Predigt    2.Korinther 4/6-10    Letzter Sonntag nach Epiphanias    01.02.04

"... verzweifeln aber nicht"
(von Pfr. Martin Adel, Dreieinigkeitskirche Hof)

Liebe Leser,

einen wunderschönen Text, den wir heute in der Predigt zum Nachdenken aufbekommen haben. Ein würdiger Abschluss für die Weihnachts- und Epiphaniaszeit. Ein kräftiges Wort. Ein stärkendes Wort.

1. Erleuchtung

Doch ich zögere etwas. Ist das nicht zu vollmundig „sodass wir erleuchtet wurden“. Wer kann das schon sagen. Und ich frage mich: Bin ich erleuchtet? Oder dürfen wir uns nicht zu den Vertrauten des Paulus zählen? Schreibt er nicht uns, der Gemeinde Jesu Christi: Denn Gott, der gesagt hat: Aus der Finsternis soll Licht aufstrahlen! - damals, am Anfang der Welt, als er die Welt erschaffen hat und kein geringerer ist dieser unser Gott ja. Dieser Gott - ist es, der es in unsern Herzen hat aufstrahlen lassen, sodass wir erleuchtet wurden durch die Erkenntnis von der Herrlichkeit Gottes aus dem Angesicht Christi.

„Sodass wir erleuchtet wurden.“ Steht da – nicht: vielleicht erleuchtet werden. Erleuchtet wurden. Ist das zu großspurig? Oder nehmen wir Gott nicht ernst.
Er meint es ernst mit uns! Und wir? Und er hat seinen Sohn in unsere Welt geschickt, das glauben wird – da können sie noch soviel wirres Zeug im Geo oder im Spiegel oder in der Bildzeitung schreiben. Komisch: Wir glauben doch sonst auch fast jeden Blödsinn, aber da? Plötzlich fangen wir an: Ob das so alles stimmt, mit Jesus und mit den Jüngern und mit Gott. Aus der sicheren Distanz wollen wir glauben. Nicht: vertrauen, sich verlassen. Aus der sicheren Distanz wollen wir glauben. Doch das klappt nicht. „A weng“ geht halt nur schwer. A weng leben, a weng wafen, a weng sterben, a weng erleuchtet. sodass wir (a wenig) erleuchtet wurden durch die Erkenntnis von der Herrlichkeit Gottes aus dem Angesicht Christi.

Wovor fürchten wir uns? Dass wir nicht mehr so leben könnten wie wir jetzt leben? Wer sagt das. Fürchten wir uns so vor unserem eigenen Leben? Und wenn wir sofort wüssten, wo wir uns denn verändern müssten, dann ist das doch unsere Befürchtung und nicht die Gottes. Wovor fürchten wir uns, wenn wir mit Paulus sprechen würden: sodass wir erleuchtet wurden durch die Erkenntnis von der Herrlichkeit Gottes aus dem Angesicht Christi. Und wenn uns etwas fehlt, wäre es nicht gerade dann gut zu unserem Herrgott zu gehen und um „Erleuchtung“ zu beten. Oder gefallen uns die Erleuchtungen in der Welt schon so gut, dass wir gar nicht mehr mehr wollen?

2. Das ganze Leben?

Schauen wir hinaus. Schauen wir doch hinaus in die Welt, was sie uns anbietet als das erfüllte und erleuchtete Leben. Ich brauche es gar nicht weiter aufzählen, wir kennen es alle. Schließlich leben wir in dieser Welt. Und diese Welt lebt von der permanenten Blendung und der Erzeugung von Unzufriedenheiten. Doch das sind wir und sie spricht uns so an, weil wir so sind. Und was wird uns nicht alles versprochen, wenn wir den großen und kleinen Verführern folgen: Glück und Erfolg und Gesundheit und Wohlstand und Spaß und Schönheit und Aufmerksamkeit und, und, und ...

Und das muss ja auch so sein, denn: Würden wir ein Auto kaufen, von dem es heißt: nach 6 Jahren fängt es auch an zu rosten und die Sitze sind durchgesessen und das elektrische Schiebedach lässt sich nicht mehr öffnen, doch der Motor wird durchhalten und wird sie noch weitere 100.000 km fahren. Würden sie eine Feuchtigkeitscreme kaufen, für die geworben wird: Sie bleiben so alt, wie sie sind und ihre Falten bleiben auch, aber die Creme wird ihrer ausgetrockneten Haut gut tun und der kalte Ostwind bringt die Finger nicht mehr so schnell zum Aufreißen. Nein – das wollen wir nicht hören. Märchen wollen wir hören, weil wir uns schon genug am Leben abkämpfen. Davon-träumen, weil uns die Wirklichkeit so oft schon enttäuscht hat. Sich selbst verwöhnen, weil die Realität so hart ist.

3. „verzweifeln aber nicht.“

Und dann spricht Paulus von Erleuchtung und Erkenntnis von der Herrlichkeit Gottes. Und schauen wir uns doch an, womit er uns verführen und verlocken will. Und wir ahnen es schon: Mit seiner Botschaft kann er sich nur schwer auf dem „Markt“ des Glitzers und Glimmers behaupten. Und das will er auch gar nicht. An was glauben wir denn?

Letztes Jahr ist jemand aus unserer Gemeinde ausgetreten, weil er einen Unfall hatte und seither an den Rollstuhl gefesselt ist und vorletztes Jahr jemand, weil wir ihn bei einer Baumaßnahme übergangen haben. Natürlich sind das alles verständliche Gründe. Enttäuschung von einem Gott, von dem man sich Segen und Heil versprochen hat. Aufmerksamkeit zumindest von der eigenen Gemeinde, wenn schon andere einen übersehen. Verständliche Gründe, nachvollziehbare Gründe. Aber geht denn die Rechnung auf.

Welche Versprechungen macht uns denn Gott: Viel Glück und viel Segen, auf all deinen Wegen, Gesundheit und Wohlstand sei auch mit dabei. Wir haben immer noch nicht begriffen, dass das Kind in der Krippe am Kreuz sterben wird und dort der Beginn des Neuen Lebens zu finden ist. Aber Paulus weiß das, Gott sei Dank. Und tun wir nicht so, als ob wir es besser wüssten als Paulus und die, die es damals selbst erlebt haben. Gerade deswegen kann er die Gemeinden als die von Gott erleuchtete ansprechen, weil sie wissen, was das ganze Leben ist. Sie bestaunen nicht das idyllische Kind in der Krippe, sondern das Kreuz und die Auferstehung Jesu sind ihnen aufgegangen und von dort her betrachten sie das Kind in der Krippe, den Heiland der Welt. Hören wir doch noch einmal, was Paulus uns verspricht, wenn wir uns denn zu Gott halten:

Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, damit die überragende Größe der Kraft Gott angehöre und nicht von uns stamme. In allem werden wir bedrängt, aber nicht in die Enge getrieben, in Zweifel versetzt, aber nicht in Verzweiflung, verfolgt, aber nicht verlassen, zu Boden geworfen, aber nicht vernichtet; allezeit tragen wir das Sterben Jesu am Leibe herum, damit auch das Leben Jesu an unsrem Leibe offenbar werde.

Das ist die einzigartige Kraft Gottes und das Wunder seiner Erleuchtung. Die Wirklichkeit muss gerade nicht verdrängt und überspielt werden – weil wir gerade nicht den Sirenen verfallen sind, die uns täglich unsere Soma verabreichen, wie A. Huxley in seiner „Schönen neuen Welt“ beschreibt. Wer glaubt, sagt: Hier ist Leid. Hier ist Zwietracht. Hier ist Streit und Unverständnis. Hier ist Ungerechtigkeit und Schmerz und Krankheit und Altwerden und Scheitern. Und Gott wischt das nicht einfach mit einem Federstreich hinweg, nur weil wir glauben.  Doch er sagt auch – und das verheimlicht er nicht, weil er sonst die Wahrheit verheimlichen würde.  Er sagt: Da ist Bedrängnis, doch der Glaube hilft uns, dass wir nicht in die Enge getrieben werden. Verlass dich darauf.

Und hier erinnert Paulus uns: Du lebst nicht aus dir selbst. Du bist nicht aus dir selbst geworden. Dann versuch auch nicht immer aus dir selbst zu leben. Gerade weil unser Leben so verletzlich ist und es so viele Situationen in unserem Leben gibt, in denen man keinen Weg mehr weiß, gerade deswegen wird es Zeit sich darauf zu besinnen, wer letztlich tragen wird und halten wird. Verlasse dich! Im wörtlichen Sinne: Verlasse dich!

Das ist doch die Erleuchtung. Dass ich mir nichts mehr vormachen muss. Das meint die Erleuchtung, das Vertrauen darauf, dass es einen Zukunft für mich gibt, ein Zukunft hier und eine Zukunft danach. Wie klein doch oft unsere Vorstellung und unsere Gedanken sind. Krampfhaft festhaltend verbeißen wir uns an dem, wie es sein soll und sein muss und bleiben dabei unglücklich und unzufrieden und finden keine Ruhe, weil das Glück immer noch wo anders sein könnte. Wie anders klingen hier die Worte unseres Predigttextes:

In allem werden wir bedrängt, aber nicht in die Enge getrieben, in Zweifel versetzt, aber nicht in Verzweiflung, verfolgt, aber nicht verlassen, zu Boden geworfen, aber nicht vernichtet.

Wahrscheinlich liegt gerade darin das Faszinierende von Menschen, die ihre Krankheiten tapfer ertragen oder sich mit aller Hingabe um die Schwachen und Armen kümmern. Für sie ist das eigene Leben wichtig, aber nicht mehr das Wichtigste. Und das ist wahrscheinlich die größte Veränderung in meinem Leben, wenn ich glaube, dass mein „Ich“ nicht mehr die alles entscheidende Rolle spielt, sondern dass ich befreit werde von dem andauernden Kurven und Kreisen und Sorgen um mich selbst und mein Glück und meine Gesundheit und mein Nicht-zu-kurz-Kommen, weil ich eingebetet bin ein Größeres und Ewigeres, in die Schöpfung Gottes und die Auferstehung in seinem Sohn.

Allezeit tragen wir das Sterben Jesu am Leibe herum, damit auch das Leben Jesu an unsrem Leibe offenbar werde. Das sind die Versprechungen, die uns Gott macht. Die reale Welt. Die ganze Welt. Und sie wird dich in Zweifel versetzen, aber nicht mehr in Verzweiflung. Sie wird dich zu Boden werfen, aber nicht mehr vernichten, weil du geschmeckt hast von der Erleuchtung und der Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes.

Bin ich erleuchtet? Sind sie erleuchtet? habe ich am Anfang gefragt. Haben wir keine Angst davor – denn die Welt, die sich dahinter erschließt ist die ganze Welt und das Leben, das ganze Leben. Und der Weg dahin? Er ist einfach. So einfach wie es der Mystiker und Benediktiner Willigis Jäger von seinem Meister berichtet: Er schreibt: „Sein Meister habe drei Tage lang gelacht, als er dies entscheidende geistliche Erfahrung gemacht habe. Seine Frau habe gedacht, er sei verrückt geworden. Aber er lachte einfach nur, weil die „Erleuchtung“ so einfach war – er war nur „aufgewacht“ und hatte festgestellt, dass die Wirklichkeit ganz banal und doch vollkommen war.“

Pfarrer Martin Adel   (Dreieinigkeitskirche Hof)

Text: 

Paulus schreibt

6 Denn Gott, der gesagt hat: Aus der Finsternis soll Licht aufstrahlen! er ist es, der es in unsern Herzen hat aufstrahlen lassen, sodass wir erleuchtet wurden durch die Erkenntnis von der Herrlichkeit Gottes aus dem Angesicht Christi.
7 Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, damit die überragende Größe der Kraft Gott angehöre und nicht von uns stamme.
8 In allem werden wir bedrängt, aber nicht in die Enge getrieben, in Zweifel versetzt, aber nicht in Verzweiflung,
9 verfolgt, aber nicht verlassen, zu Boden geworfen, aber nicht vernichtet;
10 allezeit tragen wir das Sterben Jesu am Leibe herum, damit auch das Leben Jesu an unsrem Leibe offenbar werde.
(nach der Züricher Bibel)


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