Predigt     6. Sonntag nach Trinitatis     19.07.09

"Das Dritte Gebot aus medizinischer Sicht"
(Predigt von Prof. Dr. med. Dipl. Psych. Frank Erbguth, Nürnberg, in der St. Michaelis Kirche in Hof)
 

Einführung:

„Alles hat seine Zeit“, heißt es beim Prediger Salomo im Alten Testament. Und da ist davon die Rede, dass pflanzen seine Zeit hat und ausreißen, bauen und abrechen, lachen und weinen, behalten und verlieren, reden und schweigen, lieben und hassen. Alles hat seine Zeit. Vieles ließe sich bei dieser Aufzählung noch hinzufügen – vor allem arbeiten hat seine Zeit und ausruhen hat seine Zeit. Ja, es hat sogar seinen ganz bestimmten Rhythmus: Sechs Tage zu arbeiten und am siebten Tag zu ruhen.

„Und Gott segnete den siebten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken.“ Diese Worte des Schöpfungsberichtes sind der Beginn der sieben-Tage-Woche, die Erfindung eines arbeitsfreien Tages in der Woche. Diese Worte aus den ersten Seiten der Bibel sind die große Erlaubnis, das Leben in Rhythmen von Schaffen und Erholung einzuteilen.

Zuvor heißt es im Schöpfungsbericht, dass Gott zunächst Tiere segnete und dann Menschen. Und vom siebten Tag der Woche wird berichtet, dass Gott diesen Tag segnete. Der Ruhetag steht also unter dem besonderen Schutz und Segen Gottes. Er ist ein Geschenk Gottes, um im Getriebe des Alltages nicht zu Getriebenen zu werden.

Der siebte Tag der Schöpfungsgeschichte ist der Sabbat, der Samstag – der Ruhetag der Juden. Der folgende Sonntag – der Sonnentag – erinnert daran, wie Gott das Licht in die Welt gebracht hatte. Schon früh widmeten Christen diesen Tag ihrem Glauben. Denn es ist auch der Tag, an dem Jesus Christus auferstanden war. Der Sonntag ist für uns Christen also nicht der Abschluss der Woche, sondern der Beginn. Der jüdische Philosoph Franz Rosenzweig schreibt deshalb: „Der Christ ist der ewige Anfänger; das Vollenden ist nicht seine Sache. Anfang gut, alles gut.“

In der Vergangenheit gab es immer wieder Versuche, die sieben-Tage-Woche abzuschaffen und einen anderen Rhythmus einzuführen. Weil der russische Diktator Josef Stalin die teuren industriellen Maschinen Tag und Nacht laufen lassen wollte, erschuf er im Jahr 1929 die fünf-Tage-Woche - ohne Wochenende versteht sich. Der Monat zu sechs Wochen und dazu jährlich fünf sozialistische Feiertage ergaben ein Jahr mit 73 Wochen. Die Folge: Die Produktivität sank, ein gefährliches Chaos entstand. Dies musste auch Stalin einsehen. So entschied er sich bereits 1931 zu einer sechs-Tage-Woche mit einem freien Tag.

Heute wird der arbeitsfreie Tag in der Woche immer wichtiger. Angesichts wachsender Belastungen durch den weltweiten Wettbewerb und den ständigen Wandel bekommen Zeiten der Muße, Erholung und Besinnung immer mehr Bedeutung. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble hat dies so auf den Punkt gebracht: „Sonn- und Feiertage schaffen einen Freiraum, in dem der Einzelne und die Gemeinschaft Bedürfnisse stillen können, die im Alltag häufig zu kurz kommen.“ In einer Zeit der Beschleunigung braucht es also verstärkt Phasen der Entschleunigung. Um Tempo aus dem Leben herauszunehmen, um ein oder mehrere Gänge herunterzuschalten. Der Sonntag ist ein Geschenk Gottes, um regelmäßig entschleunigen zu können.

„Alles hat seine Zeit“, sagt der Prediger Salomo im Alten Testament. Im Blick auf unseren Lebensrhythmus meint das: Arbeiten hat seine Zeit und ausruhen hat seine Zeit, beschleunigen hat seine Zeit und entschleunigen hat seine Zeit. Gott sei Dank, dass es diesen Rhythmus gibt.

Dekan Günter Saalfrank (Hof)

Predigt:

Liebe Leser,

zuerst möchte ich Ihnen Herr Dekan Saalfrank herzlich für die Einladung danken, Ihrer St. Michaelis Gottesdienstreihe zum dritten Gebot einige medizinische Überlegungen hinzufügen zu dürfen. Zwar ist die Thematik nicht mein eigentlicher wissenschaftlicher Schwerpunkt; aber die Zusage war für mich aus einem besonderen Grund Freude und Verpflichtung: hier in der Michaeliskirche meiner Heimatstadt Hof wurde ich vor etwas mehr als 53 Jahren getauft.

Lassen Sie mich mit zwei Vorbemerkungen beginnen:

Zum Ersten: Eine unmittelbare und direkte medizinische Begründung des sonntäglichen Arbeitsverbots werde ich Ihnen nicht liefern können: es existieren keine harten Fakten, die etwa belegen würden, dass die Zahl der Herzinfarkte, Schlaganfälle oder Krebserkrankungen ansteigen würde, wenn man das Sonntagsarbeitsverbot abschafft und die Ladenöffnungszeiten ausweitet. Daher sind meine Argumente für die Achtung des 3. Gebotes eher indirekt biologisch-medizinischer Natur und berücksichtigen auch psychologische, sozialpsychologische und kultursoziologische Aspekte. Anders ist das übrigens bei der Nachtschichtarbeit: hier sind direkte medizinische Argumente zu finden, mit denen man gegen die Ausweitung von Nachtarbeit argumentieren kann.

Zum Zweiten: Bin ich als Arzt nicht genau der Falsche, wenn es darum geht, für den Schutz des arbeitsfreien Sonntags zu werben, wo doch für mich und meine Mitarbeiter und Kollegen Sonntagsarbeit fast schon zum Alltag gehört? Sonntagsarbeit ist aber auch für uns die Ausnahme von der Regel und jedesmal, wenn es um die Aufstellung des Dienstplans in unserer Klinik geht, merkt man – vielleicht glücklicherweise - wie schwierig es ist, die Sonntagsdienste zu verteilen, da viele Mitarbeiter berechtigte Hinderungsgründe anführen, warum dieser oder jener Sonntag dienstfrei bleiben sollte, weil gerade da Familienunternehmungen anstehen oder einfach ein zusammenhängendes Wochenende zum Faulenzen oder Ausspannen benötigt wird.

Diese zu beobachtende Zurückhaltung der Menschen, sich für den Sonntag für Arbeit verplanen zu lassen, führt schon gleich zu meiner These, die lautet:

Für den Lebens- und Arbeitsrhythmus des Einzelnen sind aus medizinischer und psychologischer Sicht rhythmische Tage der Freizeit als vorgegebene Unterbrechungen und Zäsuren immens wichtig für den Erhalt der Lebenszufriedenheit und Arbeitsfähigkeit. Während es bei Betrachtung des Einzelnen nicht so entscheidend wäre, welcher Tag dieser „Ausnahmetag“ wäre, so ist im Beziehungsgeflecht mit anderen Menschen, innerhalb der Familien oder nach außen mit Freunden und im gesamten gesellschaftlichen Kontext eine Gleichschaltung und Synchronität dieses Erholungstages unerlässlich. Dies erst ermöglicht es dem Einzelnen, die Besonderheit – oder sagen wir biblisch „das Heilige“ - an diesem Ausnahmetag – dem Sonntag – erfahren zu können. Das ist wohl gemeint, wenn das Grundgesetz und auch die Bayerische Verfassung von den Sonn- und Feiertagen als Tagen „der seelischen Erhebung und Arbeitsruhe“ spricht. Die Aufgabe des Schutzes dieser Oase würde negative Auswirkungen auf die Volksgesundheit, die Beziehungen, die Kultur und letztlich auch auf die Wirtschaft haben.

Nun zu den Argumenten:

Ein Kennzeichen des Kosmos und der Biologie sind Rhythmen. Hell und Dunkel, Jahreszeiten, Ebbe und Flut. Rhythmen kennzeichnen auch den Organismus des Menschen: Da gibt es den pulsierenden Herzschlag, das Aus- und Ein- und die Pause beim Atmen, den Schlaf-Wach-Rhythmus, komplexe hormonelle Zyklen und selbst der Darm ist in seiner Verdauungstätigkeit Rhythmen unterworfen. Als wesentlicher Taktgeber und Koordinator dieser körperlichen Rhythmen fungiert das vegetative – oder auch „autonom“ genannte – Nervensystem mit seinen Schaltstellen im Gehirn und seinen Nervenfasern in allen Organen. Als autonom wird es bezeichnet, weil es weitgehend unabhängig vom Zugriff unseres Willens arbeitet und damit der Verfügbarkeit entzogen ist. Auch psychische Funktionen, Konzentrations- und Leistungsfähigkeit, und Affekte unterliegen Schwankungen. Werden diese Rhythmen von innen oder außen extrem ausgelenkt oder aus dem Tritt gebracht, so führt dies zu körperlichen und psychischen Erkrankungen: das gilt etwa für pausenlose Daueranspannung und ständige Leistungsbereitschaft oder für die erwartete Dauereuphorie der „Gesellschaft der ewigen Jugend“. Konzentration, Anspannung und Aktivität ohne tageweise richtige Pausen führen zur enorm hohen Dauerausschüttung von Stresshormonen und Kortisol, was nachgewiesenermaßen körperliche und psychische Schäden nach sich zieht: es kommt zu Schlafstörungen, Depression, hohem Blutdruck, Zuckererkrankung und damit zu Gefäßschäden. Diese wiederum bahnen den Weg zu Herzinfarkt und Schlaganfall. Hier stimmt durchaus das Klischee vom ungesunden Stress. Die Stressforscher haben auch herausgefunden, dass Stress besonders dann gesundheitsschädliche Folgen hat, wenn unsere Arbeitsbedingungen wenig Struktur und Regelmäßigkeit in den Rhythmen zwischen Anspannung und Erholung bieten und wenn diese Rhythmen als willkürlich von außen gesteuert erlebt werden und wir uns in unserer Arbeit als von außen verfügt erleben. Genau das aber würde passieren, wenn die Sonntagsruhe für noch mehr Menschen zur Disposition stünde.

Obwohl die autonomen vegetativen Vorgänge in der Biologie eigentlich dem willkürlichen Zugriff entzogen sind, hat dennoch der Mensch als einziges biologisches Wesen die Freiheit, sich über seine inneren Uhren und Rhythmen willkürlich – zumindest vorübergehend – hinwegzusetzen. Tiere können das nicht. Ein Hund etwa käme nie auf die Idee, einmal eine Nacht durchzumachen oder eine Eule würde nur unter Extrembedingungen am Tage aktiv sein. Diese biologische Freiheit des Menschen ist aber nicht ohne Nebenwirkung: die Rhythmusverletzungen fordern bei längerer Dauer ihren biologischen Tribut und versuchen über Warnzeichen die Rückkehr zum Rhythmus zu erzwingen – denken Sie an den Jetlag. Hier allerdings sind wir ja inzwischen kreativ, wenn es darum geht, die Warnzeichen außer Kraft zu setzen: da wird die zur Ruhe zwingende Müdigkeit mit Red-Bull niedergespült und wenn man dann zu aufgedreht keinen Schlaf findet, wird mit einem eingeworfenen Beruhigungsmittelchen gegengesteuert. Hirn-Doping oder Neuro-Enhancement ist die Bezeichnung für den wachsenden Gebrauch von wachmachenden Medikamenten wie Ritalin oder Vigil zur Leistungssteigerung von Menschen – übrigens auch von Wissenschaftlern - eigentlich waren diese Medikamente für Kranke gedacht. Etwa 1 Million Deutsche nehmen mittlerweile regelmäßig Medikamente ein, um den Anforderungen am Arbeitsplatz zu genügen. Auf Dauer lassen sich die biologischen Rhythmen allerdings nicht außer Kraft setzen: die körperlichen und psychischen Warnzeichen werden drastischer: wir Ärzte finden hohen Blutdruck, Herzrhythmusstörungen, Schlaflosigkeit, Depressivität, sexuelle Störungen und das sogenannte burn-out-Syndrom. In der Arbeitsmedizin weiß man, dass beispielsweise Menschen die regelmäßig nachts arbeiten, 5-10 mal so häufig unter den genannten Beschwerden leiden wie Menschen, die ausschließlich tagsüber arbeiten.

Gesundheitliche Folgen der Beschleunigung und Verdichtung am Arbeitsplatz sind an weiteren statistischen Daten greifbar: während die jährlichen Krankschreibungstage auf etwa 7 zurückgegangen sind, steigt die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage wegen psychischer Erkrankungen in Form von Angsterkrankungen, Panikattacken und Depressionen ständig weiter an und beträgt mittlerweile 27 Tage. Darüber hinaus stellen mittlerweile psychische Störungen die häufigste Ursache von Frühberentungen dar; der Verband der Betriebsärzte sieht die Ursachen in der beschleunigten Arbeitswelt. Für die Installierung weiterer und höherer Arbeitsverfügbarkeit und die Auflösung der „natürlichen“ oder kulturell gegebenen Arbeitskorridore würde die Wirtschaft einen hohen Preis zahlen, weil die Zahl der „Kollateralschäden“ in Form der genannten Erkrankungen zunehmen würde.

Die Freiheit, uns zeitweise den gesundheitsverträglichen Rhythmen entziehen zu können, legt uns gleichzeitig die Bürde auf, die Grenzen selbst zu setzen und zu regulieren. Dies ist eine hohe Anforderung – meist eine Überforderung. Das rechte Maß selbst zu finden, ist besonders dann schwierig, wenn von Außen – gerade im Kontext der Arbeitswelt – direkter Druck ausgeübt wird oder indirekt durch Strukturveränderung entsteht. Daher ist es doch zu begrüßen und stellt geradezu eine „antiquierte Gnade“ dar, dass mit dem Sonntag eine von außen gesetzte und ohne eigene Anstrengung bestehende geschützte Rettungsinsel besteht in den Wogen der an den Einzelnen herangetragenen Verfügbarkeitswünschen. Es ist sehr energiesparend, dass man sich um die Errichtung dieser Zeitinsel ausnahmsweise mal nicht selbst kümmern muss – Religion und Kultur haben sie einfach so dahingestellt. Wir sollten sie nicht so einfach opfern! Auch wenn der heilige Sonntag manchmal polemisch dargestellt wird wie eine antiquierte heilige Kuh.

Wir haben doch zugunsten der Freiheit und allgegenwärtigen Spontaneität und Verfügbarkeit schon eine Menge heiliger Kühe und Grenzen außer Kraft gesetzt und gesprengt – oder sollte man besser sagen „geopfert“. Die Nebenwirkungen holen uns gerade ein. Eine Rund-um-die Uhr-Gesellschaft macht sich breit, in der jeder stets erreichbar, und damit präsent und verfügbar ist. Und eins weiß die Medizin schon: ständige Verfügbarkeit macht krank. Auch wenn Vieles durch moderne Kommunikation einfacher und bequemer erscheint, hat doch dadurch die Arbeitswelt vielfach die Grenze ins Privatleben schon durchbrochen - denken sie an die ständige Erreichbarkeit per Handy und E-Mail; für Entspannung und Rückzugsräume fehlen Zeit und Raum. Ich denke, jeder Handybenutzer weiß: das anfangs nette und nützliche Privileg der ständigen Erreichbarkeit ist mittlerweile zur Dauerplage geworden.

Gesamtgesellschaftlich und nicht zuletzt in Wirtschaftkreisen hat man die Nachteile dieser kommunikativen Omnipräsenz, Verfügbarkeit, Arbeitsverdichtung und -beschleunigung durchaus erkannt und es wird kaum mehr ein Managerseminar angeboten, wo es nicht um Entschleunigung, Vereinfachung und Abkoppelung von der Dauerverfügbarkeit geht. Man sucht krampfhaft nach Inseln und Oasen, da werden Fitnessstudios und Joggingprogramme mit ihren mühevollen Exerzitien als Kompensation gepriesen, christliche oder buddhistische Klöster werden von gestressten Managern zur Selbstfindung besucht, Führungspersonen versucht man durch Sabbatzeiten vor dem Ausbrennen zu bewahren. In diesem Kontext wirkt doch das vermeintlich antiquierte Sonntagsarbeitsverbot für alle geradezu modern, in dem es den Menschen in einem vorgegebenen Rhythmus dem Nützlichkeitszugriff und der Verfügbarkeit entzieht, ihm eine Nische der Unverfügbarkeit belässt, ohne dass dies Managementberater oder Wellness-Unternehmen erst erfinden müssten. Der Sonntag ist von Religion und Kultur in weiser Voraussicht bereits erfunden worden.

Im 19. Jahrhundert waren es Mediziner und Fabrikbesitzer, die erkannten, dass der Arbeiter nicht einfach an die Dauerlaufzeit der Maschinen angepasst werden könnte und die anfänglich religiös-moralischen Argumente für das Verbot der Sonntagsarbeit wurden damals durch medizinisch-physiologische Erkenntnisse erweitert. Es etablierte sich eine regelrechte „Ermüdungsforschung“, die auch herausfand, dass das neu zu beobachtende Krankheitsphänomen der sogenannten „Nervosität“ als gesundheitliche Folge der Arbeitsbeschleunigung und des hektischen Lebens und damit als Zivilisations- und Zeitkrankheit zu verstehen sei. Was damals eher aus körperlich-medizinischer Sicht richtig war, gilt heute um so mehr aus psychologisch-medizinischer Sicht, denn es ist heute nicht primär die körperliche Anstrengung, die verschleißt.

Richtet man den Blick weg vom Einzelnen auf das gesellschaftliche Ganze, so wird klar, dass man durch die Aufgabe des Sonntagsarbeitsverbots nicht nur den Aktions-Entspannungs-Rhythmus des Einzelnen desynchronisiert, sondern auch den Rhythmus sozialer und kultureller Aktivitäten der Menschen untereinander und in ihren Außenbeziehungen. Es tritt eine zeitliche Gettoisierung ein. Ständig wird über die mangelnde Wertevermittlung in der Familie lamentiert - meint man wirklich, dass sich hieran etwas bessert, wenn der gemeinsame Rhythmus von Arbeit und Freizeit aller Familienmitglieder aufgehoben wird? Die Auflösung der zeitlichen Oase des Sonntags würde den wesentlichen Rahmen für gegenseitige Beziehungspflege und Interaktionen gefährden. Wann denn sonst verbleibt genug Raum und Zeit für die Konstitution des Miteinander. Wann sonst soll es den gemeinsamen Raum geben zum Monopoly- oder Uno-Spiel, zur längeren Diskussion, zur kulturellen Veranstaltung, zum Besuch von Freunden, zu Ausflügen und Wanderungen. Der Sonntag ist ein wertvolles Kulturgut – so jedenfalls hat es der Philosoph Romano Guardini einmal ausgedrückt.

Kulturhistorisch spielt die rhythmische 7-Tage-Gliederung der Woche eine wichtige Rolle zur Wahrung der zeitlichen und sozialen Überschaubarkeit des Lebens, die auch der biologischen Natur des Menschen entspricht. Es führt zu psychosomatischen Irritationen, diesen für alle Bürger synchronen Rhythmus aufzugeben. Der Mensch verwirklicht sich neben der Arbeit eben auch durch Muße, Feier und Spiel im sozialen Kontext. Und er braucht in wöchentlichen Abständen Zeit der Entlastung, der Ruhe und Besinnung, um zu sich selbst zu kommen und neue Kraft schöpfen zu können und zu all jenem, was jedenfalls an Arbeitstagen zu kurz kommt. Der Sonntag ist mit seiner Charakteristik des „Anders-Seins“ Struktur- und Taktgeber des individuellen und gesellschaftlichen Lebens. Wir haben die Konsumzeiten in den letzten Jahren schon ausreichend genug ausgedehnt, als dass es jetzt dem Sonntag dafür an den Kragen gehen müsste. Lasst uns die Nische der Exklusivität des Sonntags verteidigen. Es ist wenig an vermeintlicher Konsumfreiheit, was wir gewinnen und es ist viel, was wir verlieren – auch aus medizinischer und vor allem psychohygienischer und kulturpsychologischer Sicht.

Ich bin nicht so romantisch und naiv zu glauben, dass das Festhalten an der Sonntagsruhe allein schon die Garantie für das Stattfinden der von mir erhofften und im Grundgesetz genannten „seelischen Erhebung“ bietet. Ein bisschen pflegen müssen wir wahrscheinlich die Sonntagskultur schon. Es gibt ja auch eher gesundheitsgefährdende „Nutzungen“ des Sonntags, wenn etwa jeder in der Familie getrennt an einem eigenen Computer im Internet surft oder wenn das Wochenende als Plattform zum Komasaufen dient. Auch muss es nachdenklich machen, wenn die Sonntagsgestaltungen dem Arbeitsalltag immer ähnlicher werden – Stichwort Freizeitstress und Freizeitindustrie. Jeder kann seine eigene Sonntagskultur finden, sei sie geprägt durch gelassenen Genuss, durch Selbstverwirklichung oder Erholung für sich selbst und seine Beziehungen. Wer religiös ist, wird seine Sonntagszeit auch mit einem Gottesdienstbesuch bereichern können, bei dem er auch alle anderen von der Sonntagsarbeit befreiten Christen treffen kann.

Albert Schweitzer formulierte einmal mit psychologischer Weisheit: wenn die Seele keinen Sonntag hat, dann verdorrt sie. Marie Luise Kaschnitz sagt es poetisch: Einmal ausruhen, nichts aufnehmen, nichts annehmen, nichts gutheißen, schlechtheißen, in Zusammenhang bringen. Vielmehr nur Da-Sein.

Wir sollten uns die schöne Antiquität des arbeitsfreien Sonntags leisten als Bastion gegen die Übergriffe der Ökonomie, der Relativierung und der Verfügbarkeit auf das Menschliche. Aus meiner Sicht wird dies dem Rhythmus unseres Körper und unserer Seele gut tun.

Korrespondenzadresse:
Prof. Dr. med. Dipl. Psych. Frank Erbguth
Leitender Arzt der Klinik für Neurologie
Klinikum Nürnberg
Breslauer Str. 201
D-90471 Nürnberg
Tel: 0911-398-2491; Fax: 0911-398-3164
Mail: erbguth@klinikum-nuernberg.de

 

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