Predigt 1.Timotheus 3/16 Heiliger Abend 24.12.01
"Allah ist
groß - unser Gott kann sich klein machen!"
(von Pfr. Johannes Taig, Hospitalkirche)
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Liebe Leser, Frohe Weihnachten, das wünschen wir uns heute und davon singen und sagen wir in der Heiligen Nacht. Denn die frohe Weihnachtsbotschaft will nicht doziert und diskutiert, sondern gesungen werden. Kein Wunder, dass dieses Wunder an diesem Abend nicht vorrangig vom Pfarrer, sondern durch die Kehlen der Sänger und mit Geigen und Orgelpfeifen gepredigt wird – bis auch die übers Jahr religiös Unmusikalischen mitsummen und die Melodien Geist und Herz zum Klingen bringen. Aber jedes ordentliche Lied hat auch einen Text. Und der Vers aus dem Timotheusbrief ist ein solcher Liedtext. Als wäre dem Apostel Paulus, als er diesen Brief an seinen Mitarbeiter und Freund schrieb, der Gedankenfluss durch einen unvermittelt in ihm aufsteigendenden Gesang unterbrochen worden. Und so steckt in diesen kurzen Zeilen eine gewaltige Symphonie, die vom Himmel herabsteigt zur Erde und wieder hinauf und wieder hinunter und wieder hinauf. Und wie in allen guten Liedern wird ein Geheimnis besungen. Die Liebe ist eins. Das Leben ist eins. Gott ist eins und der Glaube. Und von letzterem handelt dieses Weihnachtslied. Es besingt nichts Geringeres, als dass an Weihnachten der Himmel zur Erde und die Erde zum Himmel kommt. Es besingt nichts Geringeres, als dass Gott ein Mensch wird; ein Gott mit menschlichem Gesicht; ein Gott mit Hand und Fuß sozusagen. Welch eine Ehre für das Fleisch, wie Paulus den Menschen nennt. Gott ist offenbart im Fleisch. Und da bleibt keiner, was er vorher war. Nicht Gott und nicht wir. An Weihnachten wird alles anders. Wir haben im vergangenen Jahr viele garstige Lieder hören müssen über den Menschen und über das, was sich Glauben nennt. Der 11. September wurde zum Wort des Jahres. Die grausigen Attentate der Islamisten haben nicht nur den Islam, sondern den Glauben überhaupt in Generalverdacht gebracht. Solange es Religionen gibt, wird es solche Untaten geben, tönte es selbstvergessen aus dem Munde so mancher Religionsverächter. Selbstvergessen, weil die Millionen Opfer des letzten Jahrhunderts auf das Konto religionsfreier und religionsfeindlicher Ideologien wie dem Kommunismus und dem Faschismus gingen, gegen deren menschenverachtende Menschenverherrlichung mit ihren entfesselten Gewalten die Kreuzzüge wie Kaffeekränzchen erscheinen. Die Revolutionen haben ihre Kinder gefressen. Und die Opfer des Kapitalismus, dem der Strom des Geldes alles und der Hunger, die Armut, die Ungerechtigkeit, unter denen Menschen weltweit leiden, nichts gilt, sind noch nicht gezählt. Die Decke der Zivilisation erweist sich auch am Anfang des 21. Jahrhundert als erbärmlich dünn und löcherig. Dass dem Guten im Menschen nun bald auch auf genetischem Wege aufgeholfen werden soll, zeigt die Wahrheit des Spruchs, dass die Menschheit das Richtige erst tut, wenn sie alles Falsche gründlich ausprobiert hat. Nein, wir wollen nicht verschweigen, dass die 2000 jährige Geschichte der Christenheit unheilvolle Kapitel hat. Dass im Namen des Glaubens auch in der Christenheit gemordet wurde. Dass der Glaube missbraucht wurde um im Namen Gottes Angst und Schrecken zu verbreiten. Dass die Kirche den Versuchungen der Macht erst in ihrer jüngsten Geschichte gründlich abgeschworen hat. Dass Menschen die Kirche und die Gemeinde als Podest benutzen, auf das sie steigen, um sich in ihrem eigenen Glanz zu sonnen. Dass eben auch sie „Fleisch“ sind und ihr eigenes Evangelium nötig haben, wie die ganze Welt. Gepredigt den Heiden, wie sie auch in der Kirche in großer Zahl vorkommen. Aber was, was um Himmels willen, wäre die Welt ohne dieses Weihnachtslied. Ohne die Heilige Nacht, in der wir zur Besinnung kommen. Ohne die Botschaft, dass Gott den ausweglosen Menschen nicht mit sich selbst allein lässt, sondern ihm zeigt, was er eigentlich ist. Gott offenbart sich im Fleisch um dem Menschen sein wahres menschliches Maß zu zeigen. Nein, der Stall von Bethlehem liegt nicht in Harry Potters Hogwarts oder in Frodos Mittelerde. Schön sind die alten und modernen Märchen, solange sie nicht zum Refugium eines Eskapismus werden, der mit der Welt nichts mehr anfangen mag und mit der Wirklichkeit endgültig fertig ist. Dagegen singt und sagt uns das Weihnachtslied, dass Gott, Gott sei Dank, mit uns und unserer Welt noch nicht fertig ist. Dass er es vom Himmel aus nicht mehr mit ansehen kann, wie die Menschen mit dieser Welt und ihresgleichen umgehen, vielleicht gar in Gottes Namen. Und so legt er sich auf Heu und auf Stroh und zeigt der Welt sein Gesicht - blickt die aufgerüstete und hasserfüllte Menschheit entwaffnend an aus einem Kindergesicht. Allah mag groß sein und ewig groß bleiben. Unser Gott kann sich klein machen. Das ist der Unterschied. Deshalb glauben Christen und Moslems zwar beide an nur einen Gott, aber nicht an den selben. Unser Gott will niemandem zu Kopf steigen. Unser Glaube ist der Feind jeder Ideologie, in der selbstmörderische Mörder direkt ins Paradies fahren im angeblichen Heiligen Krieg. Das Kind in der Krippe wird ein Anwalt jeden Lebens werden und die Friedensstifter selig preisen und unduldsam sein gegen jede Gewalt. Es wird niemals Hass predigen, sondern seine Jünger die Liebe zur Welt und ihren Menschen lehren. Was würde Jesus sagen zu der eilfertigen Umarmung, mit der die Christen in diesem Land die Moslems in den letzten Monaten oft allzu blauäugig an ihr Herz gezogen haben, statt manchen ihrer Lehren offen und deutlich ins Angesicht zu widerstehen. Um Gottes Willen! Was ist das für ein Glaube, der in den Händen jedes selbsternannten Führers für alles und jedes herhalten kann. An was werden Menschen denken, wenn sie von Allah hören? Dagegen singt das Weihnachtslied vom Gott mit dem menschlichen Kindergesicht. Gott offenbart sich im Fleisch. Gott wird dem Menschen ein Mensch. Und das ist auch der Weg seiner Jünger. Das Paradies kann warten. Wer zu Gott will, braucht sich nicht auf den Weg in den Himmel machen, sondern auf den Weg in die Welt. Denn dort ist er angekommen in der Heiligen Nacht. Und deshalb darf Weihnachten auch ein ganz weltliches Fest sein. Gott ist an Weihnachten unser Gast und wir sind die seinen. An Weihnachten dürfen wir deshalb unsere Welt im Glanz der Lichter mit anderen Augen sehen. Banal ist die Bosheit der Welt. Aber schaut, seit Weihnachten hat sie ein Geheimnis. Gott ist auf ihr unterwegs. Wie könnte sie, wie könnten wir da ohne Hoffnung bleiben?
Pfarrer Johannes Taig
(Hospitalkirche Hof) |
Text:
(16)Und groß ist, wie jedermann bekennen muss, das Geheimnis des Glaubens: Er ist offenbart im Fleisch, gerechtfertigt im Geist, erschienen den Engeln, gepredigt den Heiden, geglaubt in der Welt, aufgenommen in die Herrlichkeit. |
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