Predigt     1.Mose 3/1-24    Invokavit (1. Sonntag der Passionszeit)    13.02.05

"Eine Gnadengeschichte"
(von Vikarin Judith Krauß, Dreieinigkeit Hof)

Liebe Leser,

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Vertrau niemanden, bloß dir selbst. Es gibt viele solcher Sprüche, solcher Aussagen zum Thema Vertrauen. Ein heikles Thema, finde ich, denn wem kann man heutzutage denn schon noch vertrauen? Dem Schönheitschirurgen, der einem zu einem Superpreis ein neues Gesicht verspricht, ganz ohne Komplikationen und Schwierigkeiten? Der eignen Bank, die einem verspricht ein starker Partner zu sein, um dann, wenn es drauf ankommt aus Gründen der Gewinnoptimierung, die eigenen Mitarbeiter zu entlassen? Oder gar dem Schiedsrichter beim Fußball, der verspricht unparteiisch und unbestechlich zu sein?

Mal ganz ehrlich, würden Sie denen vertrauen ? Am besten ist doch, man verlässt sich nur noch auf sich selbst. So kommt man am weitesten im Leben. Wenn man die Dinge selbst in die Hand nimmt, Eigeninitiative ergreift und selbst entscheidet, was gut und schlecht ist fürs eigene Leben. Sicher das mag oft ziemlich mühselig und mit viel Aufwand und Arbeit verknüpft sein, aber das ist es doch wert, sich abzurackern und zu schuften, auch abends noch nach der Arbeit, wenn dafür nur bei der Steuererklärung möglichst viel Rückzahlung rausspringt, denn wer weiß schon, ob der Steuerberater sich genauso für einen ins Zeug legen würde? Und es ist bestimmt auch all die Mühe und Anstrengung wert, nach einem langen und anstrengenden Schuljahr in den Ferien Praktika zu machen, einen Sprachkurs im Ausland zu besuchen denn wer weiß schon, ob man dem staatlichen Bildungswesen noch vertrauen darf, ob einem da wirklich alles für einen bestmöglichen Start ins Leben geboten wird.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Wer in seinem Leben etwas werden will, wer nicht im Stillstand verharren will, der muss die Dinge selbst in die Hand nehmen. Fehlendes Vertrauen, lässt uns müde und erschöpft durch unser Leben gehen und lässt uns einsam werden, weil wir den anderen immerzu misstrauisch begegnen. Fehlendes Vertrauen, der Wunsch die Dinge lieber selbst in die Hand zu nehmen und die Konsequenz daraus, nämlich Mühe und Anstrengung ein Leben lang, davon spricht auch unser heutiger Predigttext. Er steht im ersten Buch Mose im dritten Kapitel. Es ist die uns allen wohlbekannte Geschichte von Adam und Eva.

Adam und Eva, die beiden ersten Menschen, die in einem wunderschönen Garten leben, die dort im Paradies alles haben, was sie brauchen, die von allen Bäumen dieses Gartens essen dürfen, nur von einem nicht. Und Gott der Herr gebot dem Menschen und sprach: Du darfst essen von allen Bäumen im Garten, aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tag, da du von ihm issest musst du des Todes sterben. Eine Zeit lang geht alles gut. Bis eines Tages die Verführerin auf den Plan tritt. Aber die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der Herr gemacht hatte, und sprach zu dem Weibe: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten? Und Eva antwortet der Schlange, wir dürfen von allen Bäumen essen, nur von dem einen nicht, da sollen wir die Finger davon lassen, sonst müssen wir sterben. Doch die Schlange lässt nicht locker, sie widerspricht Eva: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esset werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.

Was für eine Verlockung! Zu sein wie Gott, selbst zu wissen und zu entscheiden, was gut und was schlecht ist, selbst sein Leben voranzubringen, Neues zu erforschen, alles noch besser, schneller zu tun, nicht im Stillstand zu verharren. Und der Zweifel, wer weiß schon, ob Gott es wirklich gut mit uns meint, ob er wirklich gut für uns entscheidet? Vielleicht will er uns ja auch einfach nur klein halten, uns einschränken, damit wir nicht weiterkommen im Leben. Gott zu vertrauen ist ja gut, aber zu kontrollieren, ob er es wirklich gut gemacht hat, ist mit Sicherheit besser. Vielleicht mag Eva damals so gedacht haben, bevor sie den verhängnisvollen Schritt tut und vom Baum der Erkenntnis ist, bevor auch Adam mitmacht bei der ganzen Sache, die den beiden letztlich nur Kummer und Schmerz einbringt.

Evas Gedanken sind uns nicht fremd. Diese Angst zu kurz zu kommen im Leben, wenn man sich nicht um alles selbst kümmert, wenn man zu sehr auf die anderen vertraut. Ganz ohne Schlange, die von außen an uns herantritt, kennen wir all diese Gefühle, sind wir selbst oft Adams und Evas. Wie die Geschichte weitergeht, das wissen wir alle. Adam und Eva erkennen ihre Nacktheit, fühlen sich auf einmal ausgeliefert und schutzlos , sie verstecken sich vor Gott. Und werden schließlich aus dem Garten vertrieben. Ab jetzt ist es an ihnen, zu entscheiden, was gut und was schlecht für sie ist. Jetzt sind sie frei, das beste aus ihrem Leben zu machen. Die Konsequenz daraus. Dieses neu erworbene Wissen, zieht nun die Mühe und Anstrengung nach sich, sich immer wieder auseinandersetzen zu müssen was gut und was schlecht ist, für einen selbst, für die Mitmenschen und die Welt , immer wieder aufs Neue misstrauisch vor jeder Entscheidung zu stehen, die andere für einen getroffen haben. Kein Zuckerschlecken!

Adams und Evas Vertrauen auf Gott, darauf, dass seine Entscheidung für uns gut sind, war nicht groß genug. Die Versuchung durch die Schlange, die Verlockung , selbst Herr zu sein, das Misstrauen, das sie schürte, waren größer. Und Gott, Gott reagiert enttäuscht und wütend über den Vertrauensbruch strafend, schickt die beiden fort, kann sie nicht mehr um sich haben, halst ihnen Mühsal, Schmerz und Anstrengung auf und verweigert ihnen letztlich sogar noch das ewige Leben, indem er den zweiten wichtigen Baum in seinem Garten, den Baum des Lebens, besonders streng von seinen bewaffneten Engeln bewachen lässt. So könnte man die Geschichte weiter lesen, so könnte man Gottes Verhalten deuten, aber ich glaube, dass diese Deutung falsch ist. Die ganze Geschichte um Adam und Eva, wäre dann nichts weiter als eine pädagogisch fragwürdige Struwwelpetergeschichte, die uns vermitteln will, wer sich nicht an Vorschriften hält, der bekommt seine gerechte Strafe und das nicht zu knapp.

So möchte ich die Geschichten der Bibel aber nicht lesen. Wir würden Gott und sein Verhalten, würden diese Geschichte auch völlig falsch verstehen, würden wir sie so interpretieren. Lassen Sie mich Ihnen deswegen eine zweite Deutung der Geschichte anbieten. Gott verbietet Adam und Eva, vom Baum der Erkenntnis zu essen, zu ihrem eigenen Schutz, nicht weil er ihnen etwas vorenthalten wollte. Denn Gott kennt das Böse, das Chaos, das Furchtbare, er hat es bei seiner Schöpfung verworfen, an den äußersten Rand gedrängt. Er will Adam und Eva davor beschützen, sich damit auseinandersetzen zu müssen, will ihnen diese Mühsal und Plage ersparen. Gott kündigt den Tod als Konsequenz für das Essen von diesem Baum nicht zur Abschreckung, als Strafe an, sondern wiederum nur zum Schutz der beiden. Denn Gott weiß, wie viel Mühe und Anstrengung es nach sich zieht, wenn ich immer wieder aufs Neue, den Kampf, die Auseinandersetzung mit der Frage, was gut und was schlecht ist, auszustehen habe. Ein solch anstrengendes Leben, soll der Mensch nicht ewig und auf Dauer führen müssen, diese Mühsal muss begrenzt bleiben. Nicht zuletzt deswegen auch die Vertreibung aus dem Paradies, weg vom Baum des Lebens. Denn von diesem Baum zu essen, bedeutet, ewig so zu leben und das will Gott verhindern. Ein Leben, wie das, das Adam und Eva nun bevorsteht, soll sich nicht in Ewigkeit fortsetzen.

Gott, der nur das Beste wollte, für sein Geschöpf, der sein Geschöpf nicht durch einen fehlenden eigenen Willen begrenzen wollte, war in all seiner Gnade, nicht vertrauenswürdig genug für Adam und Eva. Doch er bleibt ihnen treu, in all seiner Gnade, in all seiner Liebe. Davon lässt er sich nicht abhalten, ganz gleich, was auch passiert sein mag, ganz gleich, wie sich die beiden entschieden haben. Für mich ist diese Geschichte zu einer Gnadengeschichte geworden, die mir von einem Gott erzählt, der vertrauenswürdiger nicht sein könnte. Ein Gott, der selbst dann, wenn ich mich immer wieder falsch entscheide nicht aufhört, das beste für mein Leben zu wollen.

Adam und Eva hatten damals das Gefühl, ihr Leben selbst in die Hand nehmen zu müssen, um möglichst weit zu kommen, und haben damit einen Stein ins Rollen gebracht, der bist heute weiter rollt. Misstrauen, Skepsis, Egoismus, gehören unweigerlich zu dieser Welt, in der wir leben mit dazu. Der Drang, immer Neues auszuprobieren, immer noch weiter zu wollen, steckt in uns, bringt uns nicht immer nur Positives, sondern oft auch bedenkliche Ergebnisse. Unser Leben ist Mühsal und Plage geworden, im Vergleich zu den paradiesischen Urzuständen. All das sind Konsequenzen, die wir alle mit zu tragen haben, weil sie zu unserer Realität geworden sind. Doch inmitten all dieses Wirrwarrs, inmitten all dieses Leids und Schmerzes, hat Gott nie aufgehört, das Beste für seine Schöpfung zu wollen. Damals nicht, und heute erst recht nicht. Gott bietet sich uns an, als ein vertrauenswürdiger und solidarischer Partner.

Vielleicht haben wir heutzutage oftmals verlernt, anderen zu vertrauen, uns auf andere zu verlassen. Vielleicht haben wir manchmal sogar verlernt, Gott zu vertrauen. Dennoch lädt Gott uns immer wieder dazu ein. Sicher, solches Vertrauen, bringt uns nicht auf einen Schlag wieder ins Paradies zurück, hält nicht automatisch Leid und Schmerz aus unserem Leben fern, aber es entlastet. So sicher es scheinen mag, selbst Herr seines Lebens zu sein, tut es doch gut, darauf zu vertrauen, dass ein letztendliches Gelingen meines Lebens nicht allein an mir hängt, sondern, dass mein Leben durch Gottes Gnade heil werden wird. Vertrauen auf Gott, wischt nicht einfach die Unvollkommenheit und Brüchigkeit unserer Welt beiseite, aber es lässt uns leichter in dieser Welt leben, lässt uns getroster in die Zukunft schauen.

Es ist befreiend, darauf zu vertrauen, dass ich nicht alleine dastehe, nicht in Zeiten von Kummer und Schmerz, nicht in Zeiten der Angst und des Zweifels, nicht in Zeiten der Überforderung und erst recht nicht in Zeiten des Glücks, niemals. Fehlendes Vertrauen auf Gottes Güte, die Angst nicht weit genug zu kommen, haben uns damals aus dem Paradies vertrieben, und machen uns bis heute jeden Tag aufs Neue das Leben schwer und mühselig. Doch durch alle Zeiten hindurch, hat Gott sich durch unsere Fehler nicht abhalten lassen, für uns da zu sein, und zur rechten Zeit, einen Neubeginn mit uns zu wagen, dann wenn er alle Tränen abwischen wird, wenn weder Leid noch Schmerz noch Geschrei mehr sein werden. Darauf dürfen wir vertrauen und uns schon heute in aller Mühsal und Plage davon getröstet fühlen.
 

Vikarin Judith Krauß   (Dreieinigkeitskirche Hof)

Text: 

1 Aber die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der HERR gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten?
2 Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten;
3 aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet!
4 Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben,
5 sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.
6 Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß.
7 Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.
8 Und sie hörten Gott den HERRN, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des HERRN unter den Bäumen im Garten.
9 Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du?
10 Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich.
11 Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du nicht gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen?
12 Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß.
13 Da sprach Gott der HERR zur Frau: Warum hast du das getan? Die Frau sprach: Die Schlange betrog mich, sodass ich aß.
14 Da sprach Gott der HERR zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht, verstoßen aus allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Erde fressen dein Leben lang.
15 Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen; der soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.
16 Und zur Frau sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein.
17 Und zum Mann sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen –, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang.
18 Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen.
19 Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.
20 Und Adam nannte seine Frau Eva; denn sie wurde die Mutter aller, die da leben.
21 Und Gott der HERR machte Adam und seiner Frau Röcke von Fellen und zog sie ihnen an.
22 Und Gott der HERR sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist. Nun aber, dass er nur nicht ausstrecke seine Hand und breche auch von dem Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich!
23 Da wies ihn Gott der HERR aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute, von der er genommen war.
24 Und er trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens.


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