Predigt    1. Mose 12/1-3    18. Sonntag nach Trinitatis   25.09.05

"Segensräume"
(Von Pfr. Johannes Neugebauer, Klinikum Hof)
(Dialogpredigt anlässlich der Einführung von Pfr. Johannes Neugebauer und Pfrin. Elfriede Schneider
auf die Regionalstelle für Altenheimseelsorge im Dekanat Hof)

Liebe Leser,

A:
Segen - wenn wir dieses Wort hören nach was klingt das für uns? Jeder und jede von uns stellt sich unter Segen etwas anderes vor: Für den einen sind es gesunde Kinder, für andere ist es Wohlstand und Erfolg, für den dritten ist es Geborgenheit Nähe und Wärme eines geliebten Menschen. Wiederum andere denken an ein langes Leben bei guter Gesundheit.

„Viel Glück und viel Segen auf all deinen Wegen”, singen wir für die, die Geburtstag feiern. Glück und Segen das gehört für uns zusammen. Für Landwirte ist das eine gesegnete Ernte, wenn sie genügend Früchte in guter Qualität ernten. Segen hat etwas damit zu tun, dass etwas blüht und gedeiht.

B:
Und der Herr sprach zu Abraham: Geh aus deinem Vaterland und deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich Segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. (Gen 12,1-3)

A:
Gottes Versprechen an Abraham lautet: Ich will dich zu einem großen Volk machen. 75 Jahre alt war Abraham, als er diese Verheißung bekam. Darüber hinaus war er noch mit einer unfruchtbaren Frau verheiratet. 75 Jahre , in diesem Alter fängt man doch nichts Neues mehr an, oder? Mit 75 Jahren müssen bei uns heutzutage viele Menschen in ein Pflegeheim, weil ein Schlaganfall, die Folgen der jahrelangen Zuckererkrankung oder zunehmende Verwirrtheit ein Bleiben zu Hause unmöglich machen. Und da soll Abraham noch einmal mit einer völlig neuen Lebensaufgabe anfangen?

B:
Menschlich gesehen unmöglich; die Chancen für Abraham ein großes Volk zu werden waren sowieso gleich null. Und dann diese Zumutung: verlass dein. Land , deine Sippe, deine Familie, dein vertrautes Umfeld, deine Wohnung, deine Haus. Lebe woanders, lebe von der Gastfreundschaft, der Zuwendung und dem Wohlwollen anderer. Alles sollte er aufgeben, ins Ungewisse gehen, in ein Land, das er nicht kennt. Was für eine Zumutung! Wo bleibt da die Segensfülle, wenn einer alles verliert? Wo bleibt da Glück, wenn einer sich als alter Mensch aus allen Sicherheiten lösen muss, herausgehen aus der Geborgenheit der vertrauten Umgebung? Für Abraham ist Gottes Segen eine Zumutung. Beinahe könnte man meinen, Gott macht einen Fehler? Setzt Gott auf die falsche Person?

A:
Schauen wir doch mal wie es mit Abraham weitergeht. Die Geschichten um Abraham und Sarah ein großes Zittern um den Segen. Zu vieles stellt sich den beiden in den Weg. Konflikte mit anderen Sippen. Ärger in der Familie, Streit um Land und Weidegründe, der drohende Verlust des einzigen Sohnes Isaak. Und doch wurde nach jeder Krise , nach jedem Schicksalsschlag der Bund Gottes mit Abraham erneuert und Abraham gesegnet. Bei all dem Auf und Ab erfährt Abraham zweierlei: Gott hält sein Wort. Und: Gott steht zu ihm, selbst wenn der Segen ganz offensichtlich auszubleiben scheint. Im Rückblick erkannte Abraham , dass Gott ihn auch in Zeiten, in denen alles schief zu gehen schien, nicht verlassen hat und wenn es nötig war, seinen Bund unüberhörbar erneuerte. Lassen sie es uns nun wagen mit der Geschichte Abrahams im Rücken einen Blick zu werfen auf die Menschen, die wir als Altenheimseelsorger treffen werden.

B:
Die Menschen , denen wir in den Alten- und Pflegeheimen begegnen werden, sie haben alle eine lange Lebensgeschichte hinter sich, ebenso bewegt wie die Geschichte Abrahams. Die meisten haben Wege gehen müssen , die sie sich nicht gewünscht haben. Sie haben viele Herausforderungen des Lebens bestehen müssen. Sie haben den letzen Krieg erlebt mit schrecklichen Erlebnissen, die sie nie richtig vergessen konnten. In all dem haben sie auch Erfahrungen mit Gott gemacht. Sich erzählen zu lassen, mit ihnen über ihre Erlebnisse zu sprechen ist oft sehr spannend. Wie ein Schatzsucher komme ich mir da vor. Im Erinnern an das Schwere und Schöne ihres Lebens kommen Schätze ans Tageslicht, denn ich höre von den Zumutungen und Segnungen Gottes. Ich darf mit ausgraben helfen, was an Lebensgeschichten, Episoden, Liedern und Versen gesammelt, oft über Jahrzehnte verschüttet im Herzen behalten wurde. In solchen Begegnungen darf ich Segen spüren.

A:
Manchmal wird es mir aber auch passieren, dass ich gar nicht mehr weiß, als Schatzsucher unterwegs zu sein, weil die Schätze in einer mir so fremden Welt der alten Menschen verborgen sind. In einer Wirklichkeit, an die ich nicht mehr heranreiche. Und dennoch will ich auch hier meine Neugier nicht verlieren. Vielleicht ist hier kein Gespräch mehr möglich, weil Demenz oder der nahestehende Tod die Sinne verwirrt, die Kraft zum Sprechen fehlt. Dann möchte ich Nähe geben, mitragen, mitschweigen.

B:
Auch wenn es so aussieht, als seien wir die Jungen und Gesunden, die auf festen Beinen mit sicherem Gang ins Heim kommen und ein Stück von der Welt draußen mitbringen. Es stimmt nicht ganz.

A:
Auch wir sind vorsichtig Tastende, behutsame Schatzsucher, die wissen, dass sie bei ihrer Arbeit an Grenzen kommen oder gar einbrechen können. Und auch wenn wir in unserer heutigen Welt ganz gut zurecht kommen, so heißt das nicht, dass wir in Bezug auf frühere Zeiten unbedarft sind. Unwissend wie damals das Leben aussah und unter welchen Bedingungen es gelebt wurde.

B:
Uns ist auch bewusst dass das Leben in einem Alten- und Pflegeheim nicht zu jeder Zeit den heilen Lebensabend beinhaltet. Krankheit und Hinfälligkeit sind alltägliche Realität. Das enge Zusammenleben im Heim führt auch zu Konflikten. Lebenspläne für das Alter versanden, Liebe vergeht, die Kinder kommen nicht mehr oder sind bereits verstorben. Krankheiten führen zum Tode.

A:
Das ist das Verquere in der Vergangenheit und in der Gegenwart von Menschen im Altersheim. Und doch vermag kein anderer als Gott auch all das Verquere in den Lebensgeschichten zu lesen und daraus Leben wecken. Allein Gott vermag alle Zumutungen, alles Leidvolle und Verquere auf sich zu nehmen und daraus Segen erwachsen zu lassen.

B.
Ich stelle mir vor Segensräume erwachsen aus den Lebensgeschichten. Ich stelle mir vor, da ist so etwas wie ein helles Zimmer ein freundlicher weiter Raum, der gefüllt werden kann mit den verborgenen Schätzen mit Segensreichem aber auch mit Zumutungen Gottes. Er kann gefüllt werden mit dem was aus der Begegnung mit den Menschen dort erwächst. Ich möchte in diesem Raum wahrnehmen, was schwach und hinfällig ist. Nicht achtlos vorübergehen. Raum geben, dem was traurig ist und getröstet werden will. Ich möchte dem Menschen dort seine eigene unverwechselbare Identität geben als Ebenbild Gottes, sein Leben und seine Lebensgeschichte würdigen, wie sie gerade ist. Ich möchte in diesem Raum auch Freude und Lebendigkeit teilen, schweigen und plaudern. Auch Gefühle dürfen dort gezeigt werden: verborgene, heftige, unangenehme, aggressive und depressive. Schwachheit und Krankheit müssen nicht versteckt werden. Dieser helle freundliche Raum wird ein Raum der Beziehungen sein, gegen das Alleinsein, in dem Gesten und Berührungen geschehen können. Frömmigkeiten dürfen sich entfalten. Dort darf gegessen, getrunken und gesungen werden als Zeichen von Leben. Auch ein Schweigeraum wird es sein, wo nicht mehr gesprochen werden kann. Ein Raum der Ehrfurcht und Würde, wenn Verwirrung sich breit macht. So stelle ich mir es vor wie aus Lebensgeschichten Segensräume gestalt gewinnen.

A:
Darauf will ich vertrauen: Gottes Segen gewinnt Gestalt. Ob wir es nun im Leben leicht haben oder nicht. Da ist auch kein Unterschied zwischen jungen und alten Menschen. Jeder muss auf seine Weise mit den Schwierigkeiten seiner Alterstufe umgehen. Wichtig ist nicht so sehr ob wir die Kraft haben unser Leben möglichst glatt zu meistern . Wichtig ist, dass wir Gesegnete sind , die von Gott Würde und Hoffnung bekommen. Mit dem Segen, den Abraham von Gott in seiner ganz eigenen Lebensgeschichte immer wieder zugesprochen bekommt macht er sich auf ins verheißene Land voller Würde und Hoffnung und immer wieder mit neuem Mut, allen Zumutungen zum Trotz .

B:
So wollen auch wir uns aufmachen im Vertrauen auf Gottes Segen und neue Wege gehen, denn das Land, das Gott uns zeigen wird ist hell und weit.
 

Pfarrer Johannes Neugebauer (Klinikum Hof)

Text: 

Und der Herr sprach zu Abraham: Geh aus deinem Vaterland und deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich Segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.


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