Predigt    1. Korinther 15/50-58    Ostermontag   17.04.06

"Die Kleidung des Siegers"
(Von Dekan Günter Saalfrank, St. Michaelis Hof)

Liebe Leser,

als Student bin ich beim Roten Kreuz im Rettungsdienst gefahren. Meine Aufgabe war unter anderem, Menschen wiederzubeleben, deren Herz aufgehört hatte zu schlagen. Also jemanden wieder ins Leben zurückzuholen. Später einmal habe ich gelesen, was diese Menschen erleben und sehen, während Sanitäter und Ärzte Notfallmaßnahmen an ihnen durchführen. Andere erzählen, sie würden unglaublich viele Farben sehen, kaum beschreibbar und von überirdischer Schönheit. Wieder andere sagen, sie sehen ein strahlendes Licht, auf das sie zugehen - so als würden sie heimgehen. Für manchen, der das hört, sind das schon Beweise, dass es ein Leben nach dem Tod geben muss. Vorsicht, sagen die Hirnforscher, das können genauso gut noch letzte Signale unseres Gehirns vor dem Tod sein, ein letztes, wunderschönes Aufbäumen sozusagen. Ein Leben danach ist damit noch lange nicht bewiesen. Aber auch nicht das Gegenteil. Die Forschungsergebnisse können ein Leben nach dem Tod nicht ausschließen.

Wovon wir an Ostern reden, die Auferstehung, das ist noch einmal etwas ganz anderes. Auferstehung, das ist nicht einfach eine Wiederbelebung und sozusagen die Rückkehr von den Toten ins Leben. Auferstehung - das ist eine tief greifende und grundlegende Verwandlung. Unser irdischer Körper zerfällt mit dem Tod und verwest. Die Person, der Wesenskern von uns Menschen, wird zu neuem Leben erweckt. Deshalb schreibt der Apostel Paulus einmal den Christen im griechischen Korinth: Ihr werdet eines Tages grundlegend verwandelt werden.

Was am Ostermorgen geschah – damals als Jesus auferstand -, ist laut Paulus nicht irgendein Ereignis, sondern der Dreh- und Angelpunkt des christlichen Glaubens. Hören Sie dazu den Apostel Paulus aus dem 15. Kapitel seines 1. Korintherbriefs:
Das sage ich aber, liebe Geschwister, dass Fleisch und Blut nicht können das Reich Gottes ererben; auch wird das Verwesliche nicht ererben die Unverweslichkeit. Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden; und dasselbe plötzlich, in einem Augenblick, zur Zeit der letzten Posaune. Denn es wird die Posaune schallen, und die Toten werden auferstehen, und wir werden verwandelt werden. Denn das Verwesliche muss anziehen die Unverweslichkeit, und dies Sterbliche muss anziehen die Unsterblichkeit (1.Kor.15,50-53).

Der Apostel Paulus redet von einem Geheimnis: Alle, die an Jesus Christus glauben, werden eines Tages verwandelt. In einem Augenblick wird es geschehen, schreibt er, doch wie genau das vor sich geht, lässt er offen. Soviel sagt er: Es wird alles anders sein als vorher. Vor allem wird es keinen Tod mehr geben. Und damit nichts mehr, was einem Angst macht. Paulus beschreibt dieses verwandelt werden so: Es ist, als ob wir Christen eine andere Kleidung anziehen - raus aus den alten Gewändern als Sterbliche, hinein in die neuen Kleider der Unsterblichkeit. Es steckt sozusagen der alte Kern von uns noch drin und doch sehen wir ganz anders aus, sind ganz andere. Auferstehung ist nicht einfach die Fortsetzung des bisherigen Lebens, sondern die Verwandlung in ein neues.

Das schönste Beispiel für eine Verwandlung finde ich in der Natur, wenn sich die Raupe in einen Schmetterling verwandelt. Raupe und Schmetterling haben zwar eine gemeinsame Lebensgeschichte, sind aber total verschieden. Während sich die Raupe auf der Erde bewegt, erhebt sich der Schmetterling vom Boden, fliegt in die Höhe und entfaltet sein Leben. Eine ähnliche Verwandlung geschieht, wenn wir sterben und wieder auferweckt werden. Im Tod verlassen wir den dreidimensionalen Raum, in dem sich unser Leben abspielt, und gehen in den mehrdimensionalen Raum über, in dem das neue Leben ist.

Wenn der Apostel Paulus die Auferstehung beschreibt, dann mit diesem Bild: Christen ziehen neue Kleidung an, wenn sie verwandelt werden. Was es mit dieser Kleidung auf sich hat, sagt er im Brief an die Korinther folgendermaßen: Wenn aber dies Verwesliche wird anziehen die Unverweslichkeit und dies Sterbliche wird anziehen die Unsterblichkeit, dann wird erfüllt werden das Wort, das geschrieben steht: Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Tod, wo ist dein Stachel? Hölle wo ist dein Sieg? Aber der Stachel des Todes ist die Sünde; die Kraft aber der Sünde ist das Gesetz. Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unseren Herrn Jesus Christus! (1.Kor.15,54-57)

Es ist die Kleidung des Siegers, um die es dem Apostel Paulus geht. Genauer gesagt geht es um das Siegertrikot von Jesus Christus. Sehr vollmundig und überzeugt spricht der Apostel davon. So, als gäbe es überhaupt keinen Zweifel daran, dass dem Tod und allen Angst einflößenden Mächten und Gewalten ein für allemal ein Ende bereitet wurde. Doch so schnell kommt da nicht jeder mit. Die Jünger - und wohl nicht nur sie - brauchen Zeit, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass der Stachel des Todes nun abgebrochen ist.

Auch wenn es bei Paulus so vollmundig und überzeugt klingt und auch wenn wir es uns manchmal wohl wünschen: Nach Ostern sind die traurigen, nachdenklich stimmenden Töne im Leben – sozusagen die Moll-Töne - nicht einfach weggeblasen. Sie werden auch nicht mit einem Schlag durch strahlende Dur-Töne überlagert. Vielmehr braucht es Zeit, bis sich Hoffnung und Zuversicht durchsetzen, dass Jesus Christus stärker ist als alle anderen Mächte. Dass er an Ostern den Tod besiegte. Und dass damit ein Anfang gemacht ist, an dessen Ende dann restlos alle Mächte und Gewalten besiegt sind. Bis dahin allerdings machen uns oft noch Verzweiflung, Einsamkeit, Sinnlosigkeit und ihre Folgen zu schaffen. Dieser „Tod vor dem Tod“ kann manchmal sogar schlimmer sein als der biologische Tod. Wenn in uns etwas abstirbt an Freude, Selbstvertrauen oder Sinn im Leben. Ich denke an Menschen, die sich dann an die Hoffnung klammerten: Das letzte Wort haben nicht der Tod und all die Mächte, die uns das Leben schwer machen. Das letzte Wort hat Jesus Christus. Derjenige, von dem es in der Bibel heißt: „Ich bin der Erste und der Ewige und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel der Hölle und des Todes.“

Wer sich an Jesus Christus, den Mann mit dem Siegertrikot hält, ist gehalten. Das haben Menschen in der Bibel und bis heute von Generation zu Generation immer wieder erlebt. Dann bleibt es nicht bei den dunklen Moll-Tönen, dann gibt es noch ganz andere, bestimmende Klänge im Leben, bis eines Tages nur noch ein zuversichtliches und strahlendes Dur erklingt – wie am Anfang des Gottesdienstes bei der Kantate von Johann Sebastian Bach.

Uns Christen werfen manche vor, wir würden aufs Jenseits vertrösten. Heute habe ich den Eindruck, dass in unserer Gesellschaft das Gegenteil der Fall ist: da werden wir allein mit dem Diesseits abgespeist. So läuft das Leben oft ab wie ein Besuch in einem Freizeitpark. Wer einmal drin ist, dem geht es darum, möglichst viel mitzunehmen. Paulus hat glasklar gesehen, dass hinter all dem die Angst steht: die Angst zu kurz zu kommen in diesem Leben. Sie versteckt sich hinter aller Gier, den Machtgelüsten, hinter Kriegen und allem Grausamen, was die Welt und Menschen sich so ausdenken können. Wer mit der Auferstehung rechnet und damit, dass unserem Leben vor dem Tod noch ein Leben nach dem Tod folgt, kann gelassener sein. Paulus schreibt in seinem Brief nach Korinth: Darum, meine lieben Geschwister, seid fest, unbeweglich und nehmt immer zu in dem Werk des Herrn, weil ihr wisst, dass euere Arbeit nicht vergeblich ist in dem Herrn (1.Kor.15,58).

Ich weiß nicht, wie Sie über Auferstehung denken. Nicht selten jedenfalls wird es als dogmatische Aussage gesehen – ohne großen Bezug zum Alltag. Weil diese Gefahr besteht, schärft schon der Apostel Paulus den Christen in Korinth ein, Auferstehung darf keine bloße theologische Formel bleiben. Es muss sich zum Beispiel auch im Beruf, der Familie oder der Freizeit zeigen, wenn jemand von einem Leben nach dem Tod ausgeht.

Menschen, die mit der Auferstehung rechnen, leben anders als diejenigen, die diese Hoffnung nicht haben. Denn sie erwarten nicht alles und jedes von diesem Leben. Darauf zu vertrauen, dass mit dem Tod nicht alles aus ist, weil Jesus ihm die Macht genommen hat, das hat ganz konkrete Folgen. Nämlich zuversichtlich zu sein, weil es seit Ostern eine begründete Hoffnung gibt. Zum Beispiel, sich nicht entmutigen zu lassen angesichts der Herausforderungen, vor denen unser Land steht. In einer Zeit, in der viel von der Ich-AG die Rede ist, sollten wir Christen eine GmbH bilden: eine Gemeinschaft mit begründeter Hoffnung. Und immer wieder von der Hoffnung reden, die uns seit Ostern geschenkt ist und uns trägt. Nicht als Zweckoptimisten nach dem Motto „Es wird schon werden“, sondern als Menschen, die von Auferstehungshoffnung bestimmt sind. Und die ermutigt sind durch die Worte des Apostel Paulus: „Wisst, dass euere Arbeit nicht vergeblich ist in dem Herrn.“

Dekan Günter Saalfrank      (St. Michaelis Hof)

Text: 

50 Das sage ich aber, liebe Brüder, dass Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht ererben können; auch wird das Verwesliche nicht erben die Unverweslichkeit.
51 Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden;
52 und das plötzlich, in einem Augenblick, zur Zeit der letzten Posaune. Denn es wird die Posaune erschallen und die Toten werden auferstehen unverweslich, und wir werden verwandelt werden.
53 Denn dies Verwesliche muss anziehen die Unverweslichkeit, und dies Sterbliche muss anziehen die Unsterblichkeit.
54 Wenn aber dies Verwesliche anziehen wird die Unverweslichkeit und dies Sterbliche anziehen wird die Unsterblichkeit, dann wird erfüllt werden das Wort, das geschrieben steht (Jesaja 25,8; Hosea 13,14): »Der Tod ist verschlungen vom Sieg.
55 Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?«
56 Der Stachel des Todes aber ist die Sünde, die Kraft aber der Sünde ist das Gesetz.
57 Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unsern Herrn Jesus Christus!
58 Darum, meine lieben Brüder, seid fest, unerschütterlich und nehmt immer zu in dem Werk des Herrn, weil ihr wisst, dass eure Arbeit nicht vergeblich ist in dem Herrn.


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