Predigt     1. Timotheus 1/12-17      3. Sonntag nach Trinitatis     08.06.08

"Wir teilen Sünden zu - Gott rettet die Sünder"
(Von Pfarrer Martin Adel, Dreieinigkeit Hof)

Liebe Leser,

lassen sie mich zu Beginn einen Zeitungsausschnitt der Frankfurter Rundschau aus dem Jahre 1986 (FR vom 4.3.86) vorlesen. Unter der Überschrift "Muttermörder wurde Pfarrer" – steht da zu lesen: »Mit überwältigender Mehrheit« haben die Mitglieder zweier schottischer Gemeinden den wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilten James Nelson zum Gemeindepfarrer gewählt. 283 stimmten dafür, 76 dagegen. 1970 hatte der damals 24jährige nach Familienstreitigkeiten seine Mutter erschlagen. 9 Jahre nach seiner Verurteilung war er auf Bewährung entlassen worden. Während der Haftjahre hatte er sich auf das Theologiestudium vorbereitet, das er danach aufnahm und erfolgreich abschloss. »Die Kirchenbehörden (so heißt's im Artikel) hatten seine erste Bewerbung als Pfarrer abgelehnt, doch war es Nelson schließlich gelungen, sie davon zu überzeugen, dass er sich trotz seiner Vergangenheit zum Geistlichen berufen fühle.«

Ein extremes Beispiel. Doch wie hätten wir uns entschieden? Und selbst wenn unser Leben und unser Gemeindealltag oft wesentlich undramatischer verläuft: wie ist das denn bei mir? Wann habe ich das letzte Mal jemandem vergeben? Wann wurde mir das letzte Mal Vergebung gewährt?

Das Thema für den heutigen 3. Sonntag nach Trinitatis ist „das Wort von der Versöhnung“. Ja. Versöhnung – ein großes Wort, das doch so schwer zu leben ist. Doch Paulus hat es versucht und mit ihm sind wir selbst auch gut beraten, auf ihn zu sehen. Denn er hat begriffen, dass er selbst nur aus Gnade das ist, was er ist. Und diese Gnade nimmt er dankbar an, so dass aus der Dankbarkeit des Beschenkten die Versöhnung mit den anderen fließen kann.

Und so lesen wir in unserm heutigen Predigttext im 1 Brief des Timotheus im ersten Kapitel: Text

Gott rettet den Sünder

Das Wort ist glaubwürdig und wert, dass man es beherzigt: Christus Jesus ist in die Welt gekommen, um die Sünder zu retten. Das ist das Zentrum unseres Predigttextes. Das ist das Zentrum der Lebensgeschichte, die ich vorgelesen habe. Ein Muttermörder bereut seine Tat. Er leidet unter dem, was damals passiert ist und flüchtet sich zu Jesus, der nicht sagt: Dich soll diese Tat dein Leben lang wie ein Fluch verfolgen. Dein Leben soll an dieser Unheilsstunde zerbrechen und du sollst darüber verzweifeln. Sondern: "Christus Jesus ist in die Welt gekommen, um die Sünder zu retten." Und solche Worte bräuchte unser Leben und unsere Welt viel öfter. Ein Wort des Erbarmens. Ein Wort der Versöhnung.

Das Geschehene wird dadurch nicht rückgängig gemacht. Auch der Muttermord wird dadurch nicht bagatellisiert und entschuldigt. Das Verbrechen, die Sünde, bleibt in seiner ganzen Härte bestehen, aber Gott will nicht, dass nun noch eines seiner Geschöpfe über dieser Tat zugrunde geht – nämlich der Mörder. Gott verurteilt die Sünde, aber er schiebt mit seiner Gnade und seinem Erbarmen gleichzeitig der Sünde einen Riegel vor, dass der Fluch der Tat nicht noch mehr Menschenleben fordert, nämlich auch noch das des Sünders. Gott rettet nicht die Sünde, sondern den Sünder.
Christus Jesus ist in die Welt gekommen, um die Sünder zu retten. Von ihnen bin ich der erste schreibt Paulus, und er bezeichnet sich selbst als Missgeburt, der es nicht wert ist Apostel genannt zu werden, weil er die Kirche Gottes verfolgt hat. (1 Kor 15,8f). Und genau diesem Paulus schenkt Gott Kraft. An ihm beweist er seine Langmut, sein Erbarmen und seine Gnade. Den Unglauben den Paulus verwandelt Christus in Glauben.

Denn am Anfang steht bei Gott nicht die Schuldzuweisung. Am Anfang steht nicht die Strafe: „Du bist ein Sünder. Und weil du dieses und jenes Vergehen begangen hast, darum wird dir die und die Strafe widerfahren.“ Am Anfang steht das Erbarmen Gottes „Dir sind deine Sünden vergeben.“ Und Paulus fragt er: Warum verfolgst du mich? Als die Pharisäer die Ehebrecherin vor ihn bringen und sagen: Sieh her, das ist eine Sünderin antwortet Jesus nur:: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein auf sie. (Joh 8,7) Und als dann alle betreten schweigen und sich beklommen davon schleichen spricht er weiter: Ich verdamme dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr (Joh 8,11).

Wir teilen Sünde zu

Wir sind es, die schnell bei der Hand sind, um Sünden zuzuteilen. Wir sind es, die oft so grausam unbarmherzig miteinander umgehen. Unverzeihlich. Ewig nachtragend. Da bleiben Eltern von der Hochzeit ihrer Kinder weg. Da wird die Schwiegertochter jahrelang mit Argwohn behandelt. Da wird in den Familien über Generationen hinweg die Feindschaft weitergegeben. Und in Schulen wird manchmal der Stempel dem Kind aufgedrückt, den sich der Vater oder die Mutter 20 Jahr zuvor geschnitzt haben. „Der ist doch genauso wie ...“

Anstatt wahrzunehmen, woran mein Nächster leidet und Sünde ist immer etwas, worunter wir Menschen leiden - anstatt zu sehen, dass einer an seiner eigenen Person leidet und ihm zu helfen, wieder h e i l zu werden, kommen wir, und setzen noch einen drauf: Schau ihn dir an: der! Frei nach dem Motto: „Ich bin fein. mein Herz ist rein. Der andre muss der Sünder sein!" Das, was ich mache, ist recht und gut. Das, was du machst ist falsch und schlecht.

Wie viel Streit und Gezänk auch unter uns. Als ob wir nicht schon genug leiden würden unter unseren eigenen Fehlern und Schwächen. Anstatt einander zu tragen sind wir nachtragend. Und wie viel Energie wird dann oft verbraten, nur um ja keinen Fehler selbst eingestehen zu müssen. Ist das die Welt, die wir wollen?
Christus jedenfalls wollte eine andere Welt, weil er wusste, dass so nie Frieden werden kann.

Aus der Vergebung leben

So übergroß war die Gnade unseres Herrn, die mir in Christus Jesus den Glauben und die Liebe schenkte. Das ist das Wort, das wir ausbreiten sollen. Das ist das Wort, dem wir nachleben sollen. Haben wir das vergessen! Wir leben aus der Vergebung, die uns selbst täglich geschenkt wird. Keiner von uns muss meinen. dass er besser wäre als sein Nachbar. Keiner von uns muss meinen abzuwägen, ob er nun mehr oder weniger Sünden hätte als der andere. Wir sind gerechtfertigte Sünder. Und darin liegt die befreiende und freudige Botschaft des Evangeliums. Ich darf mir eingestehen, dass ich das, was ich eigentlich nicht wollte, doch getan habe und darf darum Gott und meinen Nächsten um Vergebung bitten. Und ich muss nicht die Angst haben dabei mein Gesicht zu verlieren.

Endlich muss ich mir und den anderen nicht mehr vormachen, wie unfehlbar, wie makellos, wie toll, wie gut, wie lebensfreudig, wie nächstenliebend, wie glaubenstreu .... ich bin. Ich darf sein. Endlich, und das ist die andere Seite des Gerettet seins, endlich muss ich mich auch nicht mehr nur schwach, nur schuldig, nur fehlerhaft und versagend fühlen. Ich darf sagen: Das sind meine Stärken und das sind meine Schwächen. Und Gott hat mich trotzdem angenommen. Da ist mir etwas gelungen und da bin ich schuldig geworden – und Gott lässt nicht von mir ab. Und ich darf daran leiden, wo ich versagt habe, ohne es gleich zu beschönigen. Ich darf daran leiden, aber ich muss nicht mehr daran verzweifeln. Ich muss es nicht mehr krampfhaft verdrängen, denn Christus ist in die Welt gekommen, um die Sünder zu retten. Und ich kann mich wieder von ganzen Herzen freuen über das, was mir gelungen ist. Gerechtfertigt vor Gott, werde ich meine Verfehlungen erkennen und kann sie darum verändern. Gerechtfertigt vor Gott, weiß ich um mein eigenes Beschenktsein und werde darum in Barmherzigkeit um rechte christliche Verkündigung und rechte christliche Lebensweise streiten.

Gerechtfertigt vor Gott, werde ich versuchen mit Erbarmen und Langmut für die Kirche Jesu Christi einzutreten und mitzuarbeiten. Und gerechtfertigt vor Gott, kann ich dann in die Schlussworte des Paulus mit einstimmen: "Dem König der Ewigkeit, dem unvergänglichen, unsichtbaren, einzigen Gott, sei Ehre und Herrlichkeit in alle Ewigkeit. Amen."

Pfarrer Martin Adel   (Dreieinigkeitskirche Hof)

Text: 

Paulus schreibt:

12 Ich danke unserm Herrn Christus Jesus, der mich stark gemacht und für treu erachtet hat und in das Amt eingesetzt,
13 mich, der ich früher ein Lästerer und ein Verfolger und ein Frevler war; aber mir ist Barmherzigkeit widerfahren, denn ich habe es unwissend getan, im Unglauben.
14 Es ist aber desto reicher geworden die Gnade unseres Herrn samt dem Glauben und der Liebe, die in Christus Jesus ist.
15 Das ist gewisslich wahr und ein Wort, des Glaubens wert, dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen, unter denen ich der erste bin.
16 Aber darum ist mir Barmherzigkeit widerfahren, dass Christus Jesus an mir als Erstem alle Geduld erweise, zum Vorbild denen, die an ihn glauben sollten zum ewigen Leben.
17 Aber Gott, dem ewigen König, dem Unvergänglichen und Unsichtbaren, der allein Gott ist, sei Ehre und Preis in Ewigkeit! Amen


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