| Liebe Leser,
im Weihnachtsticker des
WDR war am 23.12. des letzten Jahres folgendes zu lesen: „Mit
der Gottgläubigkeit der Deutschen ist es offenbar nicht mehr weit
her: Weniger als ein Viertel der Bundesbürger betet regelmäßig, wie
aus einer von der Tageszeitung „Welt“
veröffentlichten Meinungsumfrage des Emnid-Instituts hervorgeht. Nur
17 Prozent besuchen halbwegs regelmäßig einen Gottesdienst. Auch
beim Weihnachtsfest stehen nur noch für sieben Prozent der Befragten
religiöse Motive und der Gottesdienst-Besuch im Vordergrund. 84
Prozent gaben an, das Zusammensein mit der Familie sei das
Wichtigste an Heiligabend. „Weihnachten ist vom Fest des Glaubens
zum Fest der Familie geworden“, wird Emnid-Chef Peter Schöppner
zitiert.“
Ja, ich glaube, das ist unsere Realität. Kein
Vorwurf, keine Mahnpredigt. Einfach eine Feststellung. Weihnachten
ist kein Fest des Glaubens mehr. Die Familie trifft sich – und das
ist hoffentlich schön. Etliche betrinken sich bereits beim Essen und
finden das auch schön. Andere gehen dann später in die Stadt in die
Kneipe. Manche fliegen gleich noch am 23. in den Süden. Realität in
Deutschland. So real, wie der viele Streit zu Weihnachten und die
vielen enttäuschten Erwartungen. Und dazwischen unschuldige und
glückliche Kinderaugen und die Freude, einmal in Geschenken baden zu
können. Wir stehen eine Woche vor dem großen
Ereignis und wer heute in einem Gottesdienst sitzt hat zumindest
eine Ahnung, dass Weihnachten irgendwie auch noch etwas anderes sein
muss als das, was wir die letzten Wochen erleben.
Die Katastrophen passen nicht ins Bild
Die einen sagen: Bleib mir bloß vom Leib mit der ganzen
Gefühlsduselei – das stimmte schon früher nicht. Und die anderen
suchen gerade dieses Gefühl von früher, als die Welt noch irgendwie
in Ordnung war, zumindest die, in der man lebte.
Und dann geschehen gerade immer zu Weihnachten, wo es doch um
ein bisschen heile Welt geht – zumindest in diesen Tagen, bitte –
und dann geschehen gerade da diese Dinge, die man so gar nicht haben
möchte: Ein Geschenk vergessen oder die Christbaumkerzen verlegt
oder das Essen angebrannt oder das Bein gebrochen oder die Oma
gestorben oder mit der Mutter zerstritten. Ausgerechnet jetzt. Die
ganze Stimmung ist kaputt. Da mag man doch gar nicht mehr
Weihnachten feiern.
Auch die Welt lässt einen nicht in Ruhe. 2004 der Tsunami – 2003 das
schwere Erdbeben im Iran – 2002 – die Überschwemmungsfolgen in
Sachsen. Abergläubische und Endzeit-Propheten fragten
bedeutungsschwanger: Mag es vielleicht zusammenhängen, das Fest und
die Katastrophen? Warum gerade zu
Weihnachten. Könnte nicht die Welt ein bisschen Ruhe halten.
Zumindest für einen Augenblick! Ja. Schön
wäre es. Aber es ist nicht so. Es war noch nie so. Zumindest nicht
im Allgemeinen. Sondern immer nur im Besonderen: Der Friede war
nicht im Palast des Herodes, sondern im Stall. Die Berührung Gottes
verspürten nicht alle Hirten, sondern die, die nach Bethlehem zum
Kind kamen. Während die einen sich auf das Kindermorden übten und
vorbereiteten, begegnen die drei Waisen dem Heiland der Welt und
Simon darf in Frieden sterben.
Weihnachten ohne Gott feiern ist sehr
anstrengend
So schön es wäre, dass zumindest Weihnachten eine Art „Feuerpause“
wäre – es ist nicht so. Das ist unser Wunsch, aber nicht
Wirklichkeit. Und von außen können wir es auch nicht machen. Sondern
innen muss es Weihnachten werden. Ja. Es ist
schwer, Weihnachten ohne Gott zu feiern. Keine Angst. Den äußeren
Rahmen schaffen wir schon noch eine Weile. Keiner wird es uns nehmen
können, dieses Weihnachten. Und wenn sich alle möglichen
Handelskammern und Werbestrategen und Rundfunkanstalten
zusammenschließen müssten. Es wäre doch gelacht. Haben wir Halloween
erfolgreich platziert, werden wir doch so ein traditionsbeladenes
Fest wie Weihnachten halten können.
Und es stimmt trotzdem: Weihnachten ohne Gott zu feiern ist auf
Dauer gesehen sehr anstrengend. Die Geschenke können wir kaufen, die
Familie versuchen zusammenzutrommeln, doch selbst da braucht es
schon manchmal einen gewissen Druck oder das Auffahren der ganzen
Gefühlspalette von Kränkung, Enttäuschung oder zum Schluss
Erpressung: Dann gibt's halt keine Geschenke.
Ist das Sinn dieses Festes? Ja, es ist
wirklich schwer, Weihnachten auf Dauer ohne Gott zu feiern.
Christus das Ja aller Verheißungen Gottes
Der Anfang war jedenfalls anders. Auch in den Erfahren vieler von
uns. Es war wirklich ein Gefühl von Frieden da und von heiler Welt.
Und die Geschenke waren wichtig. Aber eben auch die Kirche und die
Weihnachtsgeschichte und irgendwie auch der Glaube an diesen Heiland
der Welt. Und dann wurde unsere Welt größer und der Glaube kleiner
und die Erwartungen enttäuschter.
Aber wir sollten uns vor Augen halten: Der Apostel Paulus lebte in
der gleichen Welt wie wir, nur etwas unkomfortabler. Da war auch
Erfolg und Misserfolg. Da war genauso Arbeitslosigkeit und Krieg und
Willkür und Todesstrafe und alles, was wir auch heute noch kennen.
Er hatte zwar kein Auto und kein Handy, doch rumgekommen ist dieser
Paulus wahrscheinlich mehr, als die meisten von uns. Die
Menschenrechte waren auch noch nicht bekannt und
auch damals gab es genug Willkür, um bestehendes Rechte auszusetzen.
Also, herausreden können wir uns nicht, dass der Paulus
leicht reden hätte, vor allem nicht, wenn wir seinen Leidenskatalog
kennen (2 Kor 11,16ff;). Und trotzdem schreibt dieser Paulus das
auf, was wir heute als Predigttext für den 4. Advent verordnet
haben:
Predigttext
Ja. Christus ist das Ja Gottes zu seinen Verheißungen. Was heißt
das? Was bedeutet das für das bevorstehende
Weihnachtsfest? Wir müssen ihm schon glauben,
wenn wir es erleben wollen. Und gleichzeitig
heißt es: Reden wir uns nicht etwas ein, was nicht ist. Produzieren
wir nicht etwas, wenn wir es nicht so erleben. Wenn wir uns selbst
nicht als Beschenkte von Gott fühlen, dann müssen wir auch nicht den
Retter der Welt feiern. Und reden wir es uns nicht ein, wenn es
nicht da ist, dieses Gefühl von Weihnachten.
Kein Mensch hat dem Paulus gesagt, er muss so reden. Sondern er
redet so und gibt es weiter, weil er es selbst so lebt und erlebt
hat. In der Krippe finden wir das Ja Gottes
zu seinen Verheißungen. Und er wird abwischen alle Tränen! Das hat
Paulus erlebt – in allen Tränen. Und der Tod wir nicht mehr sein und
die Schrecken des Todes werden nicht die letzte Macht über
mich mehr haben – trotz allen Leidens und
aller Schrecken.
Paulus musste so viele Vorstellungen aufgeben und ist dabei zum
eigentlichen Weihnachten, zum Grund von Weihnachten gekommen.
Christus ist das Ja aller Verheißungen Gottes und nicht
unsere Welt oder unsere Erwartungen und Vorstellung. Wir müssen uns
verlassen und uns auf sein Ja verlassen. Hier finde ich den Ort, an
dem meine Seele gesundet. Und diese Seele
gesundet auch in der Krankheit, und sie wird frei auch in der
Verfolgung und sie findet Ruhe im Sturm und gewährt Frieden im
Krieg. Und das alles nicht, weil die Welt
friedlicher oder die Menschen freundlicher oder die Geschäfte besser
gelaufen wären.
Das alles, weil Paulus selbst den Frieden in Gott geschmeckt und
gesehen und gefühlt hat. Und er kann von beidem erzählen und beides
leben: Nähe und Distanz, Liebe und Verlust, Wünsche und Enttäuschen
... Weil er getragen ist von diesem Ja Gottes, das kein Nein und
schon gar kein Jein ist. Sondern Gottes Ja. Und dann schreibt er
später an die Römer: "Denn ich bin gewiss,
dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten,
weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes
noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die
in Christus Jesus ist, unserm Herrn." (Rm
8,38-39)
Darum feiern wir Weihnachten und darum beschenken wir uns und laden
die Familie und Freunde ein. Weil das Ja
Gottes zu uns Menschen in der Krippe sichtbar wird. Und diesen Geist
hat Paulus geschmeckt, und diesen Geist haben wir empfangen.
Und der Weihnachtsmarkt bleibt der Weihnachtsmarkt und wir
flanieren darüber oder nicht. Aber wir wissen wieder den Unterschied
zwischen dem Treiben draußen und dem eigentlichen Grund.
Darum sprechen wir auch durch ihn das Amen, Gott zu Lobe.
Gott ist's aber, der uns befestigt samt euch
in Christus und uns gesalbt und versiegelt und in unsre Herzen als
Unterpfand den Geist gegeben hat. Das wollen
glauben und nachleben und nachforschen, darauf wollen wir uns
vorbereiten, auf dass es Weihnachten werde.
Pfarrer
Martin Adel
(Dreieinigkeitskirche
Hof)
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Text:
Paulus schreibt:
18 Gott ist mein Zeuge, dass unser Wort an
euch nicht Ja und Nein zugleich ist.
19 Denn der Sohn Gottes, Jesus Christus, der unter euch durch uns
gepredigt worden ist, durch mich und Silvanus und Timotheus, der war
nicht Ja und Nein, sondern es war Ja in ihm.
20 Denn auf alle Gottesverheißungen ist in ihm das Ja; darum
sprechen wir auch durch ihn das Amen, Gott zum Lobe.
21 Gott ist's aber, der uns fest macht samt euch in Christus und uns
gesalbt
22 und versiegelt und in unsre Herzen als Unterpfand den Geist
gegeben hat. |