Predigt    1. Korinther 14/1-3,20-25   2. Sonntag nach Trinitatis   25.06.06

"Im Verstehen aber seid vollkommen"
(Von Pfarrer Martin Adel, Dreieinigkeit Hof)

Liebe Leser,

1. Glaube heißt verstehen – Wissenschaftssprache / Geistliche Sprache

muss man eigentlich, wenn man ein Christ ist, wenn man an Gott, den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist glaubt, muss man dann seinen Verstand an den Nagel hängen und einfach alles glauben, was in der Bibel steht oder wie es der Pfarrer oder die Pfarrerin sagt? Ich sage gleich vorne weg: Nein. Gott hat uns einen Verstand gegeben, dass wir nicht alles und jeden Blödsinn glauben sollen. Er hat uns einen Verstand gegeben, damit wir unterscheiden lernen zwischen den Dingen, die wichtig sind, und denen, die unwichtig sind.

Und hier steht es ja auch:
"Liebe Brüder und Schwestern, seid nicht Kinder, wenn es ums Verstehen geht; sondern seid Kinder, wenn es um Böses geht; im Verstehen aber seid vollkommen." Das ist mal ein Wort das so richtig zu Herzen geht. Was müssen wir uns oft herumschlagen mit solchen Sätzen: Das musst du halt einfach alles glauben in der Kirche.

Doch es fällt uns schwer, das einfach so alles zu glauben, in einer so wissenschaftshörigen Welt, die nur glaubt, was wiederholbar und beweisbar ist. Und damit wir auch alles glauben können, wie es in der Bibel steht, fangen dann besonders religiöse Gruppen an naturwissenschaftliche Beweise zu erbringen, dass ein Mensch tatsächlich im Magen eines Fisches drei Tage überleben kann und sie meinen damit die Echtheit und die Wichtigkeit der Jonageschichte bewiesen zu haben. Und verstanden haben sie nichts. Denn es kommt überhaupt nicht auf den Fisch an, sondern auf die Umkehr des Jona, dass er seinen Auftrag erfüllt.

Und umgekehrt meinen die Evolutionstheoretiker mit ihren sehr einleuchtenden biologischen Beweisketten und geologischen Befunden widerlegen zu können, dass die beiden Schöpfungsgeschichten, wie sie in den ersten Kapiteln der Bibel stehen, nicht stimmen, weil sie Beweise haben, dass die Erde nicht in sieben Tagen erstanden ist, sondern in Jahr Milliarden. Und sie haben nicht begriffen, dass es schon damals nicht um wissenschaftliche Beweise ging, sondern um die Frage: Wer ist der Herr der Welt? Wer hält das Universum zusammen? Und darauf haben wir eine Antwort gefunden: Es ist Gott und sonst keiner! Wie es dann geschah, das ist seine Sache und beschrieb der Mensch schon immer so, wie er es gerade verstand, ob im Garten Eden, in sieben Tagen oder heute als Urknall und Evolutionstheorie.

Glaube heißt nicht, seine Vernunft an den Nagel hängen zu müssen. Glauben aber heißt zu wissen, wo die Vernunft Stärken hat und wo ihre Grenze sind und darin Gott die Ehre zu geben. So wie Paulus schreibt: "Liebe Brüder und Schwestern, seid nicht Kinder, wenn es ums Verstehen geht; sondern seid Kinder, wenn es um Böses geht; im Verstehen aber seid vollkommen."

Vielleicht sollten wir uns wieder mehr bemühen in unserem Verstehen vollkommener zu werden und nicht Äpfel mit Birnen zu verwechseln und nicht meinen, nur weil 1 + 1 = 2  ist, dass wir damit schon die Wahrheit Gottes erkannt, geschweige denn ihn widerlegt hätten. In ganz amüsanter Weise hat das einmal Adrian Plass in seinem „Tagebuch eines frommen Chaoten“ zum Ausdruck gebracht. Einige von ihnen werden es bereits kennen:

Das Büroklammer – Experiment S.22-27 (Auszüge)

Montag, 6.Januar
Machte auf dem Heimweg von der Arbeit einen Abstecher in den christlichen Buchladen. All diese Bücher! Gerald (sein Sohn) sagt, erbauliche Taschenbücher sind wie chinesisches Essen. Zunächst sehr sättigend, aber es dauert nicht lang, bis man wieder was braucht. Erwischte aber diesmal ein wirklich gutes Buch über den Glauben. Es heißt: "Du liebe Güte was in aller Welt tun wir in Gottes Namen um Himmels willen?" Finde den Titel sehr originell. Es geht darum, wie Christen durch den Glauben Berge versetzen können, wenn sie wirklich im Einklang mit Gott sind. Sehr inspirierend.
Zu Hause angekommen) wartete (ich), bis keiner in der Nähe war und begann, mit einer Büroklammer zu üben. Legte sie auf den Schreibtisch, blickte sie gebieterisch an und wollte, dass sie sich bewegt. Nichts! Versuchte, es ihr mit lauter Stimme zu befehlen. In diesem Moment kam Gerald herein und fragte: "Warum schreist du so rum, Papa?“
Konnte ihm schlecht erklären, dass ich einer Büroklammer Kommandos gab!
Sagte, ich übe Stimm-Projektion. Er fragte: „Was ist denn das?“ Ich sagte: „ Weiß ich selber nicht.“ Fühlte mich wirklich belämmert.
Am Abend ein weiteres Rendezvous mit der Büroklammer. Nahm diesmal wirklich Vollmacht über sie in Anspruch. Rührte sich keinen Millimeter vom Fleck. Sagte Gott, ich würde alles aufgeben, was er von mir verlangt, wenn er sie dazu bringen würde, sich wenigstens drei Zentimeter zu bewegen. Nichts!
Alles ziemlich besorgniserregend. Wenn man bloß den Glauben von der Größe eines Senfkorns braucht, um einen ganzen Berg zu versetzen, wie viel Hoffnung gibt's dann für mich, wo ich nicht mal eine Büroklammer motivieren kann, zu machen, was man ihr sagt!

Samstag, 11. Januar
Stand heute zeitiger auf, um dieser verflixten Büroklammer eine letzte Chance zu geben. Endete damit, dass ich sie grimmig, wenn auch phon-schwach (weil ich keinen wecken wollte) anzischte. Als ich aufgab und die Tür aufmachte, stieß ich auf Anne (seine Frau) und Gerald im Nachthemd, die gelauscht hatten und ziemlich besorgt aus der Wäsche guckten.
Anne sagte: „Schatz, warum sagst du zu der Büroklammer, du würdest ihr schon zeigen, wo's langgeht, wenn sie nicht endlich ihren dämlichen Akt bringt?“
Erklärte mit dem Rest von Würde, den ich aufbringen konnte, dass ich ein Glaubensexperiment durchgeführt habe und ein bisschen aus der Haut gefahren bin, weil’s nicht geklappt hat.
Anne sagte: „Aber Liebling, Christsein heißt doch nicht, einem magischen Zirkel anzugehören. Warum sollte Gott wollen, dass du durch den Glauben eine Büroklammer versetzt?“
Gerald rieb sich die Augen und sagte: „Papa, ich finde, du bist unbezahlbar. Ich würde dich nicht für viel Geld hergeben.“
Gefiel mir, dass er das sagte. Anne kochte mir ein warmes Frühstück. Fühlte mich wirklich ziemlich glücklich."

Glauben heißt nicht, die Vernunft in den Schrank zu sperren, sondern zu lernen, in welche Dimension Gott hineinspricht und wofür er Naturgesetze eingesetzt hat, die wir zu erforschen und zu ergründen haben. Und dabei beides nicht miteinander zu verwechseln. Martin Luther schreibt passend dazu schon vor 500 Jahren:

"Jede Wissenschaft hat ihre Sprache

Hier muss ich wiederholen, was ich bereits mehrfach gesagt habe: Wir müssen uns an die besondere Art und Weise gewöhnen, in der der Heilige Geist redet, wie ja auch die anderen Künste [Wissenschaften] niemand fruchtbar studieren kann, der nicht ihre Sprechweise beherrscht. So haben die Juristen ihre besonderen Termini, die die Mediziner und Philosophen nicht kennen; und so haben auch diese je ihre eigene Sprachen, die den anderen Künsten und Berufen unbekannt sind. Nun soll die eine Kunst die anderen nicht bevormunden, sondern jede soll an ihrer eigenen Ausdrucksweise festhalten. So sehen wir, dass der Heilige Geist auch seine Sprache und Art hat zu reden. Nämlich: dass Gott alles sprechend erschaffen, durch sein ungeschaffenes Wort gewirkt habe. Wie der Philosoph seine besonderen Ausdrücke gebraucht, so auch der Heilige Geist. Und der Astronom benutzt seine sogenannten Sphären, Auges, Epizykel etc. mit vollem Recht, denn gerade so kann er richtig und angemessen lehren. Aber die Heilige Schrift benutzt diese Begriffe nicht, sondern nennt das ganze über uns befindliche himmlische Gebäude einfach Himmel. Das soll der Astronom nicht zu verbessern suchen noch tadeln; sondern er soll seine Ausdrücke behalten und die Schrift in ihrer Art reden lassen.
Die Astronomen sagen auch, der Mond habe sein Licht von der Sonne. ... Dies bestreite ich nicht, bin aber der Ansicht, dass es eine göttliche Kraft ist, die der Sonne ein solch großes Licht gegeben hat, dass es auch den Mond zu erhellen vermag. ... Bei den Astronomen, den Meistern dieser Kunst, findet man am allerbesten, wie diese Dinge zu erörtern sind. Ich lasse mir daran genügen, dass wir aus so herrlichen und zu unserem Leben nützlichen Geschöpfen zugleich Gottes Güte und Macht erkennen, der diese Dinge durch das Wort geschaffen hat und noch heute uns zu Dienst und Nutzen erhält und regiert. Dies gehört zu unserem Beruf und ist etwas Theologisches; es hat die Kraft, die Herzen zu trösten und fest zu machen."
(Aus dem Genesis Kommentar von 1544; zit. nach: Glaube und Naturwissenschaft, Quellentexte, hrg. von G. Süßmann und H. R. Rapp, Göttingen sig87)


2. Prophetische Rede – Erbauung, Ermahnung (= Ermutigung), Tröstung

Schuster, bleib bei deinem Leisten, hat man früher öfter gesagt und es würde vielen von uns gut tun, wenn wir wieder unterscheiden würden zwischen der religiösen Wahrheit, die die Herzen „tröstet und fest macht“ und den knallharten Fakten dieser Welt. Ich habe letzten einige Aufsätze zur „Spiritualität von Männern“ gelesen und gerade sie tun sich oft schwer, zu unterscheiden zwischen der Fakten ihres Arbeitsalltages und dem, wovon der Glaube spricht und was dem Herrn hilft. Dabei ist ihr Sehnen genau dieses, was Paulus im Glauben gefunden hat: "Wer aber prophetisch redet, der redet den Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung (griech: zur Ermutigung und zur Tröstung)."


Keiner von uns braucht religiöse Floskeln und auch keine kirchliche Insidersprache. Mir waren sie immer zuwider, diese Friede, Freude, Eierkuchenpredigten, in denen hinten Friede und Liebe herausgekommen ist, aber nichts Hilfreiches oder Ermutigendes oder Ermahnendes oder Tröstendes für mein Leben. Diese Zungenreden, die keiner versteht und die im Gelalle verlallen brauchen wir nicht. Kann sein, dass wir in der Glossolalie, im Zungenreden und im ekstatischen Gruppen- oder Gottesdiensterlebnis selber innerlich auftanken oder eine Begegnung mit Gott hatten. Dann ist das gut so.
Aber der Glaube muss sich übersetzen in den Alltag, in die Praxis und ins Verstehen für den anderen. Ein Verstehen, das umfassender ist als nur unser naturwissenschaftliches Denken. Aber dennoch ist es ein Verstehen, das sich dem anderen mitteilen will und mitteilen lässt, ohne dass dieser gleich selber zum Glauben kommen müsste.

4. Suche nach den wahren Worten – Streben nach der Liebe

Wir brauchen die prophetische Rede, damals wie heute, die sich auf die Suche begibt nach dem rechten Wort zur rechten Zeit. Und dazu brauchen wir Mut und Gelassenheit, aber nicht Gemobbe. Wir brauchen auch kein besserwisserisches oder apokalyptisches: Ihr werdet schon noch sehen. Was wir brauchen, sind überzeugende, offene und öffnende Worte, getragen von einem tiefen Glauben.

Glauben hat etwas mit Vertrauen zu tun, aber nicht mit Blindheit. Und das ist das, was wir der Welt geben können. Wir können ihr etwas abgeben von unserm Mut, den wir im Glauben gefunden haben, um den Kopf nicht in den Sand zu stecken, sondern voller Hoffnung nach Vorne zu blicken. Wir können ihr etwas zeigen von unserem Vertrauen, mit dem wir uns den Höhen und Tiefen des Lebens stellen. Wir können sogar von unseren Schwächen und unserem Scheitern erzählen, weil wir dadurch nicht unser Gesicht verlieren, sondern wahrhaftig werden vor Gott.

Darin steckt das vollkommene Verstehen. Und das ist größer als nur beharrlich nachzubeten: 1+1=2 und glauben tu ich nur, was ich sehe. Damit wird man nicht glücklich. Wir nicht und die anderen um uns herum auch nicht. Denn die Liebe und die Nachsicht, die Hand, die zärtlich über meinen Kopf streichelt und das Danken und Staunen und die Barmherzigkeit und das verzeihende Wort haben darin keinen Platz.

Ja, wir müssten mehr nach den prophetischen Worten suchen, die verstehen und die Welt hinter der Welt erklären und trösten und ermutigen und ermahnen und auferbauen. Weil darauf eine Verheißung liegt, die Verheißung Gottes wie er seine Kirche bauen will: "Wenn sie aber alle prophetisch redeten und es käme ein Ungläubiger oder Unkundiger hinein, der würde von allen geprüft und von allen überführt; was in seinem Herzen verborgen ist, würde offenbar, und so würde er niederfallen auf sein Angesicht, Gott anbeten und bekennen, dass Gott wahrhaftig unter euch ist."

Zeige uns Gott, wie wir die rechten und richtigen Worte finden, ermutigend und ermahnend, erbauend und tröstend, keine Floskeln oder religiöse fast food, sondern Worte, damit wir im Verstehen vollkommen werden und begreifen, worin die Wahrheit des Wortes Gottes liegt, uns und unserem Nächsten zum Heil.
 

Pfarrer Martin Adel   (Dreieinigkeitskirche Hof)

Text: 

1 Strebt nach der Liebe! Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber um die Gabe der prophetischen Rede!
2 Denn wer in Zungen redet, der redet nicht für Menschen, sondern für Gott; denn niemand versteht ihn, vielmehr redet er im Geist von Geheimnissen.
3 Wer aber prophetisch redet, der redet den Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung.
20 Liebe Brüder, seid nicht Kinder, wenn es ums Verstehen geht; sondern seid Kinder, wenn es um Böses geht; im Verstehen aber seid vollkommen.
21 Im Gesetz steht geschrieben (Jesaja 28,11-12): »Ich will in andern Zungen und mit andern Lippen reden zu diesem Volk, und sie werden mich auch so nicht hören, spricht der Herr.«
22 Darum ist die Zungenrede ein Zeichen nicht für die Gläubigen, sondern für die Ungläubigen; die prophetische Rede aber ein Zeichen nicht für die Ungläubigen, sondern für die Gläubigen.
23 Wenn nun die ganze Gemeinde an einem Ort zusammenkäme und alle redeten in Zungen, es kämen aber Unkundige oder Ungläubige hinein, würden sie nicht sagen, ihr seid von Sinnen?
24 Wenn sie aber alle prophetisch redeten und es käme ein Ungläubiger oder Unkundiger hinein, der würde von allen geprüft und von allen überführt;
25 was in seinem Herzen verborgen ist, würde offenbar, und so würde er niederfallen auf sein Angesicht, Gott anbeten und bekennen, dass Gott wahrhaftig unter euch ist.
 


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