Predigt    2.Korinther 1/18-22   4. Advent   18.12.05

"Weihnachten ohne Gott?"
(Von Pfarrer Martin Adel, Dreieinigkeit Hof)

Liebe Leser,

im Weihnachtsticker des WDR war am 23.12. des letzten Jahres folgendes zu lesen: „Mit der Gottgläubigkeit der Deutschen ist es offenbar nicht mehr weit her: Weniger als ein Viertel der Bundesbürger betet regelmäßig, wie aus einer von der Tageszeitung „Welt“ veröffentlichten Meinungsumfrage des Emnid-Instituts hervorgeht. Nur 17 Prozent besuchen halbwegs regelmäßig einen Gottesdienst. Auch beim Weihnachtsfest stehen nur noch für sieben Prozent der Befragten religiöse Motive und der Gottesdienst-Besuch im Vordergrund. 84 Prozent gaben an, das Zusammensein mit der Familie sei das Wichtigste an Heiligabend. „Weihnachten ist vom Fest des Glaubens zum Fest der Familie geworden“, wird Emnid-Chef Peter Schöppner zitiert.“

Ja, ich glaube, das ist unsere Realität. Kein Vorwurf, keine Mahnpredigt. Einfach eine Feststellung. Weihnachten ist kein Fest des Glaubens mehr. Die Familie trifft sich – und das ist hoffentlich schön. Etliche betrinken sich bereits beim Essen und finden das auch schön. Andere gehen dann später in die Stadt in die Kneipe. Manche fliegen gleich noch am 23. in den Süden. Realität in Deutschland. So real, wie der viele Streit zu Weihnachten und die vielen enttäuschten Erwartungen. Und dazwischen unschuldige und glückliche Kinderaugen und die Freude, einmal in Geschenken baden zu können. Wir stehen eine Woche vor dem großen Ereignis und wer heute in einem Gottesdienst sitzt hat zumindest eine Ahnung, dass Weihnachten irgendwie auch noch etwas anderes sein muss als das, was wir die letzten Wochen erleben.

Die Katastrophen passen nicht ins Bild

Die einen sagen: Bleib mir bloß vom Leib mit der ganzen Gefühlsduselei – das stimmte schon früher nicht. Und die anderen suchen gerade dieses Gefühl von früher, als die Welt noch irgendwie in Ordnung war, zumindest die, in der man lebte. Und dann geschehen gerade immer zu Weihnachten, wo es doch um ein bisschen heile Welt geht – zumindest in diesen Tagen, bitte – und dann geschehen gerade da diese Dinge, die man so gar nicht haben möchte: Ein Geschenk vergessen oder die Christbaumkerzen verlegt oder das Essen angebrannt oder das Bein gebrochen oder die Oma gestorben oder mit der Mutter zerstritten. Ausgerechnet jetzt. Die ganze Stimmung ist kaputt. Da mag man doch gar nicht mehr Weihnachten feiern.

Auch die Welt lässt einen nicht in Ruhe. 2004 der Tsunami – 2003 das schwere Erdbeben im Iran – 2002 – die Überschwemmungsfolgen in Sachsen. Abergläubische und Endzeit-Propheten fragten bedeutungsschwanger: Mag es vielleicht zusammenhängen, das Fest und die Katastrophen? Warum gerade zu Weihnachten. Könnte nicht die Welt ein bisschen Ruhe halten. Zumindest für einen Augenblick! Ja. Schön wäre es. Aber es ist nicht so. Es war noch nie so. Zumindest nicht im Allgemeinen. Sondern immer nur im Besonderen: Der Friede war nicht im Palast des Herodes, sondern im Stall. Die Berührung Gottes verspürten nicht alle Hirten, sondern die, die nach Bethlehem zum Kind kamen. Während die einen sich auf das Kindermorden übten und vorbereiteten, begegnen die drei Waisen dem Heiland der Welt und Simon darf in Frieden sterben.

Weihnachten ohne Gott feiern ist sehr anstrengend

So schön es wäre, dass zumindest Weihnachten eine Art „Feuerpause“ wäre – es ist nicht so. Das ist unser Wunsch, aber nicht Wirklichkeit. Und von außen können wir es auch nicht machen. Sondern innen muss es Weihnachten werden. Ja. Es ist schwer, Weihnachten ohne Gott zu feiern. Keine Angst. Den äußeren Rahmen schaffen wir schon noch eine Weile. Keiner wird es uns nehmen können, dieses Weihnachten. Und wenn sich alle möglichen Handelskammern und Werbestrategen und Rundfunkanstalten zusammenschließen müssten. Es wäre doch gelacht. Haben wir Halloween erfolgreich platziert, werden wir doch so ein traditionsbeladenes Fest wie Weihnachten halten können.

Und es stimmt trotzdem: Weihnachten ohne Gott zu feiern ist auf Dauer gesehen sehr anstrengend. Die Geschenke können wir kaufen, die Familie versuchen zusammenzutrommeln, doch selbst da braucht es schon manchmal einen gewissen Druck oder das Auffahren der ganzen Gefühlspalette von Kränkung, Enttäuschung oder zum Schluss Erpressung: Dann gibt's halt keine Geschenke. Ist das Sinn dieses Festes? Ja, es ist wirklich schwer, Weihnachten auf Dauer ohne Gott zu feiern.

Christus das Ja aller Verheißungen Gottes

Der Anfang war jedenfalls anders. Auch in den Erfahren vieler von uns. Es war wirklich ein Gefühl von Frieden da und von heiler Welt. Und die Geschenke waren wichtig. Aber eben auch die Kirche und die Weihnachtsgeschichte und irgendwie auch der Glaube an diesen Heiland der Welt. Und dann wurde unsere Welt größer und der Glaube kleiner und die Erwartungen enttäuschter.

Aber wir sollten uns vor Augen halten: Der Apostel Paulus lebte in der gleichen Welt wie wir, nur etwas unkomfortabler. Da war auch Erfolg und Misserfolg. Da war genauso Arbeitslosigkeit und Krieg und Willkür und Todesstrafe und alles, was wir auch heute noch kennen. Er hatte zwar kein Auto und kein Handy, doch rumgekommen ist dieser Paulus wahrscheinlich mehr, als die meisten von uns. Die Menschenrechte waren auch noch nicht bekannt und auch damals gab es genug Willkür, um bestehendes Rechte auszusetzen. Also, herausreden können wir uns nicht, dass der Paulus leicht reden hätte, vor allem nicht, wenn wir seinen Leidenskatalog kennen (2 Kor 11,16ff;). Und trotzdem schreibt dieser Paulus das auf, was wir heute als Predigttext für den 4. Advent verordnet haben:

Predigttext

Ja. Christus ist das Ja Gottes zu seinen Verheißungen. Was heißt das? Was bedeutet das für das bevorstehende Weihnachtsfest? Wir müssen ihm schon glauben, wenn wir es erleben wollen. Und gleichzeitig heißt es: Reden wir uns nicht etwas ein, was nicht ist. Produzieren wir nicht etwas, wenn wir es nicht so erleben. Wenn wir uns selbst nicht als Beschenkte von Gott fühlen, dann müssen wir auch nicht den Retter der Welt feiern. Und reden wir es uns nicht ein, wenn es nicht da ist, dieses Gefühl von Weihnachten.

Kein Mensch hat dem Paulus gesagt, er muss so reden. Sondern er redet so und gibt es weiter, weil er es selbst so lebt und erlebt hat. In der Krippe finden wir das Ja Gottes zu seinen Verheißungen. Und er wird abwischen alle Tränen! Das hat Paulus erlebt – in allen Tränen. Und der Tod wir nicht mehr sein und die Schrecken des Todes werden nicht die letzte Macht über mich mehr haben – trotz allen Leidens und aller Schrecken.

Paulus musste so viele Vorstellungen aufgeben und ist dabei zum eigentlichen Weihnachten, zum Grund von Weihnachten gekommen. Christus ist das Ja aller Verheißungen Gottes und nicht unsere Welt oder unsere Erwartungen und Vorstellung. Wir müssen uns verlassen und uns auf sein Ja verlassen. Hier finde ich den Ort, an dem meine Seele gesundet. Und diese Seele gesundet auch in der Krankheit, und sie wird frei auch in der Verfolgung und sie findet Ruhe im Sturm und gewährt Frieden im Krieg. Und das alles nicht, weil die Welt friedlicher oder die Menschen freundlicher oder die Geschäfte besser gelaufen wären.

Das alles, weil Paulus selbst den Frieden in Gott geschmeckt und gesehen und gefühlt hat. Und er kann von beidem erzählen und beides leben: Nähe und Distanz, Liebe und Verlust, Wünsche und Enttäuschen ... Weil er getragen ist von diesem Ja Gottes, das kein Nein und schon gar kein Jein ist. Sondern Gottes Ja. Und dann schreibt er später an die Römer: "Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges,  weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn." (Rm 8,38-39)

Darum feiern wir Weihnachten und darum beschenken wir uns und laden die Familie und Freunde ein. Weil das Ja Gottes zu uns Menschen in der Krippe sichtbar wird. Und diesen Geist hat Paulus geschmeckt, und diesen Geist haben wir empfangen. Und der Weihnachtsmarkt bleibt der Weihnachtsmarkt und wir flanieren darüber oder nicht. Aber wir wissen wieder den Unterschied zwischen dem Treiben draußen und dem eigentlichen Grund. Darum sprechen wir auch durch ihn das Amen, Gott zu Lobe. Gott ist's aber, der uns befestigt samt euch in Christus und uns gesalbt und versiegelt und in unsre Herzen als Unterpfand den Geist gegeben hat. Das wollen glauben und nachleben und nachforschen, darauf wollen wir uns vorbereiten, auf dass es Weihnachten werde.

Pfarrer Martin Adel   (Dreieinigkeitskirche Hof)

Text: 

Paulus schreibt:

18 Gott ist mein Zeuge, dass unser Wort an euch nicht Ja und Nein zugleich ist.
19 Denn der Sohn Gottes, Jesus Christus, der unter euch durch uns gepredigt worden ist, durch mich und Silvanus und Timotheus, der war nicht Ja und Nein, sondern es war Ja in ihm.
20 Denn auf alle Gottesverheißungen ist in ihm das Ja; darum sprechen wir auch durch ihn das Amen, Gott zum Lobe.
21 Gott ist's aber, der uns fest macht samt euch in Christus und uns gesalbt
22 und versiegelt und in unsre Herzen als Unterpfand den Geist gegeben hat.


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