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Einführung:
„Alles hat seine Zeit“, heißt es beim Prediger
Salomo im Alten Testament. Und da ist davon die Rede, dass pflanzen
seine Zeit hat und ausreißen, bauen und abrechen, lachen und weinen,
behalten und verlieren, reden und schweigen, lieben und hassen.
Alles hat seine Zeit. Vieles ließe sich bei dieser Aufzählung noch
hinzufügen – vor allem arbeiten hat seine Zeit und ausruhen hat
seine Zeit. Ja, es hat sogar seinen ganz bestimmten Rhythmus: Sechs
Tage zu arbeiten und am siebten Tag zu ruhen.
„Und Gott segnete den siebten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm
ruhte von allen seinen Werken.“ Diese Worte des Schöpfungsberichtes
sind der Beginn der sieben-Tage-Woche, die Erfindung eines
arbeitsfreien Tages in der Woche. Diese Worte aus den ersten Seiten
der Bibel sind die große Erlaubnis, das Leben in Rhythmen von
Schaffen und Erholung einzuteilen.
Zuvor heißt es im Schöpfungsbericht, dass Gott zunächst Tiere
segnete und dann Menschen. Und vom siebten Tag der Woche wird
berichtet, dass Gott diesen Tag segnete. Der Ruhetag steht also
unter dem besonderen Schutz und Segen Gottes. Er ist ein Geschenk
Gottes, um im Getriebe des Alltages nicht zu Getriebenen zu werden.
Der siebte Tag der Schöpfungsgeschichte ist der Sabbat, der Samstag
– der Ruhetag der Juden. Der folgende Sonntag – der Sonnentag –
erinnert daran, wie Gott das Licht in die Welt gebracht hatte. Schon
früh widmeten Christen diesen Tag ihrem Glauben. Denn es ist auch
der Tag, an dem Jesus Christus auferstanden war. Der Sonntag ist für
uns Christen also nicht der Abschluss der Woche, sondern der Beginn.
Der jüdische Philosoph Franz Rosenzweig schreibt deshalb: „Der
Christ ist der ewige Anfänger; das Vollenden ist nicht seine Sache.
Anfang gut, alles gut.“
In der Vergangenheit gab es immer wieder Versuche, die
sieben-Tage-Woche abzuschaffen und einen anderen Rhythmus
einzuführen. Weil der russische Diktator Josef Stalin die teuren
industriellen Maschinen Tag und Nacht laufen lassen wollte, erschuf
er im Jahr 1929 die fünf-Tage-Woche - ohne Wochenende versteht sich.
Der Monat zu sechs Wochen und dazu jährlich fünf sozialistische
Feiertage ergaben ein Jahr mit 73 Wochen. Die Folge: Die
Produktivität sank, ein gefährliches Chaos entstand. Dies musste
auch Stalin einsehen. So entschied er sich bereits 1931 zu einer
sechs-Tage-Woche mit einem freien Tag.
Heute wird der arbeitsfreie Tag in der Woche immer wichtiger.
Angesichts wachsender Belastungen durch den weltweiten Wettbewerb
und den ständigen Wandel bekommen Zeiten der Muße, Erholung und
Besinnung immer mehr Bedeutung. Bundesinnenminister Wolfgang
Schäuble hat dies so auf den Punkt gebracht: „Sonn- und Feiertage
schaffen einen Freiraum, in dem der Einzelne und die Gemeinschaft
Bedürfnisse stillen können, die im Alltag häufig zu kurz kommen.“ In
einer Zeit der Beschleunigung braucht es also verstärkt Phasen der
Entschleunigung. Um Tempo aus dem Leben herauszunehmen, um ein oder
mehrere Gänge herunterzuschalten. Der Sonntag ist ein Geschenk
Gottes, um regelmäßig entschleunigen zu können.
„Alles hat seine Zeit“, sagt der Prediger Salomo im Alten Testament.
Im Blick auf unseren Lebensrhythmus meint das: Arbeiten hat seine
Zeit und ausruhen hat seine Zeit, beschleunigen hat seine Zeit und
entschleunigen hat seine Zeit. Gott sei Dank, dass es diesen
Rhythmus gibt.
Dekan Günter Saalfrank (Hof)
Predigt:
Liebe Leser,
zuerst möchte ich Ihnen Herr Dekan Saalfrank herzlich für die
Einladung danken, Ihrer St. Michaelis Gottesdienstreihe zum dritten
Gebot einige medizinische Überlegungen hinzufügen zu dürfen. Zwar
ist die Thematik nicht mein eigentlicher wissenschaftlicher
Schwerpunkt; aber die Zusage war für mich aus einem besonderen Grund
Freude und Verpflichtung: hier in der Michaeliskirche meiner
Heimatstadt Hof wurde ich vor etwas mehr als 53 Jahren getauft.
Lassen Sie mich mit zwei Vorbemerkungen
beginnen:
Zum Ersten: Eine unmittelbare und
direkte medizinische Begründung des sonntäglichen Arbeitsverbots
werde ich Ihnen nicht liefern können: es existieren keine harten
Fakten, die etwa belegen würden, dass die Zahl der Herzinfarkte,
Schlaganfälle oder Krebserkrankungen ansteigen würde, wenn man das
Sonntagsarbeitsverbot abschafft und die Ladenöffnungszeiten
ausweitet. Daher sind meine Argumente für die Achtung des 3. Gebotes
eher indirekt biologisch-medizinischer Natur und berücksichtigen
auch psychologische, sozialpsychologische und kultursoziologische
Aspekte. Anders ist das übrigens bei der Nachtschichtarbeit: hier
sind direkte medizinische Argumente zu finden, mit denen man gegen
die Ausweitung von Nachtarbeit argumentieren kann.
Zum Zweiten: Bin ich als Arzt nicht
genau der Falsche, wenn es darum geht, für den Schutz des
arbeitsfreien Sonntags zu werben, wo doch für mich und meine
Mitarbeiter und Kollegen Sonntagsarbeit fast schon zum Alltag
gehört? Sonntagsarbeit ist aber auch für uns die Ausnahme von der
Regel und jedesmal, wenn es um die Aufstellung des Dienstplans in
unserer Klinik geht, merkt man – vielleicht glücklicherweise - wie
schwierig es ist, die Sonntagsdienste zu verteilen, da viele
Mitarbeiter berechtigte Hinderungsgründe anführen, warum dieser oder
jener Sonntag dienstfrei bleiben sollte, weil gerade da
Familienunternehmungen anstehen oder einfach ein zusammenhängendes
Wochenende zum Faulenzen oder Ausspannen benötigt wird.
Diese zu beobachtende Zurückhaltung der Menschen, sich für den
Sonntag für Arbeit verplanen zu lassen, führt schon gleich zu meiner
These, die lautet:
Für den Lebens- und Arbeitsrhythmus des Einzelnen sind aus
medizinischer und psychologischer Sicht rhythmische Tage der
Freizeit als vorgegebene Unterbrechungen und Zäsuren immens wichtig
für den Erhalt der Lebenszufriedenheit und Arbeitsfähigkeit. Während
es bei Betrachtung des Einzelnen nicht so entscheidend wäre, welcher
Tag dieser „Ausnahmetag“ wäre, so ist im Beziehungsgeflecht mit
anderen Menschen, innerhalb der Familien oder nach außen mit
Freunden und im gesamten gesellschaftlichen Kontext eine
Gleichschaltung und Synchronität dieses Erholungstages unerlässlich.
Dies erst ermöglicht es dem Einzelnen, die Besonderheit – oder sagen
wir biblisch „das Heilige“ - an diesem Ausnahmetag – dem Sonntag –
erfahren zu können. Das ist wohl gemeint, wenn das Grundgesetz und
auch die Bayerische Verfassung von den Sonn- und Feiertagen als
Tagen „der seelischen Erhebung und Arbeitsruhe“ spricht. Die Aufgabe
des Schutzes dieser Oase würde negative Auswirkungen auf die
Volksgesundheit, die Beziehungen, die Kultur und letztlich auch auf
die Wirtschaft haben.
Nun zu den Argumenten:
Ein Kennzeichen des Kosmos und der Biologie sind Rhythmen. Hell und
Dunkel, Jahreszeiten, Ebbe und Flut. Rhythmen kennzeichnen auch den
Organismus des Menschen: Da gibt es den pulsierenden Herzschlag, das
Aus- und Ein- und die Pause beim Atmen, den Schlaf-Wach-Rhythmus,
komplexe hormonelle Zyklen und selbst der Darm ist in seiner
Verdauungstätigkeit Rhythmen unterworfen. Als wesentlicher Taktgeber
und Koordinator dieser körperlichen Rhythmen fungiert das vegetative
– oder auch „autonom“ genannte – Nervensystem mit seinen
Schaltstellen im Gehirn und seinen Nervenfasern in allen Organen.
Als autonom wird es bezeichnet, weil es weitgehend unabhängig vom
Zugriff unseres Willens arbeitet und damit der Verfügbarkeit
entzogen ist. Auch psychische Funktionen, Konzentrations- und
Leistungsfähigkeit, und Affekte unterliegen Schwankungen. Werden
diese Rhythmen von innen oder außen extrem ausgelenkt oder aus dem
Tritt gebracht, so führt dies zu körperlichen und psychischen
Erkrankungen: das gilt etwa für pausenlose Daueranspannung und
ständige Leistungsbereitschaft oder für die erwartete Dauereuphorie
der „Gesellschaft der ewigen Jugend“. Konzentration, Anspannung und
Aktivität ohne tageweise richtige Pausen führen zur enorm hohen
Dauerausschüttung von Stresshormonen und Kortisol, was
nachgewiesenermaßen körperliche und psychische Schäden nach sich
zieht: es kommt zu Schlafstörungen, Depression, hohem Blutdruck,
Zuckererkrankung und damit zu Gefäßschäden. Diese wiederum bahnen
den Weg zu Herzinfarkt und Schlaganfall. Hier stimmt durchaus das
Klischee vom ungesunden Stress. Die Stressforscher haben auch
herausgefunden, dass Stress besonders dann gesundheitsschädliche
Folgen hat, wenn unsere Arbeitsbedingungen wenig Struktur und
Regelmäßigkeit in den Rhythmen zwischen Anspannung und Erholung
bieten und wenn diese Rhythmen als willkürlich von außen gesteuert
erlebt werden und wir uns in unserer Arbeit als von außen verfügt
erleben. Genau das aber würde passieren, wenn die Sonntagsruhe für
noch mehr Menschen zur Disposition stünde.
Obwohl die autonomen vegetativen Vorgänge in der Biologie eigentlich
dem willkürlichen Zugriff entzogen sind, hat dennoch der Mensch als
einziges biologisches Wesen die Freiheit, sich über seine inneren
Uhren und Rhythmen willkürlich – zumindest vorübergehend –
hinwegzusetzen. Tiere können das nicht. Ein Hund etwa käme nie auf
die Idee, einmal eine Nacht durchzumachen oder eine Eule würde nur
unter Extrembedingungen am Tage aktiv sein. Diese biologische
Freiheit des Menschen ist aber nicht ohne Nebenwirkung: die
Rhythmusverletzungen fordern bei längerer Dauer ihren biologischen
Tribut und versuchen über Warnzeichen die Rückkehr zum Rhythmus zu
erzwingen – denken Sie an den Jetlag. Hier allerdings sind wir ja
inzwischen kreativ, wenn es darum geht, die Warnzeichen außer Kraft
zu setzen: da wird die zur Ruhe zwingende Müdigkeit mit Red-Bull
niedergespült und wenn man dann zu aufgedreht keinen Schlaf findet,
wird mit einem eingeworfenen Beruhigungsmittelchen gegengesteuert.
Hirn-Doping oder Neuro-Enhancement ist die Bezeichnung für den
wachsenden Gebrauch von wachmachenden Medikamenten wie Ritalin oder
Vigil zur Leistungssteigerung von Menschen – übrigens auch von
Wissenschaftlern - eigentlich waren diese Medikamente für Kranke
gedacht. Etwa 1 Million Deutsche nehmen mittlerweile regelmäßig
Medikamente ein, um den Anforderungen am Arbeitsplatz zu genügen.
Auf Dauer lassen sich die biologischen Rhythmen allerdings nicht
außer Kraft setzen: die körperlichen und psychischen Warnzeichen
werden drastischer: wir Ärzte finden hohen Blutdruck,
Herzrhythmusstörungen, Schlaflosigkeit, Depressivität, sexuelle
Störungen und das sogenannte burn-out-Syndrom. In der Arbeitsmedizin
weiß man, dass beispielsweise Menschen die regelmäßig nachts
arbeiten, 5-10 mal so häufig unter den genannten Beschwerden leiden
wie Menschen, die ausschließlich tagsüber arbeiten.
Gesundheitliche Folgen der Beschleunigung und Verdichtung am
Arbeitsplatz sind an weiteren statistischen Daten greifbar: während
die jährlichen Krankschreibungstage auf etwa 7 zurückgegangen sind,
steigt die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage wegen psychischer
Erkrankungen in Form von Angsterkrankungen, Panikattacken und
Depressionen ständig weiter an und beträgt mittlerweile 27 Tage.
Darüber hinaus stellen mittlerweile psychische Störungen die
häufigste Ursache von Frühberentungen dar; der Verband der
Betriebsärzte sieht die Ursachen in der beschleunigten Arbeitswelt.
Für die Installierung weiterer und höherer Arbeitsverfügbarkeit und
die Auflösung der „natürlichen“ oder kulturell gegebenen
Arbeitskorridore würde die Wirtschaft einen hohen Preis zahlen, weil
die Zahl der „Kollateralschäden“ in Form der genannten Erkrankungen
zunehmen würde.
Die Freiheit, uns zeitweise den gesundheitsverträglichen Rhythmen
entziehen zu können, legt uns gleichzeitig die Bürde auf, die
Grenzen selbst zu setzen und zu regulieren. Dies ist eine hohe
Anforderung – meist eine Überforderung. Das rechte Maß selbst zu
finden, ist besonders dann schwierig, wenn von Außen – gerade im
Kontext der Arbeitswelt – direkter Druck ausgeübt wird oder indirekt
durch Strukturveränderung entsteht. Daher ist es doch zu begrüßen
und stellt geradezu eine „antiquierte Gnade“ dar, dass mit dem
Sonntag eine von außen gesetzte und ohne eigene Anstrengung
bestehende geschützte Rettungsinsel besteht in den Wogen der an den
Einzelnen herangetragenen Verfügbarkeitswünschen. Es ist sehr
energiesparend, dass man sich um die Errichtung dieser Zeitinsel
ausnahmsweise mal nicht selbst kümmern muss – Religion und Kultur
haben sie einfach so dahingestellt. Wir sollten sie nicht so einfach
opfern! Auch wenn der heilige Sonntag manchmal polemisch dargestellt
wird wie eine antiquierte heilige Kuh.
Wir haben doch zugunsten der Freiheit und allgegenwärtigen
Spontaneität und Verfügbarkeit schon eine Menge heiliger Kühe und
Grenzen außer Kraft gesetzt und gesprengt – oder sollte man besser
sagen „geopfert“. Die Nebenwirkungen holen uns gerade ein. Eine
Rund-um-die Uhr-Gesellschaft macht sich breit, in der jeder stets
erreichbar, und damit präsent und verfügbar ist. Und eins weiß die
Medizin schon: ständige Verfügbarkeit macht krank. Auch wenn Vieles
durch moderne Kommunikation einfacher und bequemer erscheint, hat
doch dadurch die Arbeitswelt vielfach die Grenze ins Privatleben
schon durchbrochen - denken sie an die ständige Erreichbarkeit per
Handy und E-Mail; für Entspannung und Rückzugsräume fehlen Zeit und
Raum. Ich denke, jeder Handybenutzer weiß: das anfangs nette und
nützliche Privileg der ständigen Erreichbarkeit ist mittlerweile zur
Dauerplage geworden.
Gesamtgesellschaftlich und nicht zuletzt in Wirtschaftkreisen hat
man die Nachteile dieser kommunikativen Omnipräsenz, Verfügbarkeit,
Arbeitsverdichtung und -beschleunigung durchaus erkannt und es wird
kaum mehr ein Managerseminar angeboten, wo es nicht um
Entschleunigung, Vereinfachung und Abkoppelung von der
Dauerverfügbarkeit geht. Man sucht krampfhaft nach Inseln und Oasen,
da werden Fitnessstudios und Joggingprogramme mit ihren mühevollen
Exerzitien als Kompensation gepriesen, christliche oder
buddhistische Klöster werden von gestressten Managern zur
Selbstfindung besucht, Führungspersonen versucht man durch
Sabbatzeiten vor dem Ausbrennen zu bewahren. In diesem Kontext wirkt
doch das vermeintlich antiquierte Sonntagsarbeitsverbot für alle
geradezu modern, in dem es den Menschen in einem vorgegebenen
Rhythmus dem Nützlichkeitszugriff und der Verfügbarkeit entzieht,
ihm eine Nische der Unverfügbarkeit belässt, ohne dass dies
Managementberater oder Wellness-Unternehmen erst erfinden müssten.
Der Sonntag ist von Religion und Kultur in weiser Voraussicht
bereits erfunden worden.
Im 19. Jahrhundert waren es Mediziner und Fabrikbesitzer, die
erkannten, dass der Arbeiter nicht einfach an die Dauerlaufzeit der
Maschinen angepasst werden könnte und die anfänglich
religiös-moralischen Argumente für das Verbot der Sonntagsarbeit
wurden damals durch medizinisch-physiologische Erkenntnisse
erweitert. Es etablierte sich eine regelrechte „Ermüdungsforschung“,
die auch herausfand, dass das neu zu beobachtende Krankheitsphänomen
der sogenannten „Nervosität“ als gesundheitliche Folge der
Arbeitsbeschleunigung und des hektischen Lebens und damit als
Zivilisations- und Zeitkrankheit zu verstehen sei. Was damals eher
aus körperlich-medizinischer Sicht richtig war, gilt heute um so
mehr aus psychologisch-medizinischer Sicht, denn es ist heute nicht
primär die körperliche Anstrengung, die verschleißt.
Richtet man den Blick weg vom Einzelnen auf das gesellschaftliche
Ganze, so wird klar, dass man durch die Aufgabe des
Sonntagsarbeitsverbots nicht nur den Aktions-Entspannungs-Rhythmus
des Einzelnen desynchronisiert, sondern auch den Rhythmus sozialer
und kultureller Aktivitäten der Menschen untereinander und in ihren
Außenbeziehungen. Es tritt eine zeitliche Gettoisierung ein. Ständig
wird über die mangelnde Wertevermittlung in der Familie lamentiert -
meint man wirklich, dass sich hieran etwas bessert, wenn der
gemeinsame Rhythmus von Arbeit und Freizeit aller Familienmitglieder
aufgehoben wird? Die Auflösung der zeitlichen Oase des Sonntags
würde den wesentlichen Rahmen für gegenseitige Beziehungspflege und
Interaktionen gefährden. Wann denn sonst verbleibt genug Raum und
Zeit für die Konstitution des Miteinander. Wann sonst soll es den
gemeinsamen Raum geben zum Monopoly- oder Uno-Spiel, zur längeren
Diskussion, zur kulturellen Veranstaltung, zum Besuch von Freunden,
zu Ausflügen und Wanderungen. Der Sonntag ist ein wertvolles
Kulturgut – so jedenfalls hat es der Philosoph Romano Guardini
einmal ausgedrückt.
Kulturhistorisch spielt die rhythmische 7-Tage-Gliederung der Woche
eine wichtige Rolle zur Wahrung der zeitlichen und sozialen
Überschaubarkeit des Lebens, die auch der biologischen Natur des
Menschen entspricht. Es führt zu psychosomatischen Irritationen,
diesen für alle Bürger synchronen Rhythmus aufzugeben. Der Mensch
verwirklicht sich neben der Arbeit eben auch durch Muße, Feier und
Spiel im sozialen Kontext. Und er braucht in wöchentlichen Abständen
Zeit der Entlastung, der Ruhe und Besinnung, um zu sich selbst zu
kommen und neue Kraft schöpfen zu können und zu all jenem, was
jedenfalls an Arbeitstagen zu kurz kommt. Der Sonntag ist mit seiner
Charakteristik des „Anders-Seins“ Struktur- und Taktgeber des
individuellen und gesellschaftlichen Lebens. Wir haben die
Konsumzeiten in den letzten Jahren schon ausreichend genug
ausgedehnt, als dass es jetzt dem Sonntag dafür an den Kragen gehen
müsste. Lasst uns die Nische der Exklusivität des Sonntags
verteidigen. Es ist wenig an vermeintlicher Konsumfreiheit, was wir
gewinnen und es ist viel, was wir verlieren – auch aus medizinischer
und vor allem psychohygienischer und kulturpsychologischer Sicht.
Ich bin nicht so romantisch und naiv zu glauben, dass das Festhalten
an der Sonntagsruhe allein schon die Garantie für das Stattfinden
der von mir erhofften und im Grundgesetz genannten „seelischen
Erhebung“ bietet. Ein bisschen pflegen müssen wir wahrscheinlich die
Sonntagskultur schon. Es gibt ja auch eher gesundheitsgefährdende
„Nutzungen“ des Sonntags, wenn etwa jeder in der Familie getrennt an
einem eigenen Computer im Internet surft oder wenn das Wochenende
als Plattform zum Komasaufen dient. Auch muss es nachdenklich
machen, wenn die Sonntagsgestaltungen dem Arbeitsalltag immer
ähnlicher werden – Stichwort Freizeitstress und Freizeitindustrie.
Jeder kann seine eigene Sonntagskultur finden, sei sie geprägt durch
gelassenen Genuss, durch Selbstverwirklichung oder Erholung für sich
selbst und seine Beziehungen. Wer religiös ist, wird seine
Sonntagszeit auch mit einem Gottesdienstbesuch bereichern können,
bei dem er auch alle anderen von der Sonntagsarbeit befreiten
Christen treffen kann.
Albert Schweitzer formulierte einmal mit psychologischer Weisheit:
wenn die Seele keinen Sonntag hat, dann verdorrt sie. Marie Luise
Kaschnitz sagt es poetisch: Einmal ausruhen, nichts aufnehmen,
nichts annehmen, nichts gutheißen, schlechtheißen, in Zusammenhang
bringen. Vielmehr nur Da-Sein.
Wir sollten uns die schöne Antiquität des arbeitsfreien Sonntags
leisten als Bastion gegen die Übergriffe der Ökonomie, der
Relativierung und der Verfügbarkeit auf das Menschliche. Aus meiner
Sicht wird dies dem Rhythmus unseres Körper und unserer Seele gut
tun.
Korrespondenzadresse:
Prof. Dr. med. Dipl. Psych. Frank Erbguth
Leitender Arzt der Klinik für Neurologie
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