ist. Alles hängt mit allem zusammen. In diesem großen Lebenssystem gibt es Untersysteme, die wir Ökosysteme nennen. Auch wir Menschen stehen diesem Lebenssystem nicht gegenüber, sondern wir sind mittendrin. Wenn wir diese Lebenssysteme im Großen oder Kleinen stören, oder gar zerstören, trifft es früher oder später alle. Das weiß heute jedes Kind.

Nein, es ist kein Zufall, dass der Gott, von dem Paulus spricht, dass der Gott den wir zu predigen haben, selbst eine Lebensgemeinschaft ist. Das ist ein Geheimnis der Trinität, der Dreieinigkeit. Gott lebt in der Gemeinschaft von Vater und Sohn, verbunden durch das Band der Liebe, dem Heiligen Geistes.

Es ist deshalb kein Zufall, dass auch Gottes Schöpfung auf Lebensgemeinschaft angelegt und festgelegt ist; dass die Gottesebenbildlichkeit des Menschen nicht in seinem aufrechten Gang oder seiner Vernunft und Sprache besteht, sondern darin, dass er fähig ist, selbst liebevolle Beziehungen zu seinesgleichen und seinen Mitgeschöpfen zu haben. Es ist kein Zufall, dass der Erlöser Jesus Christus, Menschen aus Isolation durch Krankheit und Schuld herausführt und in neue lebendige Gemeinschaft mit Gott bringt. Es ist kein Zufall, dass der Heilige Geist an Pfingsten Menschen durch das Evangelium beruft, sammelt, erleuchtet und heiligt. Es ist kein Zufall, dass Kirche familia dei, Familie Gottes sein soll und ist. Ein Leib, viele Glieder. Jedes hängt mit jedem zusammen. Nichts ist überflüssig.

Darum: Habt einerlei Sinn, seid friedsam. So wird der Gott des Friedens mit euch sein. Grüßt euch mit dem heiligen Kuss. Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.

Das sind keine kirchlichen Leerformeln. Hinter diesen Worten steckt Geschichte: Schöpfungsgeschichte, Christusgeschichte, Glaubensgeschichte. Und dieser Glaube führt uns nicht in religiöse Sonderwelten, sondern mitten ins Wesen Gottes und in das Wesen der Welt hinein. Weil beide durch die Schöpfung verbunden waren und durch den Christus neu verbunden wurden. Seither ist Gott auch ein Geheimnis der Welt. Ein Geheimnis, das wir bestaunen können und das uns sagt, was wir zu wissen, zu hoffen und zu tun haben. Und uns wieder eine Ahnung vermitteln kann von dem, was heilig ist.

Die Theologen in der Zeit der Weltkriege hatten gute Gründe, die Transzendenz, die Jenseitigkeit und Unverfügbarkeit Gottes zu betonen, angesichts einer nationalsozialistischen Volksbewegung, die behauptete, dass auch aus ihr Gottes Stimme spreche.

Wir haben gute Gründe heute die Immanenz, die Einwohnung Gottes in der Schöpfung zu betonen, angesichts eines blinden Materialismus, der die Lebenssysteme unserer Welt zu Sachen erklärt, die auf dem Altar von Arbeit, Wohlstand, Freiheit und Mobilität nach Belieben geopfert werden können. Wir haben gute Gründe laut die Stimme zu erheben gegen die technische Reduktion der Wirklichkeit, die weder unserer Welt noch dem Menschen gerecht wird. Ein Baum ist mehr als die in ihm enthaltenen Bretter und eine Wiese ist mehr als ein möglicher Industriestandort.

Wir haben gute Gründe, heute die Immanenz, die Einwohnung Gottes im Menschen zu betonen, angesichts eines blinden Materialismus, der den Menschen auf seine Arbeits- und Kaufkraft reduziert und ihn mit dem Versprechen neuer Arbeitsplätze dazu bringen will, auf soziale Gerechtigkeit, gesellschaftliche Solidarität mit den Schwachen und mehr Rücksicht auf die Umwelt zu verzichten. Wir sagen deshalb den selbsternannten Modernisierern auch in unserer Kirche: Nicht wir haben von der Wirtschaft und bei den Marketingstrategen zu lernen, sondern sie bei uns.

Denn wir als Glieder der christlichen Gemeinde wissen, auf welcher Seite wir in diesem Streit stehen im Blick auf die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes. Im Blick auf den Dreieinigen Gott, der in liebevoller Gemeinschaft lebt und sie seiner Schöpfung eingestiftet hat. Im Blick auf den dreieinigen Gott, in dessen Liebe die Gewinner und die Verlierer, die Starken und die Schwachen, die Kranken und die Gesunden, die Menschheit und alle Kreaturen Platz finden. Wer diesen Gemeinschaftsgedanken innerhalb der Gesellschaft und im Umgang mit der Natur aufgibt, bricht den Ast ab, auf dem wir alle sitzen. Er stellt das in Frage, was im Gefüge unserer Welt dem Wesen Gottes am meisten entspricht und uns deshalb heilig sein sollte. Hier gilt: Gott lässt sich nicht spotten (Gal. 6/7).

Deshalb zuletzt, liebe Schwestern und Brüder, lasst euch zurecht bringen, lasst euch mahnen, habt einerlei Sinn. Ja, vielleicht ist es das, was wir am dringendsten brauchen: Einerlei Sinn, für das, was wichtig und heilig ist. Durchblick auf ein lebenswertes Leben, das ohne die Zerstörung von Lebensgemeinschaft auskommt. Dann wird der Gott des Friedens und der Liebe mit uns sein.


Pfarrer Johannes Taig    (Hospitalkirche Hof)
(weitere Predigten von Pfarrer Taig finden Sie exklusiv  unter  www.kanzelgruss.de )

Text: 

13,11 Zuletzt, liebe Brüder, freut euch, lasst euch zurecht bringen, lasst euch mahnen, habt einerlei Sinn, haltet Frieden! So wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein.
13,12 Grüßt euch untereinander mit dem heiligen Kuss. Es grüßen euch alle Heiligen.
13,13 Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen!
 


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