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Predigt Männersonntag 2005 16.10.05
"Hauptsache gesund" |
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Liebe Leser,
„Hauptsache gesund“ ist das Motto dieses Gottesdienstes am Männersonntag. „Hauptsache gesund“ ist das Lebensmotto vieler Menschen. Wenn ich Eltern bei Taufgesprächen frage, was sie denn ihrem Kind wünschen, so lautet die Antwort meist: der Sohn oder die Tochter möge gesund bleiben. Auch bei Geburtstagsbesuchen ein ähnliches Bild: „Ich wünsche mir vor allem Gesundheit“ so die häufigste Antwort. "Hauptsache gesund". Sehr viel Geld wird für die Gesundheit ausgegeben. Von Jahr zu Jahr steigen die Ausgaben der Krankenkassen oder - wie sie sich jetzt zum Teil nennen - der Gesundheitskassen. Und auch aus der eigenen Tasche zahlen Menschen - so weit es ihnen möglich ist - viel, um ihre Gesundheit zu erhalten oder wiederzugewinnen. Die Angebote für Wellness oder Gesundheitsfürsorge haben Hochkonjunktur. "Hauptsache gesund". Keine Frage: Gesundheit ist sicher ein hohes Gut. Aber es ist das ein und alles? Für manche Menschen scheint es so zu sein. Für sie ist die Gesundheit eine Art Ersatzreligion. Als komme es im Leben nur auf dieses eine an: gesund zu sein. Als sei die Gesundheit das entscheidende Kriterium dafür, ob ein Leben lebenswert und sinnvoll ist. Als müsse sich alles im Leben dem einen unterordnen: „Hauptsache gesund“. Gesundheit wird zudem oft auf einen Aspekt verkürzt: auf die körperliche Gesundheit. Darauf, dass der Körper gut und richtig funktioniert. Das ist ohne Frage wichtig. Aber daneben gibt es noch einen weiteren, entscheidenden Gesichtspunkt: die seelische Gesundheit. Das heißt mit sich selbst im Reinen, im Einklang zu sein. Nicht selten haben körperliche Beschwerden seelische Ursachen. Dieser Zusammenhang - die Fachleute sprechen von psychosomatischen Erkrankungen - wird immer mehr gesehen. Wenn ein Mensch mit sich selbst im Reinen ist, also seelisch gesund, kann er auch leichter mit körperlichen Einschränkungen umgehen und diese werden nicht mehr so dominieren. Wie die blinde Frau, die vor kurzem bei einer Wette in einer Fernsehshow auftrat. Der Fernsehmoderator fragte sie, ob sie sich denn wünscht, wieder das Augenlicht zu bekommen. Die erstaunliche Antwort: Nein. Wahrscheinlich könne sie die vielen Eindrücke, die dann auf sie einströmen würden, gar nicht in sich aufnehmen. Das würde sie wohl überfordern. Sie sei von klein auf blind und kenne es deshalb nicht anders. Manchmal sei es sicher nicht einfach, mit der Einschränkung zu leben. Die blinde Frau machte insgesamt einen sehr zufriedenen Eindruck. So, als ich sie mit sich und ihrer Situation im Reinen. Seelisch gesund trotz körperlicher Handicaps - dafür war die blinde Frau ein sehr eindrucksvolles Beispiel. Einem Millionenpublikum gewährte sie einen Blick in ihr Inneres. Sie redete sehr offen. Ob sie das konnte, weil sie eine Frau ist? Wir Männer jedenfalls tun uns da meist viel schwerer. Uns fällt es nicht so leicht, über die Dinge zu reden, die uns zu schaffen machen und uns belasten. Vielleicht auch deshalb, weil wir meinen, wir müssten stark sein und dürften möglichst keine Gefühle zeigen. Nicht selten fressen wir das in uns hinein, was uns drückt. Vielleicht auch, weil wir denken, wir müssten es alleine mit uns ausmachen. Dabei laden wir uns aber schnell zu viel auf und überfordern uns. Wichtig ist, davon zu erzählen, was einem Beschwer macht: Die Probleme am Arbeitsplatz; die Sorge, ohne Job zu sein; der Verlust des Arbeitsplatzes oder die Angst vor körperlichen Einschränkungen. Es braucht geschützte Räume, um über diese Punkte zu reden. So ist es möglich, dass wir Männer aus unserem Schneckenhaus herauskommen und unsere Sprachlosigkeit überwinden. Wenn ich sehe, wie ein Anderer über Gefühle redet und darüber, wo ihm der Schuh drückt, so kann ich auch leichter über die Dinge sprechen, die mich beschäftigen. Etwa darüber, dass ich an manchen Punkten mit mir selbst, mit anderen und mit Gott hadere. Gut, dass es zahlreiche Männerkreise im Dekanat gibt. Sie sind wichtige Anlaufstellen für Männer. Apropos Männer: Wir sind schon eine besondere Art Mensch. Zum einen ist unsere Lebenserwartung über fünf Jahre geringer als die von Frauen. Zum anderen missachten wir oft körperliche Warnsignale und sind nur schlecht in der Lage, zu entspannen. Viele von uns räumen der Arbeit Vorrang vor ihrer Gesundheit ein. Frauen sind da deutlich gesundheitsbewusster und gehen häufiger zu Vorsorgeuntersuchungen. Insgesamt ist das Verhältnis von uns Männern zu unserem Körper so, dass der in der Regel wie eine Maschine zu funktionieren hat. Die nötige Sorge, Sensibilität und Verantwortung bleiben dabei leicht auf der Strecke. Wir reagieren auf gesundheitliche Störungen oft erst dann, wenn unsere Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt ist. Dass wir Männer wenig auf unseren Körper achten, hängt wohl besonders mit unserem Selbstbild zusammen, bloß keine Schwäche zu zeigen: Krankheit, Beschwerden, Schmerzen, Leiden gelten als Zeichen von Schwäche und werden nicht entsprechend wahrgenommen oder verheimlicht. Doch wie ist es, wenn eine Krankheit nicht mehr zu verheimlichen ist und sie einen im Griff hat? Krankheiten können Menschen ganz schön aus der Bahn werfen, vor allem uns Männer. Verständlich, wenn wir uns dann wünschen, möglichst schnell wieder gesund zu werden. Wenn wir auf ein Wunder hoffen - darauf, dass Gott schnell eingreift. Sicher finden sich in der Bibel zahlreiche Heilungswunder: Wo Jesus Menschen gesund gemacht hat, die zum Teil seit Jahren oder Jahrzehnten unter einer Krankheit litten. Eine große Anzahl von Menschen erfuhr so, wie Jesus auf besondere Weise in ihr Leben eingriff und eine Leidenszeit beendete. Verständlich deshalb der Wunsch auf solche Wunder heute. Bei allen Heilungsgeschichten in der Bibel darf aber nicht übersehen werden, dass Jesus immer nur Einzelne gesund machte und nicht alle Menschen, die herumstanden. Und es ist zudem nirgends davon die Rede, dass es eine Art "Rechtsanspruch" auf Gesundheit gibt. Jesus hat nicht ewige Gesundheit und ewige Jugend versprochen. „Hauptsache gesund“ ist nicht das Motto in der Bibel. Heilungen sind kein Selbstzweck. Sie werden vielmehr oft in einen größeren Zusammenhang gestellt. Zum Beispiel, dass dadurch gezeigt wird, welche Macht und Kraft Jesus hat. Oder dass durch die Wunder die Werke Gottes offenbar werden sollen. Wie bei dem Gelähmten im ersten Kapitel des Markusevangeliums, der nach seiner Heilung zum ersten Missionar im Markusevangelium wird. Der anderen weiter erzählt, was Jesus Wunderbares getan hat. So kommt es, dass viele Menschen Jesus kennen lernen wollen und ihn dann erleben. Auch wenn es manchmal so scheinen mag: Gesundheit ist nicht das ein und alles in der Bibel. Sicher hat Jesus Menschen geheilt. Aber er hat auch gesagt: „Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden.“ Oder er hat dazu aufgerufen, Schweres zu tragen: „Will jemand mir nachfolgen, der nehme sein Kreuz auf sich". Es kann ein tieferer Sinn hinter einer Krankheit oder eine Leidenszeit stehen. Sodass jemand oder die Angehörigen in Schweren etwas Positives entdecken können. Der französische Schriftsteller Andre Gide hat dies auf die Formel gebracht: Krankheiten sind Schlüssel, die uns gewisse Tore öffnen können. „Hauptsache gesund“. So erstrebenswert dies auf den ersten Blick erscheint, so kurz gegriffen ist dieses Ziel. Denn Krankheiten und schwere Zeiten können auch eine wichtige Funktion haben: Erst wer Schmerzen erlebt hat, weiß letztlich, was körperliches Wohlbefinden bedeutet. Erst wer Leiden durchgemacht hat, erfährt im Grunde, welches Geschenk die Gesundheit ist. Erst wer dunkle Tage durchlitten hat, kann sich so richtig über helle Tage freuen. Erst wer erfahren hat, an welch seidenem Faden das Leben hängt, wird richtig dankbar für jeden neuen Tag, für den Spielraum und die Möglichkeiten, die er noch hat. Noch etwas: Ein sinnvolles und erfülltes Leben kann es auch trotz körperlicher Einschränkungen geben - wie das Beispiel der blinden Frau aus der Fernsehshow zeigt. Gesundheit ist eben nicht das ein und alles. Vielmehr kommt es darauf an, mit sich selbst, mit Mitmenschen und mit Gott im Reinen zu sein. Statt „Hauptsache gesund“ ist deshalb im Leben ein anderes Ziel entscheidender: "Hauptsache sinnvoll leben.“ Übrigens: Ein Motto, das für Frauen und Männer gleichermaßen gilt. |
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